Umweltberichte unter der Lupe | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Wissenschaft

Inflation des guten Gewissens
Umweltberichte: Nur bunte Broschüren zur Imagepflege im Umweltschutz?

„Am Anfang stand eine bittere Erfahrung”, gesteht Dr. Ernst Schadow, Umweltvorstand bei Hoechst. Die Erfahrung vom Frühjahr 1993 habe ihnen gezeigt, dass Hoechst für die Öffentlichkeit eine unbekannte Unternehmung gewesen sei, quasi ein weißer Fleck in der Landschaft. Die Serie von drei Störfällen und 15 Betriebsstörungen brachte den Konzern damals in die Schlagzeilen und hatte nicht nur das Vertrauen der unmittelbaren Nachbarn erschüttert.

Durch die Bürgerproteste und dem Wechsel in der Führungsebene des Chemiekonzerns, scheint sich in den vergangenen Jahren eine Öffnung in der Unternehmenskommunikation vollzogen zu haben. Hoechst will - über den gesetzlichen Rahmen hinaus - den Nachbarn bei jedem Genehmigungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung einen kompletten Satz der Unterlagen zeitgleich mit der Prüfung durch die Behörden zur Verfügung stellen. Früher konnten die Hoechster Anwohner noch nicht einmal Kopien einzelner Seiten erhalten, sondern musste diese bei Vor-Ort-Einsicht von Hand abschreiben. Mehr Offenheit gewährt man bei Hoechst nun auch in den externen Umweltpublikationen. Schadow resümiert den Wandel „als Fähigkeit zur Selbstkritik”.

Aber können besorgte Anwohner oder engagierte Aktionäre wirklich aus den Veröffentlichungen ersehen, wie gefährlich oder wie umweltfreundlich die Betriebe sind? Was leisten sich Unternehmen in puncto Umweltverbrauch, und was leisten sie an Umweltschutz? Und was muss in einem Umweltbericht stehen? Zum Jahresbeginn 1997 informierten in Deutschland rund 630 Unternehmen über ihre Umweltschutzaktivitäten. Eine wahre Inflation an „gutem Gewissen”, waren es doch vor sieben Jahren weltweit noch nicht einmal zehn Unternehmen, die Ergebnisse und Aktivitäten im Umweltschutz veröffentlichten. Die Anzahl von Unternehmen, die in Geschäftsberichten, Produktunterlagen oder Broschüren über Umweltbelange informieren, liegt noch weit höher.

Das Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) gGmbH mit Sitz in Berlin bewertete im Rahmen eines „Rankings” Umweltberichte und Umwelterklärungen von insgesamt 97 deutschen Unternehmen, die zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember 1995 veröffentlicht wurden. „Allerdings haben wir nicht die Umweltschutzleistung der Unternehmen beurteilt, sondern allein die Qualität deren Berichterstattung”, gibt Klaus Fichter vom IÖW zu bedenken. Es gäbe zwar einen gewissen Zusammenhang zwischen Leistung und Berichterstattung, glaubt man beim IÖW, aber diese Leistung zu bewerten, sei nicht machbar gewesen. „Wer eine echte Dreckschleuder unterhält, wird wohl auch nicht offen darüber berichten”, lässt Fichter doch einen leisen Zweifel offen.

Das „Ranking” beurteilte Umweltberichte von Firmen verschiedener Branchen. Dieser Vergleich sei zulässig und möglich, erklärt Fichter, da grundsätzliche Punkte wie zum Beispiel Stoff- und Energieströme, Stoffmengen und deren Umweltrelevanz als Maßstäbe angelegt wurden Diese gelten für alle Branchen. Ferner bewertete man die Wesentlichkeit des Berichtes; also die Frage, über was wird berichtet? „Und wenn dann ein Chemieunternehmen nur über Wasser- und Energieverbrauch berichtet, mutet das doch etwas merkwürdig an, oder?” fragt sich wohl nicht nur das IÖW. Und das Institut geht in seinen Forderungen noch weiter: „Wir sagen, das Produkt bzw. die Produktpalette muss einbezogen werden. Es muss auch Kriterium für Umweltberichte werden."

