Klimaschutz und die Energiefrage | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

Rüdiger Voßberg - Freier Journalist aus Berlin
bringt aktuelle und archivierte Artikel,
seinen Blick durch den LOMO-Sucher
sowie LINKS zur Presse für die Ungeduldigen

[ Home | Wissenschaft | Reiseberichte | Kultur | Multimedia | Lokales | Lomografien ]
[ Schlagzeile | Snooker-WM 2008 | Presse-LinksImpressum ]

Redaktion: Wissenschaft

„Wir sind meilenweit vom Rio-Ziel entfernt!”
Klimawandel: Professor Klaus Heinloth von der Universität Bonn stellt „seine Energiefrage"

Bald ist Weihnachten, und die Stadt an der Spree gibt sich festlich geschmückt. Tausende kleiner, bunter Lämpchen illuminieren den Kurfürstendamm: Lichterketten als Sternenmeer, Tannenbäume oder Glockenschar. Sensible Seelen verfallen bei diesem Anblick in tiefe Andacht. Nüchtern betrachtet sind es elektrische Verbraucher, die den Strom aus der Steckdose saugen.

„Für jede deutsche Mark, die wir ausgeben, verursachen wir mehr als eine Kilowattstunde Energieverbrauch”, konstatierte Professor Klaus Heinloth vom Physikalischen Institut der Universität Bonn anläßlich einer Veranstaltung der Heraeus-Stiftung am Dienstagabend im Berliner Magnus-Haus. Und mit jeder verbrauchten Kilowattstunde emittieren die Kraftwerke noch mehr Kohlendioxid in die schon arg gebeutelte Atmosphäre: jährlich etwa 23 Milliarden Tonnen des Treibhausgases durch die Verbrennung fossiler Energieträger (Kohle, Erdöl und Erdgas).

Der weitere Verbrauch der fossilen Brennstoffe muss im weltweiten Mittel um mehr als die Hälfte des derzeitigen Verbrauches reduziert werden," hatte die Ministerrunde der Klimaschutz-Vertragsstaaten auf der Genfer Konferenz im letzten Jahr ihre Entschlossenheit vom Rio-Gipfel bekräftigt. Und angesichts des steigenden Entwicklungsbedarfes heutiger Entwicklungsländer, allen voran China und Indien, müsse der weitere Verbrauch der fossilen Brennstoffe in den heutigen Industrieländern wie zum Beispiel Deutschland auf weniger als ein Viertel des heutigen Verbrauches reduziert werden.

Selbst unter den höchst optimistischen Voraussetzungen für eine Steigerung der Energie-Effizienz und für den Einsatz erneuerbarer Energien werde das „Rio-Ziel" zumindest bis 2050 bei weitem nicht erreicht, prognostiziert Heinloth in seinem jüngst veröffentlichten Buch Die Energiefrage. Er rechne weiter mit hohen Emissionsraten weltweit zwischen 23 und 30 Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. „Der schier unersättliche Appetit nach Energie ist unser Hauptproblem”, sagt der Wissenschaftler und gibt ein Beispiel: Wollte man heute den deutschen Energiebedarf für Raumheizung mittels Brennholz decken, so bräuchte man eine Waldfläche, die dreimal so groß ist wie Deutschland. Und daraus müsste alles einschlagbare Holz als Brennholz verfeuert werden. Den nötigen Verzicht auf Konsum ziehen leider nur wenige in Betracht.

Heinloths Wegweiser zum Erreichen des „Rio-Ziels” nennt als Ersatzmöglichkeiten für fossile Brennstoffe „die sparsame, effizientere Energie-Nutzung beispielsweise durch intelligente Wärmedämmung, erneuerbare Energien (wie Wasser, Wind, Solar, Biomasse oder Erdwärme), vielleicht in ferner Zukunft die Kernfusions-Energie sowie die Kernspaltungs-Energie.” Er wolle keine Kernkraftwerke verkaufen, beteuert Heinloth. Aber als Naturwissenschaftler habe er die Pflicht, alle technischen Optionen vorurteilsfrei mit ins Konzept aufzunehmen.

Die Frage, ob Plutonium giftiger sei als der Wärmetod, beantwortete der Physiker mit einem Vergleich: Der Treibhauseffekt und seine Folgen für die Menschheit seien gewiss, die Wahrscheinlichkeit eines GAUs (größter anzunehmender Unfall) in heutigen Leichtwasser-Reaktoren lediglich 1 zu einer Million Betriebsjahren. Naturwissenschaftler arbeiten mit Zahlen und nicht nach Gefühl. Bei 20 jener Kernspaltfabriken in Deutschland knallt es statistisch halt alle 50.000 Jahre. Um das GAU-Risiko von vornherein völlig zu vermeiden, können sogenannte Hochtemperatur-Reaktoren bestimmter Art gebaut werden, erklärt Heinloth. „Das ist naturwissenschaftlich gesichert.” Und wo bleibt der Atommüll? „Ich wollte alle Probleme wären so gering wie dieses!”, spricht der Physiker ein gelassenes Wort.

Vier Wochen vor Weihnachten werden die Delegierten der 176 Klimaschutz-Vertragsstaaten auf ihrem Verhandlungsgipfel in Kyoto/Japan Gelegenheit haben, sich ihr globales Umweltbewußtsein nur so um die Ohren zu hauen. Am Ende verbieten sie das Ozonloch und den Treibhauseffekt womöglich per Dekret. Und wenn die Natur sich nicht daran hält, wird sie schon sehen, was wir davon haben!

Professor Dr. Klaus Heinloth war Mitglied der beiden Enquete-Kommissionen zum Schutze der Erdatmosphäre des 11. und 12. Deutschen Bundestages und ist seit 1988 Mitglied des „Intergovernmental Panel of Climate Change” als Sachverständiger und Delegierter der Bundesregierung.

Erschienen am 27.11.1997 in der Berliner Morgenpost

Links:
(update 03.07.2006)

"Alarmierender Anstieg der Treibhausgase" mehr >>>
"Waldbrände im Amazonas-Gebiet verstärken Wetterturbulenzen" mehr >>>
"Klimawandel schlimmer als Terrorismus" mehr >>>
"Klima-Kapriolen im Rhythmus von 41.000 Jahren" mehr >>>
"Treibhausgas-Emissionen nehmen weltweit zu" mehr >>>


oben        

© 1996-2016

SEO Berlin