Expo 2000 in Hannover | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Wissenschaft

Die Welt wird vorgeführt
EXPO 2000 in Hannover: Fast ein Spiegelbild der Gesellschaft

Mega-Projekt! Mega-Events! Mega Highlights! Schlagwörter mit den über 190 Nationen und Organisationen zur Weltausstellung nach Hannover gelockt wurden. Und 40 Millionen Besucher aus aller Welt sollen dem Lockruf zwischen dem 1. Juni und 31. Oktober 2000 folgen. Das sind im Tagesdurchschnitt etwa 261.000 Menschen, die zum Messegelände pilgern. Hannover ist bereit: "Mensch - Natur - Technik: Eine neue Welt entsteht". Aber nicht alle finden das wirklich megageil!

Nein! Es ist keine Hannover-Messe. Obwohl auch diese Messe in Hannover stattfindet und Technik eine zentrale Rolle spielt. Aber das Wort "Messe" sei der falsche Begriff, belehren die Veranstalter. Also gut. Es ist auch nicht die CeBIT, obwohl ohne Computer und Software wäre diese Ausstellung gar nicht mehr realisierbar. Und schon gar nicht ist es Eurodisney. Obwohl auch die Unterhaltung hoch im Kurs steht an der Leine, auf der EXPO 2000, der ersten Weltausstellung ihrer Art auf deutschem Boden. Und zwar genau auf 100 Hektar Messeareal plus 70 Hektar neu erschlossenen Wiesen und Äcker.

Sie versteht sich als "grenzüberschreitendes Forum", das sich mit den globalen und drängenden Fragen der Menschheit befasst. Mit einem Feuerwerk der Ideen ziele der sogenannte Themenpark auf "Edutainment der gehobenen Art", jubilieren die Showmacher. Trotzdem werde der Themenpark keine Leistungsschau der Industrie sein, sondern vielmehr ein Marktplatz für Ideen zur Bewältigung kommender Herausforderungen, geloben sie. "Das Forum der Visionen und der Utopien" soll das EXPO-Motto "Mensch, Natur, Technik" mit Leben füllen. Und zwar nachhaltig.

Ist Umweltschutz akademisch? Muss er belehrend sein? Bedeutet er Verzicht? Die Antwort sei der "Begehbare Film" in der Ausstellung "Umwelt: Landschaft, Klima", meinen ihre Schaffer. Unterschiedliche Zeitabläufe bestimmen die Etappen der Ausstellung. Klima und Wasser versinnbildlichen langfristige Prozesse der Natur. Wald verändert sich im Zeitraum von Generationen, ländliche Kulturlandschaften wechseln ihr Gesicht mit den Jahreszeiten. Viele Aspekte der Umweltnutzung, ihre Probleme und auch Lösungen sollen angeboten werden, und die Besucher müssen ihre eigenen Schlussfolgerungen ziehen, erklärt der externe Projektleiter "Umwelt: Landschaft, Klima" und Hydrogeologe von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Jörg Reichling. "Nicht am Exempel, sondern subtil soll der Besucher die Probleme erfahren!" Im Klartext: Die mit Plutonium durchsetzte Irische See rund um Sellafield/Groß Britannien wird nicht als mahnendes Beispiel für Umweltkatastrophen gezeigt; aber optische und akustische Effekte sollen den Menschen die tödliche Bedrohung ihres Lebensraumes vor Ohren und Augen führen. Die Ausstellung will kein Zeigefinger sein.

Der World Wildlife Fund (WWF) ist eine von wenigen Naturschutzorganisationen, die die Weltausstellung als Forum nutzen. "Naturschutz macht nicht nationalen Grenzen halt. Deshalb ist die EXPO 2000 eine gute Möglichkeit, die Menschen für die Faszination der Natur zu begeistern," erläutert WWF Geschäftsführer Georg Schwede. "Die EXPO ist eine Veranstaltung, die nichts mit Mensch und Natur zu tun hat", stellt der Greenpeace Deutschland Pressesprecher, Fouad Hamdan, fest. "Es ist eine reine Industrieshow". Die Umwelt-NGOs (Non-Governmental Organizations) hätten seiner Meinung nach keine Chance gehabt, etwas mit zu gestalten. Dem hält Reichling entgegen, dass es zu konzeptionellen Gesprächen gar nicht erst gekommen sei. "Aber wir hätten sie gern dabei gehabt". Jetzt läuft die Chose halt ohne Grünfriede und Konsorten.

Halle fünf ist die globale Energiequelle in Hannover. Aus der Tiefe des Raumes - als wäre er ein neugieriger Außerirdischer - betritt der Besucher die knapp 10.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Der Bordcomputer seines Raumschiffes liefert ihm die Hintergründe, Fakten, Zahlen und Zusammenhänge zum Thema Energie. Alles im Film. Aber mittels "Multi-Screen-Technik", damit etwas hängen bleibt - im Bewusstsein der Zuschauer. "Energie ist ein abstraktes Phänomen und selbstverständlich", sagt der Kulturwissenschaftler und Projektleiter der Energie-Ausstellung, Markus Diekow. Deshalb müsse die Thematik mit "neuen Augen" betrachtet werden.