Die Kontinuität der Berichterstattung spielte eine weitere Rolle. „Die Leser müssen den Überblick behalten können. Firmen sollten nicht im einem Berichtsjahr über Abfall und im anderen über Luftbelastung berichten.” Die Zielgruppenorientierung war ein weiterer Eckpunkt im Prüfraster: „Welche Informationen brauchen die Leser? 500 Seiten-Berichte machen keinen Sinn”, weiß Fichter, da sie kaum einer lese, geschweige denn verstehe. Das wichtigste Kriterium Glaubwürdigkeit findet sich allen Aspekten des Rasters wieder.„Wir schauten erstens danach ob, es eine Überprüfung der Standorte durch neutrale Experten gibt”, erklärt Fichter, denn erst dann könne man sich eher darauf verlassen, dass die angegebenen Daten auch stimmen. Zweitens, werden Problemfragen offen angesprochen, oder wird alles in schönen Farben gemalt? „Es gibt wohl keinen Standort ohne Probleme?” behauptet Fichter. Glaubwürdigkeit komme von Offenheit, Transparenz, Ehrlichkeit im Umgang mit diesen Fragen, daran könne man die Glaubwürdigkeit messen, meint das IÖW. Das könne man zwar nicht immer zu 100 Prozent festmachen, aber man erhalte zumindest eine grobe Tendenz.

Firmen, die nach der EG-Öko-Auditverordnung validiert wurden, haben schon einen gewissen Standard in der Berichterstattung. Dieser sei zwar noch recht vage, meint Fichter, „doch immerhin ist er eine erste Basis”. Gesetzliche Bestimmungen über Inhalt und Form von Umweltberichten gibt es in Deutschland noch nicht. Zur Zeit erwartet er eine solche Gesetzesinitiative auch nicht, und wenn, werde sie durch die harte Lobbyarbeit der betroffenen Branchen aufgeweicht. Auch in den USA gibt es keine Verpflichtung zu Umweltberichten, sondern Firmen ab einer bestimmten Größe müssen detaillierte Angaben ihre Gefahrstoffverbräuche an die Washingtoner Umweltbehörde melden.

Das IÖW kommt in seiner Studie nun zum Ergebnis, dass die Umweltberichte in den vergangenen ein bis zwei Jahren in ihrem Aufbau systematischer und generell vollständiger geworden sind. Die EG-Öko-Audit-Verordnung und insbesondere die veröffentlichten Leitfäden zur Umweltberichterstattung zeigen hier Wirkung. Die steigende Zahl an Veröffentlichungen von Umweltberichten erklärt Fichter zum einen damit, dass interne Umweltdaten nun eher greifbar seien als noch vor drei vier Jahren, und wer an dem EG-Öko-Audit teilnehme, muss seinen Umweltstandard offenlegen. Und zum anderen verlange es eben auch das „Gebot des Marketings.”

Bei Ausschreibungen öffentlicher Einrichtungen wird immer häufiger nach Umweltschutzaspekten gefragt: „Nehmen Sie denn auch am EG-Öko-Audit-System teil?” Diese Erfahrung machte auch die Firma Assmann Büromöbel aus Melle im Landkreis Osnabrück. Landesministerien oder andere kommunale Behörden gehören zu den wichtigsten Kunden. „Diese geben in der Regel nicht nur ein oder zwei Schreibtische in Auftrag”, konstatiert der Umweltbeauftragte Andreas Fripp, sondern bestellen gleich in großen Mengen. Um so wichtiger sei es, die Großkunden von der Qualität der Produkte und den Leistungen des Unternehmens zu überzeugen: durch die Umwelterklärung. „Sie ist eine wichtige Informationsquelle für umweltsensible Kunden und spielt gerade bei Großaufträgen öffentlicher Einrichtungen eine wichtige Rolle.”

Und der Umweltbericht verblasst zu einem PR-Instrument? Wohl nicht in jedem Fall, aber dem Babynahrungshersteller Hipp - mit rund 750 Mitarbeitern zählt der oberbayerische Lebensmittelhersteller zu den Führenden in Europa - verhalf das Instrument Umweltbericht dem Unternehmen zu einer beachtlichen Aufmerksamkeit in der Presse: Die Veröffentlichung des zweiten Umweltberichtes im November 1996 erreichte über die Tages- und Fachpresse knapp 12,5 Millionen potentielle Leser. Hipp-Marketing-Leiter Reiner Tafferner ist sicher, dass sie ohne Umweltberichte diese positive PR nicht gehabt hätten.

