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Redaktion: Wissenschaft

Wenn das rote Lämpchen leuchtet
Stand By: Hoher Energieverbrauch von Elektrogeräten durch Leerlaufverluste

Wenn das rote Lämpchen leuchtet, flitzen Elektronen nahezu mit Lichtgeschwindigkeit zum Beispiel durch die Bauteile eines schlummernden Fernsehgerätes. Obwohl der Bildschirm dunkel bleibt, wird dabei wertvolle Energie aus der Steckdose gesaugt. Der Verbrauch der unscheinbaren Warnleuchte wirkt sich in der Stromrechnung eher unbedeutend aus. Aber das, wofür sie glimmt - der unsichtbare „Stromfraß” der Netzteile - basiert auf großen Appetit.

Die Studie (2001/2003) „Klimaschutz durch Minderung von Leerlaufverlusten bei Elektrogeräten”, die das Ingenieurbüro für Energieberatung, Haustechnik und ökologische Konzepte (ebök) in Tübingen im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA) unternahm, belegt die enorme Verschwendung. Aufgrund der vorliegenden Daten ergibt sich beim heutigen Gerätebestand und bei durchschnittlichen technischen Standard der Geräte ein Leerlaufstromverbrauch von etwas über 20 Terrawattstunden (TWh) pro Jahr, was umgerechnet rund 14 Millionen Tonnen Kohlendioxid entspricht. Zur Erzeugung von 20 TWh sind zwei Großkraftwerke notwendig. Laut UBA und ebök-Recherchen sollen - unter Verwendung bereits heute vorhandener Techniken - Einsparungen von einem halben Prozent Kohlendioxid oder rund zwei Milliarden Mark Stromkosten nach etwa zehn Jahren möglich sein.

Wesentliche Verursacher für den ungezügelten „Stromfraß” sind im privaten Bereich Fernsehgeräte, Videorecorder und Satellitenempfänger, HiFi-Anlagen und die Stillstandsverluste der Warmwasserspeicher. Ferner ermittelte die Studie einen „unerwartet hohen Energieverbrauch” durch Elektroherde und Mikrowellengeräte, die mit Uhren ausgestattet sind. Im Bürosektor sind die zahlreichen Computer, Kopierer, Telefonanlagen, Fax oder Fax-Modem von Bedeutung. Jedes Watt unnötiger Dauerleistung kostet im Jahr rund 2,50 Mark, und die Leistungsaufnahme im Leerlauf beträgt bei vielen Geräten weit mehr als nur ein Watt.

Viele Synonyme für den „Leerlaufverlust” haben in die Gebrauchsanweisungen oder den neudeutschen „Manuals” Einzug gehalten: Oft ist die Rede von „Stand-By-Mode oder Suspend-Mode, Deep-Sleep-Mode, Power-Off-Mode”. Einige Hersteller sprechen gar vom „Koma-Mode”. Bei diesem linguistischen Wirrwarr blickt der Verbraucher kaum noch durch, und fragt sich, „was ist nun Leerlaufverlust?” Einige Firmen setzen den Hauptschalter nicht zwischen Netz und Trafo (weil diese Bauteile teurer sind), sondern auf die Sekundärseite zwischen Elektronik und Trafo. So ist nur die Elektronik ausgeschaltet, der Umspanner aber nach wie vor am Netz und wandelt Strom in Wärme um. Bleibt die Frage: „Wie kann man den unsinnigen Verbrauch einigermaßen drosseln?”

Zunächst müsse der Verbraucher feststellen, welche seiner Geräte Leerlaufverluste aufweisen, sagt Christoph Mordziol vom UBA, um dann eventuell mit Zusatzgeräten dafür zu sorgen, dass diese ausgeschaltet werden können. Fahndungshilfe bei der Suche nach verdächtigen Apparaten leisten auch die Beratungsstellen der Berliner Kraft- und Licht-Aktiengesellschaft (Bewag). Sie verleihen sieben Tage kostenlos sogenannte „Stromspardetektive”. Mit diesen Messinstrumenten lässt sich die Leistungsaufnahme - ab fünf Watt - sowohl im Betrieb als auch im Leerlauf bestimmen. „Wenn die Stromrechnungen ins Haus flattern, ist der Bedarf an Beratung immer recht hoch”, weiß Anke Meiswinkel von der Bewag zu berichten.