Und diese Augen sind nach oben gerichtet, denn eine Rampe führt die Besucher langsam hinauf. Jetzt beginnt der "Landeanflug" auf den blauen Planeten. Das Raumschiff taucht in die Atmosphäre ein: Durch das Innere eines Urgewitters, in dem Blitze und Entladungen die Energie anschaulich machen sollen, gelangen die Besucher ins Zentrum der Halle. Auf einem Laufband gleiten sie dann über die verschiedenen Energielandschaften hinweg. Eine Botschaft ist allgegenwärtig: fossile Energieträger (Kohle, Öl und Gas ) werden auch in absehbarer Zukunft die Energieversorgung der Welt sichern. Zukunft im EXPO-Maßstab heißt: die nächsten 50 Jahre. Noch ein Argument für die Abwesenheit von Greenpeace: "Die EXPO zeigt Techniken, die eben nicht umweltverträglich sind", so Fouad Hamdan.

Mit einem Förderkorb oder im Kopf eines Gasbohrers werden die Besucher eine Reise beginnen, die in 1000 Meter Tiefe in einem Bergwerkstollen endet. Simuliert natürlich, bei einem realen Hub von 4,20 Meter. "Wärme, Wasser und Wind werden für eine echte Unter-Tage-Atmosphäre sorgen", prophezeit Markus Diekow. Hier sollen die Gäste Kohlefördertechnik hautnah erleben. Pensionierte Kumpel versprühen Pottflair, stehen den Besuchern Rede und Antwort, woll. Der Weg zurück ans Tageslicht streift im Vorübergehen die Geschichte des Tagebaus. Vom Abbau der Steinkohle mit riesigen Baggern, führt dieser Exkurs über den einheimischen Braunkohleabbau bis zur Renaturierung der Gruben. Der Abriss von Horno und Umgebung ist in Hannover kein Thema. Denn dabei handele sich es schließlich nur um ein deutsches Spezifikum, so Diekow, und unter energiepolitischen Aspekten uninteressant ist. Eher eine Frage des Umweltschutzes.

Nach dem Tagebau folgt die Wasserwelt: dunkelblau schimmernd, feucht und kühl soll sie Informationen über Lagerstätten von Öl und Gas unter dem Meer vermitteln. Der in die Unterwasserwelt ragende Kiel eines Öltankers und seine Schiffsschraube verstärken die Vorstellung, sich unter Wasser zu befinden. Wasserfontänen schießen über die Besucher hinweg. Bullaugen dienen als "Fenster in die Zukunft": Energiegewinnung aus Staustufen und Gezeitenkraftwerken sowie dem Abbau von gefrorenem Gashydrat am Meeresgrund. Im Wasser und unterm Wasser steckt viel Energie. Am Ausgang der Unterwasserwelt zeigt sich dann die Wasserkraft den Besuchern ganz unmittelbar: Ein großer Tank wird entladen; der gewaltige Schwall erzeugt in einem Generator so viel Energie, dass ein Radio Nachrichten aus aller Welt spielt. Aber natürlich nicht alle auf einmal.

Ein Viertel der Stromproduktion in Deutschland wird heute durch Steinkohle abgedeckt. Dieser Tatsache zollt auch die Ausstellung ihren Tribut. Ein fünf Meter großes, sich drehendes Turbinenrad markiert den Eingang in das Herz eines modernen Kohlekraftwerks und den Beginn der Schau zum Thema Kohle. Danach: Rundgang durch das Werk auf rund 80 Quadratmeter. Dabei steht die Zukunft der Kohle im Vordergrund: umweltgerechtere Förderung, die effizientere Verbrennung und die Abgasreinigung - die sogenannte clean-coal technology- sollen helfen, die Energieproduktion mit Kohle umweltfreundlicher zu gestalten, damit sie auch langfristig wirtschaftlich bleibe, sagt der Sponsor der Thematik, die Ruhrkohle AG. Und leise sterben die Zechen in Deutschland.

Zwar werde in allen EXPO-Publikationen die Standardformel der “Nachhaltigkeit” in vielen Variationen bemüht, klagt Greenpeace-Sprecher Hamdan, doch der Begriff verkürze sich auf ökonomische Aspekte der “Nachnutzung” von Hallen und Gelände. "Die EXPO wird eher den aktuellen Stand der Technik präsentieren und keineswegs spektakuläre, innovative und noch nie gesehene Zukunftsmodelle, wie es in den EXPO-Werbebroschüren verkündet wird." Die EXPO ist halt kein Taufbecken für Forschung- und Wissenschaftsbabys. Trotzdem: Moderne Brennwertanlagen und Blockheizkraftwerke, die mit Öl oder Gas betrieben werden, sollen Beispiele für zeitgemäße, umweltfreundlichere Technik sein.

Erschienen im Grünstift Heft 5/6 2000

(update 20.03.2001)


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