Und natürlich sind auch die Abnehmer der Hipp-Produkte beeindruckt. So verlieh der Großkunde Tengelmann dem Hipp-Bericht das Qualitätsurteil „sehr gut”. Firmenchef Claus Hipp sieht darin sich bestätigt, dass die Umweltberichterstattung zur Profilierung am Markt beitrage und so die Vorreiterrolle des Unternehmens im hart umkämpften Babynahrungsmarkt unterstütze. Auch Joachim Weckmann, Geschäftsführer der Berliner Öko Bäckerei Märkisches Landbrot, kennt den Wert von Umwelterklärungen. Für sein 60 Mitarbeiter zählendes Unternehmen bemühte er bei seiner Hausbank um einen größeren Firmenkredit, und erfuhr zunächst eine ablehnende Haltung. „Die Umwelterklärung gab den schwierigen Kreditverhandlungen eine positive Wende”, sagt Weckmann. Zusammen mit dem Umweltmanagement konnte er auch die Berliner Feuersozietät überzeugen und genießt heute deutlich günstigere Konditionen bei der Brandschutzversicherung.

Nach Ansicht des IÖW dominieren bei den meisten Umweltberichten, insbesondere der Chemieindustrie, nach wie vor standortbezogene Umweltaspekte, und hier in erster Linie die Emissionsfragen (Luft-, Wasseremissionen, Abfälle). Produkte bzw. Dienstleistungen als eigentlicher Gegenstand und der Verbrauch von Rohstoffen, seien noch weitgehend unterbelichtet, heißt es in der Studie Gerade die chemische Industrie habe hier erheblichen Verbesserungsbedarf. „Der Leitfaden des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) ist da ein erster Schritt”, sagt Fichter, „aber immer noch nicht ausreichend genug!”

Die Ciba-Spezialitätenchemie GmbH im hessischen Lambertsheim gehört zu den ersten europäischen Chemiestandorten, die im Rahmen des EG-Öko-Audit-Systems zertifiziert wurde. Die rund 1.000 Mitarbeiter zählende Tochter des Schweizer Mutterkonzerns Ciba AG produziert unter anderem Additive für Kunststoffe Lacke, und Druckfarben. Bislang beschränkte sich die Beurteilung von Gefahrstoffen, Produktionsverfahren oder Emissionen darauf, inwieweit gesetzliche Vorschriften und firmeninterne Vorgaben eingehalten werden. Sonstige Bewertungen wurden „oft nach Gefühl” vorgenommen, räumt Dr. Hans-Paul Becker, Umweltschutzbeauftragter des Unternehmens, ein. Die Umweltberichterstattung war Auslöser für die grundlegende Verbesserung bei der Bewertung betrieblicher Umweltrisiken- und chancen.

Im Vergleich zwischen Konzern-Umweltberichten und Berichten von mittelständischen Unternehmen (KMU) schneidet der Mittelstand besser ab: sie seien deutlicher, glaubwürdiger und klarer nachvollziehbarer als Konzernberichte, sagt die Studie aus. Die Schwächen der KMU-Berichte liegen bei der Analyse und Bewertung ihrer Umweltdaten sowie Umweltsituation, bei der Kommunikation mit Zielgruppen, und bei der textlichen, graphischen Gestaltung.

Konzernberichte sind demgegenüber bei der Darstellung finanzieller Aspekte des Umweltschutzes und bei der sprachlichen und optischen Präsentation deutlich vorne. Auch schneiden sie bei der Analyse und der Bewertung der Umweltdaten besser ab. Trotzdem, ihre Schwächen, sagt das IÖW, liegen in der Vorstellung des Unternehmens, der systematischen Darstellung der Hauptmassenströme, der Behandlung von Produktfragen und bei der Formulierung überprüfbarer Ziele. Es überrasche also nicht, so im Ergebnis die Studie, dass die Konzernberichte auch in puncto Glaubwürdigkeit sehr schwach abschneiden. Außerdem fehle den Konzernen noch der Blick für die internationale Dimension ihrer Tätigkeit. Standortverlagerungen ins Ausland und die Frage (un-)gleicher Umweltstandards werden fast nie behandelt.

