Kemladen: Sagen der Germanen? | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Wissenschaft

Versunkene Raubritterburgen in Norddeutschland
Wer baute die Kemladen?

Geheimnisvolle Geschichten und Sagen ranken sich um die etwa 650 Jahre alten versunkenen Befestigungsanlagen. Bei sehr niedrigem Wasserstand ragen diese antiken Pfahlsetzungen aus einigen Seen Mecklenburgs und Schleswig-Holsteins heraus. Mehr als die abgefaulten Pfahlköpfe ist aber von den sogenannten Kemladen nicht erhalten geblieben. Bisher sind 19 solcher Anlagen zwischen Oder und Schlei katalogisiert worden.

Der Name Kemlade leitet sich aus der Umformung des lateinischen „caminata” (beheizter Raum) zu „Kemenate” (Kaminzimmer, befestigtes Haus oder kleine Burg) ab. Trotz der vielfältigen und teilweise auch widersprüchlichen Bedeutungen des Wortes Kemlade ist es ein fester Begriff für diese verschollenen Bauwerke geworden. Eine Kemlade befindet sich auch im Schaalsee, zirka 30 Kilometer westlich von Schwerin.

Wissenschaftler der Kieler Christian-Albrecht-Universität versuchen die Entstehungsgeschichte sowie Architektur jener Trutzburgen aus dem 13. bis 14. Jahrhundert zu entschlüsseln. „In einigen Fällen lässt sich noch der vorburgähnliche Baukörper erkennen”, berichtet Valentin Mayr von der Arbeitsgruppe Maritime Limnische Archäologie. Meist ist es ein bis zu 100 Quadratmeter großer rechteckiger Grundriss. Auf Wand- oder Dachkonstruktionen finden die Forscher jedoch kaum Hinweise. Zeichnungen, die darüber Aufschluss geben könnten, existieren nicht. Da größere Mengen an Steinen nicht gefunden wurden, gehen Mayr und seine Kollegen von reinen Holzbauten aus.

Durch zahlreiche Funde zwischen den Pfahlstümpfen lassen sich Rückschlüsse auf die Nutzung des Baus ziehen. Taucher entdeckten in den Sedimenten - vor allem in Ufernähe - viele mittelalterliche Scherben, sogar ganze Krüge, Reste eines Panzerhemdes, Hufeisen, Teile von Lederschuhen und verschiedene Hausgerätschaften. Auf die Frage, „warum bauten die Ritter hölzerne Burgen in die Gewässer”, geben alte Urkunden eine Antwort.

Ein Schriftstück aus dem Jahre 1306 belegt, dass Heinrich von Mecklenburg und Herzog Otto von Pommern den Rittern von Tutzar und Gützow den Bau eines „Vierruten-Bergfrieds zu ebener Erde und ohne Graben” erlaubten. Aber ohne Hügel und Graben ist die Burg praktisch schutzlos. Jeder Burgenbau bedurfte damals der Genehmigung durch den Landesherrn. Viele Ritterburgen wurden, wenn ihre Besitzer sich beispielsweise durch Raubrittertum mißliebig gemacht hatten, rücksichtslos von jenen Landesherren auch wieder zerstört. Beantragten die unterlegenen Fehderitter dann neue Baugenehmigungen, konnten ihnen strenge Beschränkungen auferlegt werden.

Solche Restriktionen oder gar Verbote scheinen häufiger gegen den niederen Adel ausgesprochen worden zu sein, betont Mayr. Manche Geschlechter erfüllten diese Auflagen, in dem sie einen Pfahlbau in einen See hineinsetzten oder auf einer Insel errichteten, um so einen natürlichen Schutzwall für ihr Anwesen zu erhalten. Für die Verbindung zum Festland ist sowohl ein „Prahm” (Ruderboot) wie auch eine Klappbrücke denkbar.

Kemladen sind also das Ergebnis einer mittelalterlichen „Gesetzeslücke”. Hinweise darauf seien vorhanden, erzählt Mayr. „In anderen Fällen war die Kemlade als Teil der Hofanlage ein besonders geschützter Schlafplatz, der in der Not - während einer Belagerung - alle Funktionen übernehmen konnte.” Neben vielen offenen Fragen ist eines sicher: In den Seen und Archiven schlummert noch genügend Stoff für die Kieler Wissenschaftler.

Erschienen am 29.12.1997 in der Berliner Morgenpost

(update 14.03.2001)


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