BSE - Tod durch Politikerhand | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Wissenschaft

Tötungswahnsinn
Politiker im Blutrausch - Hysterie um BSE?

„Das ist eine konzertierte Aktion uns extensiven Landwirten den Garaus zu machen”, fürchtet Andreas Bechler vom „Aktionsbündnis zur Verhinderung der Borchert Tötungsverordnung”. In enge Ställe sind seine 80 Galloway-Rinder nicht gepfercht; sie grasen ganzjährig auf den Weiden in Schmerkendorf bei Torgau.

Drei Tiere kaufte das Ehepaar noch direkt aus England zu. Diese Tiere müssen nun getötet werden. Für 20 weitere Rinder der F1-Generation (unmittelbare Nachkommen der Direktimporte) besteht ein Schlacht- und Vermarktungsverbot. „Alle Tiere stammen aus extensiven, kontrollierten und BSE-freien Beständen”, betont Bechler. Und bisher trat die Krankheit immer nur in der intensiven Rindermast bei den Hochleistungstieren auf, nie in der extensiven Landwirtschaft. Für ihn ist BSE keine Seuche sondern eine Vergiftung. Anders sieht es Jochen Borchert, Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten: von den Direktimporten gehe ein hohes BSE-Risiko aus. Etwa 5.200 aus Groß Britannien, Nordirland sowie der Schweiz stammenden Tiere sollen getötet und die rund 14.000 F1-Rinder unter behördliche Beobachtung gestellt werden. So schwerwiegend die Entscheidung zum Töten der Tiere auch sei, sagte Borchert, es führe im Sinne des vorbeugenden Verbraucherschutzes kein Weg daran vorbei.

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hat sich gegen die Tötung der Rinder ausgesprochen, da diese ohnehin einem Vermarktungsverbot unterlägen. „Es ist eine sinnlose Schauveranstaltung, die nichts an den Ursachen der Rinderkrankheit ändert”, sagte NABU-Geschäftsführer Gerd Billen. Die wirklichen Ursachen der immer wieder auftretenden Tierseuchen lägen in der nicht artgerechten Tierhaltung. „Ob Rinderwahnsinn oder Schweinepest: Solange die Massentierhaltung staatlich subventioniert wird, werden die Fleischskandale immer wiederkehren.” Nach Auffassung des NABU verstößt Borcherts Verordnung auch gegen das Tierschutzgesetz, das die Tötung von Wirbeltieren ohne vernünftigen Grund verbiete.

Darum erwägt der Deutsche Tierschutzbund auch eine Strafanzeige gegen den Bundesminister zu erstatten. Aus ihrer Sicht ist die 2. BSE-Schutzverordnung im höchsten Maße rechtswidrig; verschiedene Gerichte hätten schon die nahezu inhaltsgleiche BSE-Eilverordnung vom Januar aus tierschutzrechtlichen Bedenken außer Kraft gesetzt. „Diese staatlich verbriefte Tierquälerei kann in einer Demokratie nicht hingenommen werden”, sagt Verbandspräsident Wolfgang Apel.

SPD-Gesundheitsexperte Dr. Wolfgang Wodarg fordert: „BSE-verdächtige Rinder beobachten; BSE-Herden und Rinder unklarer Herkunft töten!” Nach neuesten Hochrechnungen britischer Wissenschaftler sind angeblich 9 Prozent aller BSE-Fälle auf maternale Übertragung (von der Kuh auf das Kalb) zurückzuführen; in allen anderen Fällen soll die Übertragung durch Tiermehl erfolgt sein. Wodarg hält diese Untersuchung für „fehlerhaft und völlig unbrauchbar”. Die Schweizer Veterinärbehörden hätten ihrerseits von 1990 bis 1996 alle Nachkommen an BSE erkrankter Tiere gekennzeichnet und unter engmaschigen Beobachtung gestellt. Dort wurde kein einziger Fall von maternaler Übertragung bekannt.