So beflügelte das IÖW-Ranking zum Beispiel das Luftfahrtunternehmen Lufthansa nur auf Platz 74 der Rangliste. In nahezu allen Kriterien erlebte das Unternehmen eine Bruchlandung. Natürlich habe man sich bei Lufthansa das Ergebnis und die Kritik zu Herzen genommen, beteuert Barbara Reck, zuständig für Umweltfragen bei Lufthansa in Hamburg. Die zwei folgenden Umweltberichte seien in ihrer Darstellung viel transparenter und warten mehr Informationen auf, glaubt Frau Reck: Gleich auf Seite vier des aktuellen Umweltberichtes „Balance” gesteht Jürgen Weber, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa AG, dass das Ziel, den Treibstoffverbrauch pro 100 Passagierkilometer jährlich um 0,1 Liter Kerosin zu senken, verfehlt worden sei. Bei den klimarelevanten Kohlendioxidemssionen geben sich die Kraniche verschwiegener und weisen lediglich auf den (bösen) Straßenverkehr hin: Denn auf der Seite 43 heißt es dazu: „Nur etwa 2,4 Prozent der weltweiten, anthropogenen Kohlendioxidemissionen sind auf den Luftverkehr zurückzuführen. Der Straßenverkehr hat demgegenüber einen Anteil von 14 Prozent.” Ein recht schwaches Argument für die Emissionen von knapp acht Millionen Tonnen Kohlendioxid durch Passagierflüge der Lufthansa. Und dass diese Belastungen auch stetig zunehmen, erfährt der Leser leider aus keiner Graphik.

Bunt kommen die meisten Werke daher, der von Quelle zwar nur auf 20 Seiten, aber dafür wirbt Heinz Sielmann für eine große Pflanzaktion des Versandhauses und gibt Tipps für ein umweltverträgliches Verhalten im Wald. Und eine Teilzahlungstabelle für die Waren aus dem Hochglanzkatalog liegt auch gleich bei. Praktisch, meine Quelle. Die Umwelterklärung von dem Konkurrenten Neckermann hat das IÖW schon eher überzeugt: Platz vier im „Ranking”. Mit vier Milliarden Mark Umsatz und 9.500 Mitarbeitern gehört die Neckermann Versand AG zu den Branchenriesen im Versandhandel. „Bei der Zusendung des Umweltberichtes zeigten sich viele Lieferanten positiv überrascht, dass sich Neckermann so intensiv um Umweltschutzbelange kümmert”, so Hans Peter Dorlöcher, Umweltbeauftragter im Unternehmen.

Nicht nur Lieferanten oder Kunden können von einem Umweltbericht profitieren. „Seit es die Umweltberichte bei uns gibt, ist Umweltschutz immer ein Thema auf den Betriebsversammlungen”, bemerkt der Umweltbeauftragte Hans-Jürgen Börke von der Heidelberger Druckmaschinen AG. Sie legte 1996 bereits ihren vierten Umweltbericht vor. Die Mitarbeiter nehmen die Umweltabteilung beim Wort. Zahlreiche Verbesserungsvorschläge, speziell zum Thema „Energiesparen” seien eingebracht worden.

Und wie reagierten die Betroffenen auf ihr „Ranking”? „Die, die gut abschnitten, haben sich natürlich gefreut”, sagt Fichter. Das IÖW werde nun in deren Umweltberichten empfohlen. Quasi Werbung für beide. Da Umweltberichte in Deutschland erst seit wenigen Jahren herausgegeben werden, mangelt es zwangsläufig an Erfahrung sowie Routine bei deren Erstellung. Das wirkt sich wiederum auch auf Inhalte und Formen aus. Hauptkritikpunkt der Beurteilten war nun, dass sie trotz eifrigen Bemühens noch „einen oben drauf” bekommen haben. „Große Unternehmen müssen diese Kritik vertragen können”, verteidigt Fichter die Position des IÖW, denn bei denen gäbe es ein öffentliches Interesse. Und wenn eine Schildermalerei aus dem Oberbayerischen mit 20 Angestellten eine relativ schlechte Umwelterklärung mache, müsse diese dann auch nicht unbedingt veröffentlicht werden. Dies sei zwar so geschehen. aber von dieser Praxis distanziert sich Fichter heute. „Beim nächsten Mal sollen nur die zehn besten Umweltberichte kleinerer Unternehmen veröffentlicht werden, um einen Anreiz für andere zu schaffen” Die Umweltberichte der Konzerne erscheinen wieder komplett im „Ranking”.

Die Unternehmen lassen sich die Umweltberichte einiges kosten. Der Spitzenreiter gab für seine ökologische Rechtfertigung eine Million Mark aus. Großunternehmen mit über 10.000 Mitarbeitern investierten in die Berichterstattung im Durchschnitt 184.000 Mark. Hoffentlich zahlen sich diese Abschreibungen auch eines Tages für die Umwelt in barer Münze aus. Mit politischen Vorgaben allein ist es da nicht getan.

Erstveröffentlichung im Grünstift Heft 10/97

(update 22.07.2004)


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