RFID-Systeme - Eine Lösung mit Lücken | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Wissenschaft

Eine Lösung mit Lücken
Chancen und Risiken der RFID (Radio Frequency Identification)-Technik

Der Barcode hat ausgedient. Intelligente Funk-Etiketten identifizieren Waren und überwachen Produktionsprozesse. Handelskonzerne wie Metro oder Wal-Mart setzen längst auf die RFID-Technik. Dieser Markt der automatisierten drahtlosen Datenerfassung wächst: Bereits für 2008 wittern manche Experten gar ein Volumen von mehr als drei Milliarden US-Dollar. Purer Optimismus? Eine Antwort auf diese und andere Fragen gibt die aktuelle Studie "Risiken und Chancen des Einsatzes von RFID-Systemen", die vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), dem Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) Berlin und der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) in St. Gallen, Schweiz herausgegeben wurde. IZT-Projektleiterin Britta Oertel dazu im Interview:

Die Unternehmensberatung Gartner Group behauptet, dass im Jahre 2007 die Hälfte aller RFID-Projekte gescheitert sein soll. Teilen Sie diese Ansicht?
Britta Oertel: Diese Prognose hat mich ehrlich gesagt auch überrascht. Widerspricht sie doch eklatant der Stimmung, die noch vor wenigen Monaten vom Hype geprägt war. RFID rechnet sich vor allem in Branchen, in denen aufgrund hoher Nachweispflichten höchste Prozesssicherheit erforderlich wird oder ein geschlossener Logistikkreislauf die Wiederverwendung der bislang noch teuren Tags sicherstellt. Die RFID-Technologie wird sich jedenfalls nicht mit einem großen Knall durchsetzen, sondern den Barcode nur sehr langsam verdrängen. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung hängt nicht zuletzt auch davon ab, ob echte oder vermeintliche Sicherheitsprobleme bei der wirtschaftlichen Nutzung der RFID-Technologie frühzeitig erkannt und so weit als möglich vermieden werden.

In den USA wurden RFID-Chips kürzlich zur Patientenidentifikation zugelassen. Welche Sicherheitsprobleme sehen Sie beim Einsatz der RFID-Technik?
Prinzipiell können RFID-Chips zerstört, ausgelesen oder manipuliert werden. Wer wissen möchte, was auf Chips gespeichert ist, benötigt lediglich ein Lesegerät für RFID-Transponder, das schon für unter 200 Euro zu haben ist. Nach Aufspüren eines Chips können die einzelnen Speicher-Abschnitte gelesen und, falls sie nicht geschützt sind, auch beschrieben werden. Diese Bedrohungen für die Informationssicherheit sind immer dann hoch, wenn RFID-Chips nicht durch angemessene Schutzmechanismen - und hier gibt es vielfältige Ansatzpunkte - gesichert werden.

RFID ist nach Protesten von Datenschützern ins Gerede gekommen.
Ja, denn die Angst vor Datenmissbrauch ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Und die Stichwörter "gläserner Kunde" oder "gläserner Bürger" bilden zu Recht einen Schwerpunkt der öffentlichen Diskussion.

Und wie stellt sich auf der anderen Seite die Bedrohungslage für Unternehmen dar?
Industriespionage, Manipulierung von Waren und Lieferungen, Schutz vor Fehlverhalten von Mitarbeitern, diese Probleme gibt es grundsätzlich und werden durch die RFID-Technik noch verstärkt und angreifbarer. Grundsätzlich muss die Frage in einem Unternehmen geklärt werden, welcher Mitarbeiter darf wann und wie welche Daten verändern.

Was empfehlen Sie den betroffenen Firmen?
Bei der Einführung neuer Techniken müssen alle Prozesse auf sicherheitsrelevante Aspekte durchleuchtet werden. Scheinbare unternehmerische Effizienz sollte nicht länger zu Lasten der Sicherheit erzielt werden. Unabhängige RFID-Berater wären wünschenswert und Einrichtungen, wie das Fraunhofer-Institut in Magdeburg, beschäftigen sich mit solchen Fragestellungen.

Welche RFID-Systeme werden heute bereits als kritisch angesehen?
Manipulationen sind kaum Grenzen gesetzt, und Hacker gibt es immer wieder. Von daher ist kein System völlig sicher. Irgendwann wird ein groß angelegtes RFID-System nicht funktionieren, davon bin ich überzeugt. Vorstellbar ist es, dass 60.000 Menschen vor einem leeren Stadium stehen und die RFID-Einlasskontrolle nicht funktioniert. Vielleicht schon im Jahre 2006 zur Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Hier könnten die RFID-Eintrittskarten durch Störsender außer Kraft gesetzt werden. Für diesen Störfall bräuchte man eine Auffangstruktur, ein anderes funktionierendes System, das im Notfall die Funktionen übernähme. Mit leistungsfähigeren, aber auch teureren Systemen könnten diese Gefahren reduziert werden. Es ist letztlich auch mal wieder eine Preisfrage.

Wird RFID die Produkte verteuern?
Den Joghurt im Supermarkt sicherlich nicht. Durch die Globalisierung können Unternehmen gezwungen werden, eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Konzerne mit internationalen Netzwerken geben die Pace an, und wer daran teilnehmen will oder muss, muss Schritt halten können und die gleiche Richtung einschlagen. Viele Entwicklungen in diesem Bereich stecken aber noch in den Kinderschuhen.

Die wären?
Es gibt zur Zeit viele verschiedene RFID-Systeme, die auf unterschiedlichen Frequenzen arbeiten. Die internationalen Standardisierungsbestrebungen sind noch nicht abgeschlossen. Transponder und Lesegeräte von verschiedenen Herstellern sind in der Regel nicht kompatibel. Die Anwender müssen sich für ein System eines Herstellers entscheiden. Die Technik läuft noch nicht in allen Einsatzbereichen reibungslos, zum Beispiel bei der Pulkerkennung, wenn viele Produkte in kürzester Zeit identifiziert werden müssen oder in der Nähe von Metall.

Kann RFID innerhalb der Lieferkette zum datenschutzrechtlichen Problem für den Endverbraucher werden?
Sofern keine personenbezogenen Daten erfasst werden, sind Fragen des Datenschutzes nicht betroffen. Dies gilt beispielsweise für den Bereich des Supply Chain Managements. Hier muss aber trotzdem die Informationssicherheit gewährleistet sein. Im Handel gilt RFID als logische technische Fortentwicklung des Barcodes, allerdings mit dem Unterschied, dass nicht nur eine Produktgruppe identifiziert wird, sondern das einzelne Produkt. Grundsätzlich besteht die Gefahr, dass diese Produktdaten mit Informationen über die Käufer gekoppelt werden. Um so wichtiger ist es, dass Industrie, Handel und Behörden als RFID-Anwender die Verbraucher oder Bürger über die Chancen und Risiken der neuen Technologie umfassend aufklären und die auf RFID basierenden Prozesse transparent gestalten.

Erschienen u. a. in der DVZ am 28.12.2004

Links:
(update 18.11.2005)

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