Für die Prüfpraxis der Stiftung Warentest sind die Leerlaufverluste ein wichtiges Kriterium bei der Bewertung von elektrischen Geräten. „Hohe Verlustleistungen können zur Abwertung des Gesamtergebnisses führen”, sagt Gerhard Heilmann, Prüfleiter für den Bereich Haushaltsgeräte und Unterhaltungselektronik. Bei neuen Fernsehgeräten verzeichnen die Messungen heute sogar eine abnehmende Tendenz der Verlustleistung. Bisher blieben dem Verbraucher diese Entwicklung und die Kenntnisse um die Verlustleistung weitgehend vorenthalten.

In seinen neuen Prospekten und Bedienungsanleitungen für TV- und Video-Geräten erwähnt das Elektronikunternehmen Sharp die Leerlaufverluste. Stephan Daasch, Produktmanager für Farbfernsehen, nennt Gründe für den Sinneswandel: Man habe die Leerlaufverluste auf einen akzeptablen Wert von unter drei Watt reduzieren können. „Das verteuert zwar die Produktion, zahlt sich aber durch eine Werbestrategie mit ökologischen Argumenten wieder aus.

Alle großen Hersteller von „brauner Ware“ haben sich freiwillig dazu verpflichtet, die Leerlaufverluste ihrer Geräte zu reduzieren und diese auch zu veröffentlichen. Das ist in dem Papier „European Association of Consumer Electronic Manufacturers (EACEM) mit dem Segen der EU verbrieft. „Wir sind nur auf die Selbstkontrolle eingegangen“, sagt Anette Schiller, Umweltkoordinatorin bei Panasonic in Hamburg, „um administrativen Vorgaben durch die EU zuvor zu kommen.“ Aber dem Januar 1998 sollen die Verbraucher aus den Bedienungsanleiten erfahren können, was ihre teuren Geräte im Schlaf verbrauchen.

Christoph Mordziol vom Berliner UBA kennt keine Norm, die verbindlich vorschreibt, diese Werte zum Beispiel in einer Gebrauchsanweisung zu veröffentlichen. Als einen ersten Schritt für die nötige Transparenz beim Energieverbrauch nennt Mordziol die EU-Energie-Etikettierungsrichtlinie für die „weiße Ware“, die lediglich noch in das deutsche Energieverbrauchkennzeichnungsgesetz integriert werden muss. Danach sollen Hersteller sowie Händler ihre Produkte mit einem deutlich sichtbaren Aufkleber versehen, der über den Energieverbrauch des Gerätes informiert. Ab 1999 werden dann Grenzwerte für eine maximale Leistungsaufnahme des Gerätes im Betrieb verbindlich vorgeschrieben.

Das freie Spiel der Marktkräfte allein reiche für eine Optimierung technischer Entwicklungen hin zu mehr Energieeffizienz nicht aus, bemängeln die Autoren der Studie. Vielfach werden energieverbrauchs- und kostenrelevante Entscheidungen getroffen, ohne dass sich die Käufer über Auswahlmöglichkeiten oder über die Auswirkungen auf ihr Budget auch nur Ansatzweise im klaren wären. Für den einzelnen Haushalt ist eine Energiekostenersparnis von vielleicht 100 Mark pro Jahr zwar erfreulich; gleichwohl ist dieser geringe Betrag nicht motivierend genug, zumal viel Aktivität und Information notwendig sind, um diese Summe zu „ersparen”. Dann dünnt sich die Zahl derer, die beides aufzubringen bereit sind, schnell aus. Appelle an das Umweltgewissen treffen allzu schnell auf taube Ohren.

Firmen und Institute hören schon eher auf das Kostenargument, addieren sich doch die vielen kleinen Verbraucher zu unnötig hohen Betriebsausgaben für die Unternehmen. Sobald hier ausreichend Informationen vorhanden seien, heißt es in der Studie, bestehe die Bereitschaft, Entscheidungen im Sinne des Klimaschutzes zu treffen, da ja meist gleichzeitig Kostenvorteile für die Betreiber realisierbar werden. Und für den trägen Vorstand im privaten Haushalt noch ein Tipp: abends sämtliche Netzstecker ziehen. Dann leuchtet auch kein rotes Lämpchen mehr.

Erstveröffentlichung im Grünstift Heft 11,12/97

Links:
(update 04.01.2007)

"Stromfresser PC, DSL und Co" mehr >>>
"Heimlichen Stromverbrauchern auf der Spur" mehr >>>


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