Teure Semmeln durch Mehlstaub | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Wissenschaft

Mehlstaub treibt die Kosten hoch
Allergien: Bundesländer und Berufsgenossenschaften für Staubbekämpfung in Backbetrieben

„Als Bäcker oder Konditor lebt man ausgesprochen gefährlich”, erklärt Dietmar Glaßer (SPD), Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Frauen, Arbeit und Sozialordnung. Die Zahlen der Berufserkrankungen belegen deutlich das hohe Gesundheitsriskio dieser Berufsgruppe. Mediziner sprechen von „allergisch bedingten obstruktiven Atemwegserkrankungen”, und verschiedene Allergene kommen als Ursache in Betracht: Backenzyme, Schimmelpilze, Schädlinge wie Vorratsmilben oder Küchenschaben und eben Mehlstaub.

Zwischen 1986 und 1995 erkannten die gewerblichen Berufsgenossenschaften gut 10.200 allergisch bedingte obstruktive Atemwegserkrankungen als Berufskrankheit an. Männer waren dabei siebenmal häufiger betroffen als Frauen; die meisten Fälle traten in Baden-Württemberg mit knapp 2.200 auf. Die fünf neuen Länder verbuchten von 1991 bis 1995 gerade 79 Anerkennungen. Die Kosten durch mehlstaubbedingte Atemwegsallergien für Renten, medizinische Behandlungen sowie Umschulungsmaßnahmen beziffert die Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten auf gut 100 Millionen Mark pro Jahr. Von 1986 bis 1995 zahlten die Genossenschftskassen einen Gesamtbetrag von knapp 1,1 Milliarden Mark.

Das seien Beträge, die einerseits die Berufsgenossenschaften direkt belasten, andererseits aber auch auf Kosten der Betriebe gehen, die steigende Beiträge an die Berufsgenossenschaften abführen müssen, klagt Glaßer. „Alles Faktoren für zu hohe Lohnnebenkosten.” Um Berufsunfähigkeit, geschädigte Gesundheit, aber auch betriebs- und volkswirtschaftliche Schäden zu vermeiden, habe man den Leitfaden „Handlungsanleitung Mehlstaub in Backbetrieben” erarbeitet. Im Oktober 1996 wurde der Grenzwert für eine maximale Staubkonzentration von zehn auf vier Milligramm pro Kubikmeter Luft gesenkt. Der neue Leitfaden soll nun Bäckereien und Konditoreien praktizierbare Maßnahmen für den Betriebsablauf vorgeben, mit denen sich das Berufskrankheitsrisiko für alle in der Backstube minimieren lässt.

Ralf Brummer, Technischer Leiter der Großbäckerei Thoben in Berlin, schätzt, dass die technische Umrüstung des Backbetriebes rund eine halbe Million Mark kosten wird. Früher sei man weit weg vom Grenzwert gewesen, gesteht Brummer, aber Anfang des nächsten Jahres sollen die 300 Beschäftigten in der Backstube dann saubere Luft atmen können. Die Ökobäckerei Märkisches Landbrot lag schon vor drei Jahren weit unter dem alten Grenzwert und erfüllt auch die neue Norm. „Ein Umweltföderprogramm des Berliner Senates und der Europäischen Union (EU) finanzierte damals die Modernisierung unseres Betriebes, weil wir mit der neuen Technik weit unter den Grenzwerten blieben”, sagt Geschäftsführer Joachim Weckmann.

Die gestartete Aufklärungskampagne über betriebliche Gesundheitsförderung läuft bis Mitte 1998 und wird von der EU finanziell unterstützt. Dr. Ulrich Bolm-Audorff vom Arbeitskreis „Handlungsanleitung Mehlstaub” geht davon aus, dass die technische Umrüstung aller Backbetriebe erst nach der Jahrtausendwende abgeschlossen ist. Aber für Nachzügler gibt es heute kein Geld mehr vom Staat.

Erschienen am 11.06.1997 im Südkurier

(update 21.04.2000)


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