Bauen mit Lehm - Lehmbau | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Wissenschaft

Eigenheimträume aus Lehm
Lehmbau: Steinalter Baustoff läuft in Neuruppin/Wulkow vom Band

Stroh und Lehm gehören zu den ältesten Baustoffen; Lehmwände von Fachwerkhäuser haben jahrhundertelang Hitze und Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit überdauert. Aus ökologischen und baubiologischen Gründen erfuhr der Lehmbau im brandenburgischen Wulkow seine Renaissance.

„Weltweit ist das die erste industrielle Produktionsstrecke für Lehmplatten aus einem Strang”, weiß Dietrich Baron von der Ropp, Geschäftsführer der Wulkower Leicht-Lehmbaustoffe-Produktions-GmbH. 1,1 Millionen Mark hat der Unternehmer in die neue Technik investiert. In einem ehemaligen Kartoffellager wollen er und die sieben Mitarbeiter monatlich zirka 6.000 Quadratmeter oder 38.000 Stück Leichtlehmbauplatten fertigen. Nach der Anlaufphase erwartet von der Ropp etwa die dreifache Menge. Einkonventionelles Plattenwerk von Gasbetonsteinen produziert im selben Zeitraum etwa 50 Millionen Quadratmeter Baustoff.

Der Verbundstoff besteht aus hochwertigem Lehm und extrem kurzen Stroh von unter fünf Millimetern Länge. Die Anlage presst die weiche Lehm/Stroh-Masse zu einem Endlosstrang und zersägt ihn in genormte Quader von 625x250x100 Millimetern. An Luft getrocknet, erhalten diese Platten später Nut und Feder. Deren Dimensionen wurden eigens von Wissenschaftlern der Technischen-Universität-Berlin berechnet. Die Leichtlehmbauplatte lässt sich wie Holz bearbeiten: kann gebohrt, gesägt, gefräst oder genagelt werden. Die Kontaktfläche wird mit einer Tonschlämme bestrichen, welche die ebenen Platten fugen- und mörtelfrei verklebt. Eine Lehmplatte wiegt knapp 14 Kilogramm.

Für statische Aufgaben sind Lehmplatten aber nicht geeignet. Diese Bauweise verlangt immer eine Holz- oder Stahlkonstruktion, in der die Platten eingefasst werden. Von der Ropp sieht die Verwendung seiner Lehmsteine für den schnellen Innenausbau als Raumteiler oder beim Restaurieren antiker Gebäude. Im Badezimmer kommen die Eigenschaften einer atmungsaktiven Lehmwand am besten zum Tragen. Beschlagene Fenster oder Kacheln gehören dann der Vergangenheit an, verspricht von der Ropp. Die Feuchtigkeit werde vom Lehm aufgenommen und später wieder an den Raum abgegeben. So reguliert sich eine konstante Raumfeuchtigkeit.

Die Wulkower Platten sind zwar teurer als herkömmlicher Baustoff wie zum Beispiel Kalksandstein, dennoch geht von der Ropp davon aus, dass der Preis pro Quadratmeter Wohnfläche eines Eigenheimes aus Lehm unter 2.000 Mark liegt. Grund dafür sei die gute Wärmeisolierung durch Lehm. Sie erlaube, dass auf zusätzliches Dämmaterial bei Innenwänden verzichtet werden könne, sagt der Geschäftsführer. Ferner müssen sie auch nicht verputzt und können ohne Anstrich tapeziert werden.

In einer stillgelegten Ziegelei in Ketelshagen auf Rügen will von der Ropp eine weitere Produktionsstätte errichten. Verträge mit den lokalen Bauern als Strohlieferanten seien schon unter Dach und Fach, erklärt der gelernte Mediziner und Jurist. Und im Frühjahr 1997 soll die erste Siedlung aus 200 Lehmhäusern nördlich von Berlin in Oranienburg entstehen.

Das griechische Wort für Stroh gab dem neuen Baustoff seinen Namen: Karphosit. Ruinen aus Lehm zerfallen nicht zu Bauschutt. Sie können eingesumpft und erneut verwendet oder kompostiert werden. Da nur geringe Energiemengen für seine Herstellung benötigt werden, nachwachsende Rohstoffe wie Stroh aber Speichermedien für Kohlendioxid sind, bindet der Lehmziegel mehr Treibhausgas als bei seiner Produktion freigesetzt wird. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Negativbilanz”.

Erstveröffentlichung in der Lausitzer Rundschau am 20.12.1996

(update 21.06.2001)


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