Druckluftauto aus Frankreich | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Wissenschaft

Eine neue Luft-Ente aus Frankreich
Das Druckluftauto aus Nizza will die Innenstädte der Welt erobern

Geil! Endlich den Bleifuß ohne schlechtes Gewissen hemmungslos durchtreten. Einmal so richtig Gas geben. Den Ökoschummi rauslassen. Ohne besserwisserische Gezeter vom Beifahrersitz von wegen der Umwelt, dem Spritverbrauch und so. Denn dieses Auto fährt gar nicht mit Benzin oder Diesel, sondern mit Luft. Mit Druckluft. Und hinten kommt auch nur Luft heraus. An diesem Luftmobil bastelt bereits seit vielen Jahren der Franzose Guy Nègre.

Am Traum vom Luftmobil bastelt der Erfinder bereits seit Anfang der 90er Jahre. Der aus Narbonne stammende Ingenieur mit Formel-1-Erfahrungen hat bislang allein durch Hilfe von Freunden und Bekannten über elf Millionen Euro in sein ehrgeiziges Projekt investiert. Seine Prototypen tuckern auch hin und wieder auf Promo-Tour durch die europäischen Lande, um dabei zum Beispiel einem deutschen Fernsehmoderator die Fönfrisur zu lüften. Aber zur Serienreife hat es noch nicht gelangt.

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Doch Monsieur Nègre will nicht nur die Druckluftautos verkaufen, sondern gleich die ganze Fabrik für knapp zehn Millionen Euro als Bausatz inklusive der Lizenzen zur Fertigung seiner Druckluftfahrzeuge. Er hat mit seiner Firma MDI (Moteur Développement International) die globalen Claims abgesteckt und verkauft die Lizenzen immer nur gebunden an bestimmte Regionen. 300.000 Euro kostet so ein Gebietsschutz und 62 solcher Lizenznehmer nennt MDI weltweit als Vertragspartner. Aber keiner für Deutschland. Es gibt viele Interessenten, unter anderem die Aircar AG in Frankfurt. Aber die sind jetzt pleite und wettern gegen MDI mit einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft in Frankfurt wegen gemeinschaftlichen Betrug.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt teilte dazu im Januar 2008 auf Anfrage mit: "Das Ursprungsverfahren wurde nach § 170 II StPO eingestellt; die Aufnahme der Ermittlungen abgelehnt (§ 152 II StPO).

Bezüglich des Tatvorwurfs des Betruges (angebliche Zusicherung der Absicherung der Kapitalanlage gegen Totalverlust) wurde das Verfahren abgetrennt. Mittels eines Anfragebogens sollen nunmehr die potentiellen Geschädigten befragt werden, ob ihnen eine Absicherung gegen Totalverlust bei Darlehensgewährung zugesagt wurde und ob insoweit eine Täuschung vorliegt."

Dabei hätte dieser Traum vom Ökoauto Monsieur Nègre beinah den europäischen Eurosolar-Preis 2002 für alternative Verkehrssysteme eingebracht. Aber die drängenden Fragen der Jurymitglieder "nach unbestrittenen Betriebserfahrungen seiner Fahrzeuge" hat MDI in der vorgebenen Zeit nicht beantworten wollen oder können. "Der Druckluftmotor an sich hätte diesen Preis verdient", sagt der Präsident der europäischen Sonnenenergie-Vereinigung Eurosolar und SPD-Bundestagsabgeordneter, Hermann Scheer. Entscheidend für die Nominierung war, dass man mit Druckluft emissionsfrei fahren kann. Aber wer schweigt, kriegt keinen Preis. Und leider bedeutet das Schweigen der Franzosen auch Futter für die Skeptiker und Miesmacher der neuen und vielleicht auch noch unreifen Technik.

Aber dass ein Auto mit Luft angetrieben werden kann, wird von keinem Experten bestritten. Und Monsieur Nègre hat dies ja auch mit seinen Werks- und Studiofahrten eindrucksvoll bewiesen. Ein Lupofahrer tankt Benzin. Nègre tankt Luft. Viel Luft. Dieser gasförmige Treibstoff wird bei den MDI-Mobilen in vier Pressluftflaschen à 300 bar gefüllt, der Lufttank so zu sagen. Die insgesamt 95.000 Liter komprimierte Luft wiegen 117 Kilogramm und sollen den Wagen mit dem 18 Kilowatt Motor unter der Haube im Stadtverkehr ungefähr 200 Kilometer weit bringen.

Doch genau das bezweifeln auch Wissenschaftler wie Professor Horst Brunner vom Lehrstuhl für Kraftfahrzeug- und Antriebstechnik der Technischen Universität Dresden. Die Berechnungen seiner Mitarbeiter mit den technischen Angaben aus den offiziellen MDI-Datenblättern haben eine wesentliche geringere Reichweite ergeben. Dietrich Hennecke von der Fakultät für Maschinenbau der Technischen Universität Ilmenau kommt mit den klassischen Formeln und Diagrammen der Thermodynamik auf etwa 60 Kilometer Aktionsradius für die MDI-Flotte. "In der gepressten Luft steckt einfach nicht mehr Energie", erklärt Hennecke. Und in Kombination mit herkömmlicher Fahrzeugtechnik komme man eben nicht weiter.

