Sellafield reicht bis in die Arktis | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Wissenschaft

Strahlendes Nordmeer
Radioaktivität: Studie belegt radioaktive Ausbreitung von Sellafield

Ursache für die radioaktive Belastung des Arktischen Ozeans sind die Einleitungen der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) Sellafield in England und nicht die versenkten sowjetischen Atomabfälle in der Barents- oder Karasee. So lautet das Fazit des dreijährigen Forschungsprojektes „Transport und Ausbreitung von Radioaktivität im Arktischen Ozean“ vom Institut für Meereskunde der Universität Hamburg sowie des Bundesamtes für Schifffahrt und Hydrographie (BSH).

Eine Gefahr für die Menschen in Europa und ihrer Umwelt aus diesen Quellen sei auch in Zukunft nicht zu erwarten, erklärt der Ozeanograf von der Uni Hamburg, Ingo Harms. Selbst dann nicht, wenn die gesamte radioaktive Menge auf einmal austräte. Lokale Verseuchungen werden durch den langen Ausbreitungsweg sehr stark verdünnt. Die von den BSH-Forschern gemessenen Konzentrationen im Wasser, Sediment und Fisch von radiologisch relevanten Elementen wie Cäsium oder Plutonium seien durchweg niedriger als zum Beispiel in der Irischen See, der Nord- oder Ostsee, heißt es in der Studie.

Entlang der Ostküste von Novaja Zemlja sind abgewrackte und beschädigte atomgetriebene U-Boote in den Fjorden weniger als 50 Meter tief versenkt worden. Nun rosten sie dort im Salzwasser vor sich hin. Seit 1959 hatten die damaligen sowjetischen Machthaber große Mengen feste und flüssige Abfälle in die Meere kippen lassen: Behälter mit schwach radioaktiven Abfällen und ganze Atomreaktoren, teilweise noch mit Kernbrennstoffen beladen. Als die Versenkungen Anfang der 90er Jahre bekannt wurden, habe man den Grad der Radioaktivität in diesem Gebiet zunächst erheblich überschätzt, sagt Harms. „Das gesamte in die Karasee verklappte radioaktive Inventar entspricht etwa der durchschnittlich pro Jahr eingeleiteten Radioaktivitätsmenge aus Sellafield“.

Rund 3,3 Milliarden Liter an radioaktiven Abwässern werden jährlich von der mittelenglischen WAA seit 1965 über kilometerlange Rohrleitungssysteme in die Irische See gepumpt. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace ließ neue Wasser- und Bodenproben aus der Umgebung um Sellafield unter anderem auch von der Hamburger Umweltbehörde untersuchen. Ergebnis der Analyse: Die Greenpeace-Proben enthalten je nach Nuklid zehntausend- bis zehnmillionenmal höhere Gehalte als Vergleichsproben aus dem Elbbereich. Die Wissenschaftler der Umweltbehörde resümieren in ihrem Bericht, dass „mit großer Wahrscheinlichkeit großflächige und weite Umweltbereiche um die Sellafield-Anlage auch mit diesen Nukliden (Strontium und insbesondere Plutonium) kontaminiert sind und dass diese radiotoxischen Nuklide langfristig in die Nahrungskette einfließen könnten.“ Die Strahlenbelastung für die Menschen um Sellafield sei nicht zu vernachlässigen.

Zum Schutz der Nordsee und des Nordost-Atlantiks haben die Umweltminister der betroffenen Anrainerstaaten im Juli 1998 auf der OSPAR-Konferenz (Oslo-Paris-Kommission) beschlossen, die radioaktiven Einleitungen so stark zu reduzieren, dass bis zum Jahr 2020 die Konzentrationen nicht-natürlicher radioaktiver Substanzen im Meer „nahe Null“ liegen. Um dieses Ziel überhaupt zu erreichen, fordert Greenpeace, die Wiederaufarbeitung von Atommüll und die radioaktiven Einleitungen in die Meere sofort zu stoppen.

Erschienen am 28.10.1998 in der Berliner Morgenpost

Links:
(update 09.03.2005)

"AKW-Sellafield verliert Plutonium" mehr >>>


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