Erdrotation: Und irgendwann steht sie still | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Wissenschaft

Die Erde dreht sich immer langsamer
Rotationsänderungen bewirken Klimaschwankungen

Schneefall im Sommer, Pollenflug im Winter. Natürliche Klimaveränderungen können sich rasch und unvorhersehbar entwickeln. Das Erdklima wird im wesentlichen beeinflusst durch die Zusammensetzung und Dynamik der Atmosphäre, durch die Sonnenaktivität sowie durch Vorgänge, die in der festen Erde, den Eisflächen und Ozeanen ablaufen. Diese Prozesse haben wiederum direkten Einfluss auf die Variationen in den Erdrotationsschwankungen. Und jenen Aspekt auf das globale Wohlbefinden haben Wissenschaftler auf einem Treffen des Internationalen Erdrotationsdienstes (IERS) im GeoForschungsZentrum Potsdam (GFZ) diskutiert.

Dank moderner Analysemethoden und satellitengestützer Messtechnik können Wissenschaftler heute zum Beispiel die Lage der Erdachse auf den Millimeter genau angeben. „Und erst diese Präzision ermöglicht uns, auch einige Klimaänderungen mit Schwankungen der Erdrotation zu erklären“, berichtet der IERS-Vorsitzende, Prof. Christoph Reigber vom GFZ. Ziel sei es, die Klimaphänome zu entkoppeln und einzelnen Ursachen zuzuordnen. Aus dem Rotationsverhalten der Erde lassen sich Rückschlüsse auf Vorgänge im Erdinneren schließen. Vielleicht werde man eines Tages mit dieser Technik auch Erdbeben vorhersagen können, hofft Reigber.

Die Erde vollzieht bei ihrem Flug um die Sonne gleichzeitig noch drei weitere Bewegungen. Erstens: sie dreht sich mit 1650 Stundenkilometern einmal in 24 Stunden um ihre eigene Achse. Tag und Nacht entstehen. Zweitens schwebt die Erde nicht starr wie ein Globus in seiner Halterung „aufgespießt“ durch den Raum, sondern die Erdachse selbst folgt einer Kreisbahn, die sich innerhalb von 26 000 Jahren wieder schließt. Dabei schlingert die Achse periodisch hin und her und beschreibt die dritte Bewegungsform.

Jede globale Klimaänderung ist mit Masseverlagerungen verbunden: Wenn Gletscher schmelzen, wird Eis zu Wasser. Die Masse bleibt gleich, sie verteilt sich nur anders. Darum steigt der Meeresspiegel an. „Und diese Masseumlagerung beeinflusst wiederum die Rotation der Erde“, führt Reigber aus. Der flüssige Erdkern schwappt im Innern wie ein volle Badewanne und „wehrt“ sich gegen die erzwungene Drehung. Starke geodynamische Vorgänge wie Erdbeben oder die Kontinentaldrift verändern die Drehgeschwindigkeit der Erde ebenso. Sie wird sich nie gleichmäßig drehen. Der Gezeiteneinfluss lässt den Berliner Boden im zwölf Stundentakt 30 Zentimeter heben und senken. Kein Punkt auf der Erdoberfläche steht fest.

Doch der Mensch der Neuzeit hat sich daran gewöhnt, dass der Tag 24 Stunden und das Jahr 365 Tage hat. Aber das war nicht immer so: Vor etwa 200 Millionen Jahren hatte das Jahr noch 385 Tage; und ein Tag dauerte nur 23 heutiger Stunden. Grund: die Erde drehte sich damals schneller! Je weiter man in der Erdgeschichte zurückgeht, um so rascher war die Erdumdrehung und um so kürzer waren folglich auch die Tage. Für den stetigen Bremseffekt ist der Mond verantwortlich, beziehungsweise die durch den Erdtrabanten hervorgerufene Gezeitenreibung auf der Erde. Etwa um zwei Millisekunden pro Jahrhundert verlängert sich ein Erdentag. In ferner Zukunft wird es dazu führen, dass die Erde dem Mond immer die gleiche Seite zudreht. Jeder Tag wird dann so lang sein, wie ein ganzer heutiger Monat, und das ganze Jahr wird nur noch zwölf Tage haben. Irgendwann.

Erschienen am 02.10.1998 in der Berliner Morgenpost

(update 08.11.2002)


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