"Um die Luft mit 300 bar in die MDI-Tanks zu pressen, nutzt ein strombetriebener Industriekompressor etwa 65 Kilowattstunden (kWh)", erläutert Druckluftspezialist Erwin Ruppelt vom Kompressorhersteller Kaeser im oberfränkischen Coburg. Eine Tankfüllung kostet Otto Normalverbraucher somit 5,20 Euro. Von diesen 65 kWh steckt aber nur ein Bruchteil an Energie in der Pressluft. Es gibt keine realen physikalischen Prozesse, die ohne Verluste ablaufen. - so auch der Kompressor für die Luftbetankung läuft mit Verlusten.

"Der Wirkungsgrad liegt etwa bei 20 Prozent", sagt Ruppelt. Das bedeutet: von den 65 kWh bleiben für die Druckluft höchsten 13 kWh übrig. Und da auch ein MDI-Motor mit Verlusten arbeitet, reicht den Skeptikern die restliche Energie eben nicht aus, um damit noch 200 Kilometer weit zu fahren. "Nègre wird die Physik sicher nicht neu erfinden", konstatiert Ruppelt, "aber vielleicht steckt in dem Motor ja doch eine geniale Idee, auf die bisher niemand gekommen ist.

"Mindestens 9.500 Euro soll sie in Deutschland kosten: als dreisitziger Stadtflitzer "Mini C.a.t." und zirka 12.500 Euro als Sechssitzer "City C.a.t", wobei C.a.t. für Compressed Air Technologies steht. Die Preise sind vor einer professionellen Serienfertigung kalkuliert und sollen später den Produktionsbedingungen der Verkaufsländer angepasst werden. Im Prinzip also völlig unverbindlich. Zur Ausstattung der Fahrzeuge gehört ein elektrischer Bordkompressor, der via Steckdose die leeren Tanks innerhalb von vier Stunden in der heimischen Garage wieder mit Pressluft füllen soll. Ein Tankstellennetz für unterwegs existiert aber noch nicht, geschweige denn die Kraftwerke für die minutenschnelle Pressluftbetankung der Druckluftautos.

Das Auto, dass nur Luft ablässt, ist als reines Stadtfahrzeug konzipiert worden. Es soll, so die Idee seines Erfinders Nègre, dazu beitragen, die Atemluft der Innenstädte zu verbessern. Mag sein, dass sich die Smogglocke über Mexiko-City dank seiner Erfindung etwas verdünnt, aber völlig emmissionslos sind Nègres Fahrzeuge denn doch nicht. So argumentieren die Traditionalisten der Energieversorgerszene. Die Kompressoren für die Druckluft brauchen Strom, und der kommt in Frankreich überwiegend aus Atomkraftwerken. Jede Meile auf den Straßen von Paris mit dem MDI-Flitzer bedeuten auch ein paar Millionen Kernspaltungen mehr im Reaktortrakt.

Und eine luftige Stadtrundfahrt in Frankfurt treibt Dank des politischen Energiemixes doch noch unsichtbare Klimagase in den deutschen Himmel. Na und? Mit einem klassischen Elektrofahrzeuge nämlich auch. Und es ist nicht die Aufgabe des Erfinders auch noch den politischen Himmel abgasfrei zu halten. Er fährt ja schon ohne die bleischweren Batterien.

Mit der jüngsten Entwicklung präsentiert MDI auf seiner eigenen Webseite einen Motor, der sowohl mit Druckluft als auch mit fossilen Brennstoffen fahren soll. Traut MDI seiner eigenen Courage und Reichweite nicht mehr und rückt ab vom ökologischen Prinzip der abgasfreien Mobilität?

Luft tanken: Von Leer auf Voll mit 65 kWh. Ein Kompressor mit 65 kW Leistung müsste also eine Stunde laufen, um die Tanks mit 300 bar Luft zu füllen. Soll das nun schneller geschehen, etwa in drei Minuten, braucht's auch mehr Leistung: 3 Minuten = 1 Zwanzigstel Stunde, das bedeutet, die Leistung muss verzwanzigfacht werden. 65kW mal 20 = 1.300 kW (Gegenrechnung: Lässt man einen 1.300 kW Kompressor 3 Minuten laufen, hat er eben 65 kWh verbraucht). Sollen jetzt 1.000 Luftautos gleichzeitig in drei Minuten vollgetankt werden, müsste eine Leistung von 1.300 kW mal 1.000 = 1.300.000 kW oder 1.300 MW bereitgestellt werden. Das entspricht etwa der Leistung eines Kernkraftwerkes der Marke Krümmel.

Unter anderen erschienen am 16.11.2002 in der taz


Links:
(update 11.06.2015)

"Luftnummer in der SZ" mehr >>>
"Frische Luft für das Druckluftauto?" mehr >>>
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Aircar: Pfffffft" mehr >>>


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