Gift im Teltowkanal | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Wissenschaft

Gift im Kanal
TU-Forscher weist DDT-Abbauprodukte im Teltowkanal nach

Erhöhte Konzentrationen des DDT-Abbauproduktes Bis(chlorphenyl)essigsäure (DDA) hat Thomas Heberer vom Institut für Lebensmittelchemie der Technischen Universität (TU) Berlin im Teltowkanal nachgewiesen. Eher zufällig, da er eigentlich auf der Suche nach Arzneimittel-Spuren im Gewässer war, ermittelte der Forscher Spitzenkonzentrationen bis zu einem Mikrogramm DDA pro Liter Kanalwasser. Aufgrund seiner hohen Wasserlöslichkeit gelange DDA leicht ins Uferfiltrat, sagt Heberer, und stelle infolgedessen ein Problem für die Trinkwassergewinnung dar.

Bittere Pille für das benachbarte Wasserwerk Johannisthal: Denn der unerwünschte Stoff findet sich dort auch in Grundwasserbrunnen wieder. Am stärksten belastet sind vier Brunnen in unmittelbarer Nähe zum Teltowkanal. Nach Angaben Heberers übersteigt ihr DDA-Gehalt den geltenden EU-Grenzwert für Pflanzenschutzmittel im Trinkwasser sogar um das Zwanzigfache: 2 Mikrogramm DDA pro Liter Grundwasser. „Seit der Wende wird kein Wasser der betroffenen Brunnen mehr ins öffentliche Netz eingespeist,“ erläutert Uwe Dünnbier, Leiter des Organischen Analyse-Labors der Berliner Wasser-Betriebe (BWB). Für die Zeit vor der Wende könne er jedoch nicht ausschließen, daß erhöhte DDA-Werte mit ins Netz geflossen seien. „Das Problem ist ja erst seit wenigen Jahren bekannt!“

Das Johannisthaler Werk versorgt die Berliner Stadtteile Treptow und Köpenick mit Trinkwasser, laut Angaben der BWB täglich etwa mit 20 Millionen Liter Frischwasser. „Wir kontrollieren die Werte wöchentlich“, beruhigt Dünnbier. Der EU-Pestizid-Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter Trinkwasser werde für das verkaufte Frischwasser nicht überschritten: „Unsere Sicherheitsspanne beträgt mehr als der Faktor zwei“, erklärt Dünnbier. Auch sei bisher kein weiterer Anstieg der DDA-Konzentrationen registriert worden. Im Moment haben sie die Situation im Griff. TU-Forscher Heberer gibt zu bedenken: „Wenn das DDA erstmal ins Grundwasser gelangt ist, läßt sich auch nur schwer beseitigen, wenn überhaupt.“ Und Brunnen, die heute sauber sind, könnten dann in wenigen Jahren auch belastet sein.

Verursacher des Trinkwasserproblems im Südosten Berlins ist ein Industriewerk aus DDR-Zeiten mit früherem Produktionsstandort am Teltowkanal: der VEB Berlinchemie. Dort sollen zwischen 1943 und 1986 mehr als 60 000 Tonnen DDT hergestellt beziehungsweise in Pflanzenschutzmitteln verarbeitet worden sein. Und auch das DDT - in der Bundesrepublik seit 1972 Kraft eigenen Gesetzes verboten - hat der TU-Wissenschaftler in den Sedimenten aufgespürt: im Mittel 50 Mikrogramm pro Kilogramm Kanalbetterde. über viele Jahre hinweg wurde es im Schlamm des Teltowkanals angereichert und durch Mikroorganismen unter anderem zu DDD abgebaut. DDD ist besser wasserlöslich als DDT und wird bei sauerstoffreichen Bedingungen zu dem mobilen Endprodukt DDA verstoffwechselt.

Der Trinkwassertoxikologe vom Umweltbundesamt (UBA), Hermann Dieter, leitet aus den Funden „kein unmittelbares Problem für die Trinkwassergewinnung“ ab. Aber das DDA sei ein Stoff, der nicht ins Trinkwasser gelangen dürfe, betont Dieter. Auch für Wolfgang Lingk vom Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) reichen die DDA-Mengen nicht aus, um „für den Menschen relevant zu werden“. Zwar besitze das Pestizid eine östrogene Wirkung, sagt Lingk, allerdings 1000 mal schwächer als das weibliche Sexualhormon. „Die Konzentrationen bedeuten im Moment keine akute Gefahr für empfindliche Organismnen“, so der Wissenschaftler. Aber eine Dauerbelastung könne auch höhere Schadstoffwerte liefern. Langfristig schaffe nur eine Sanierung des Kontaminationsherdes eine beruhigende Lösung für alle.

Erschienen am 12.08.1998 in der Berliner Morgenpost

(update 23.01.2002)


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