Sparautos fahren viele Kilometer mit wenig Sprit | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Wissenschaft

Sparautos auf der Standspur
Fahrzeugkonzepte mit geringem Benzinverbrauch vorgestellt

Von Null auf Hundert in 5,8 Sekunden ist für die deutsche Automobilindustrie kein Thema. Das Drei-Liter-Auto offensichtlich auch nicht, denn zur Zeit rollt kein Exemplar serienmäßig vom Band. Am vergangenen Dienstag diskutierten Fachleute aus Industrie sowie Hochschule anläßlich eines internationalen Symposiums der Technischen Universität (TU) Berlin und der Umweltschutzorganisation Greenpeace Fahrzeugkonzepte, mit denen der Benzinverbrauch der gesamten Autoflotte reduziert werden soll.

Dass dies bereits heute technisch machbar ist, hat Greenpeace in Zusammenarbeit mit der Firma Wenko AG vor fast zwei Jahren bewiesen: halber Benzinverbrauch bei gleicher Leistung. Diese Formel brachte das Schweizer Sparmodell „Twingo SmILE“ ins Rollen. Auf dem Weg von Hamburg nach Berlin zur Auto-Ausstellung „aaa 96“ verbrauchte das gelbe Unikat bei einer Höchstgeschwindigkeit von 90 Stundenkilometern und nur einer Person im Fahrzeug 2,3 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer Autobahn.

Das Drei-Liter-Auto steht nicht im Vordergrund, sondern die Halbierung des Spritverbrauches aller Fahrzeugklassen“, konstatiert Roger Martin von der Schweizer Wenko AG, und ihr Konzept sei auf alle vorhandenen Kraftfahrzeuge übertragbar. Der handelsübliche 5-Sitzer Renault-Twingo wurde durch Materialeinsparungen um 195 Kilogramm leichter gemacht, ohne dabei die Sicherheitsaspekte außer Acht zu lassen; die Widerstandswerte der Karosserie sowie der Reifen wurden verbessert und ein neues Motorenkonzept mit geringerem Hubraum verwendet.

Die vom Motor erzeugte Leistung wird unter anderem von der ihm zugeführten Luftmasse bestimmt. Der Luftzustrom - also die Leistung - wird über die sogenannte Drosselklappe geregelt. Standardmotoren sind auf hohe Leistungen getrimmt, dass heißt erst bei einer hohen Geschwindigkeit wird die Drosselklappe voll geöffnet, der maximale Luftzustrom erreicht. Vielleicht bei 160 Stundenkilometern und nicht schon bei 80 km/h. Eine nicht ganz geöffnete Drosselklappe bedeutet aber immer höhere Verluste: nicht die gesamte Leistung wird zur Fortbewegung genutzt, sondern ein großer Teil durch das Auspuffrohr hinausgeblasen.

Die Schweizer Konstruktion behilft sich nun mit einem Trick: Sie reduziert den Hubraum und verzichtet zunächst auf ein hohes Luftvolumen. Dies hat zur Folge, dass die Drosselklappe aber schon bei geringer Geschwindigkeit weiter geöffnet ist, weniger Verluste produziert; das Auto damit wirtschaftlicher betrieben werden kann. Der mittlere Wirkungsgrad liegt, laut Martin, bei etwa 24 Prozent; übliche Motoren der Autobranche bringen es auf knapp 15 Prozent.

Wenn die Drosselklappe voll geöffnet ist, kann auf herkömmliche Art nicht mehr Luft in die Verbrennungskammer gelangen. Werden nun höhere Leistungen verlangt, zum Beispiel beim Beschleunigen, wird die vom Motor angesaugte Luft komprimiert oder verdichtet. Das bedeutet, dass mehr Luftteilchen hineingelangen, um das geringere Volumen auszugleichen. Das gelingt beim „Twingo SmILE“ mittels Druckwellenlader. Das Fahrzeug sei bis heute gut 50.000 Kilometer gelaufen, erfülle die geltenden Abgasnormen und verbrauche durchschnittlich nur 3,3 Liter, sagt Martin. Und warum hat sich Renault nicht für die schweizer Variante interessiert? Diese Frage müsse man Renault stellen; die waren leider nicht in Berlin vertreten.

Dafür präsentierte Daimler Benz einem schnuckeligen Zwei-Sitzer - den Smart City Coupe. Dieser soll laut Werksangaben nur 4,5 Liter Benzin pro hundert Kilometer verbrauchen. Ab Herbst 1998 steht das elcherprobte Fahrzeug für zirka 16.000 Mark in den Verkaufshallen: Erstauflage 7.000 Stück. Wolfgang Lohbeck von Greenpeace prangert jedoch die von Mercedes verfolgte Strategie an: „Der Zweisitzer ist kein Familienfahrzeug mit großen Kofferraum, sondern ein Nischengefährt.“ Dadurch werde eher mehr als weniger Verkehr geschaffen. Derweil flüchtet sich Markus Breitschwert von der Daimler Benz AG in die Statistik: Die durchschnittliche Besetzung eines Kraftfahrzeuges in Deutschland betrage 1,2 Personen bei einer Kilometerleistung von knapp 5 Kilometern. Da sei es doch schon ein Fortschritt und Gewinn für die Umwelt, wenn man statt mit der S-Klasse mit dem Smart morgens die Brötchen hole.

Erschienen am 30.04.1998 in der Berliner Morgenpost

(update 29.01.2000)


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