In Irland sind zirka 130, in Portugal zirka 70 in der Schweiz 239 und in Frankreich ungefähr 50 BSE-Fälle (1996) registriert. Auch in diesen Ländern wurde infiziertes Tiermehl verfüttert. Dass es in Deutschland bislang keinen originären BSE-Fall gegeben hat, führt der Staatssekretär des Bundesernährungsministeriums, Dr. Franz-Josef Feiter auf mehrere Gründe zurück. Dazu gehört, dass von deutschem Tiermehl, keine Gefahr ausgehe. Außerdem sei in Deutschland nie Tiermehl an Rinder verfüttert worden. Schließlich habe Deutschland schon sehr früh „die Grenzen dicht gemacht gegenüber jeglichem Risikomaterial”.

Der SPD Bundestagsabgeordnete Wodarg sagt, dass auch in Deutschland bis zum März 1994 kostengünstiges britisches Tiermehl völlig legal verfuttert werden konnte. Britisches Tiermehl vagabundierte damals unkontrolliert durch Europa. Das Risiko einer BSE-Erkrankung für damals mit infektiösen Kraftfutter legal ernährte Rinder bestehe wegen der langen Inkubationszeit jedoch weiterhin. Es muss damit gerechnet werden, dass Rinder angesichts der offenen europäischen Grenzen und der attraktiven Preise für britisches Tiermehl auch in Deutschland bis zum Jahr 2000 an BSE erkranken können. Die deutsche Entsorgungsfirma Rethmann betreibt in Frankreich einige große Tiermehlfabriken, die bisher noch nach dem alten unsicheren Verfahren gearbeitet haben. Ob das von dieser Firma vertriebene Produkt jetzt aus Frankreich oder aus Nordrhein-Westfalen stamme, kann ohne Schwierigkeiten verborgen werden, behauptet Wodarg.

Der Untersuchungsausschuss des Europaparlamentes hat deutlich gemacht, dass in Großbritannien versucht wurde, die BSE-Fälle herunterzuspielen. Schlachtintervalle, die kürzer sind als die bekannte Inkubationszeit, verschleiern das Auftreten manifester BSE-Erkrankungen. Wer - wie die Briten - alle Rinder mit spätestens 30 Monaten schlachtet, kann diese ruhig mit infiziertem Tiermehl füttern. Erkrankungen werden nicht mehr auftreten, da die infizierten Rinder schon vorher verspeist wurden.

Die Schweizer haben einen anderen Weg gewählt: Mit großem Aufwand haben sie versucht, alle Risikoherden und alle Fälle zu identifizieren und sehen hierin die unverzichtbare Basis für weitere Sicherungsmaßnahmen. Jeder aufgedeckte Fall gibt wichtige Aufschlüsse über die Übertragungswege, legale und illegale Ursachen über Stärken und Schwächen bisheriger Regelungen. Die politische Entscheidung lautet also: britischer Blindflug oder eidgenössische saubere Seuchenbekämpfung. Nach Auffassung des Bundesrates ist einer zuständigen Behörde nicht möglich, für jedes Einzeltier den Ansteckungsverdacht zu belegen. Deshalb soll es genügen, dass die Tötung auch für lediglich empfängliche Tiere angeordnet werden kann. Die Tötung aller aus den genannten Staaten stammenden Rinder als Gruppe diene der Beseitigung eines potentiellen Infektionsherdes.

Die Gallowayzüchter Schleswig-Holsteins hatten sich selbst verpflichtet, ihre direkt importierten Rinder aus Großbritannien nicht zu schlachten, noch bevor dies gesetzliche Auflage in Deutschland wurde. Statt dessen wurden bislang Tiere, die aus Alters- oder Krankheitsgründen getötet werden mussten, zu Untersuchungszwecken zur Verfügung gestellt. 1995 waren es etwa 150 Tiere, deren Kadaver untersucht und danach vernichtet worden waren. Bei keinem von ihnen konnte BSE nachgewiesen werden. Obwohl die Krankheit schon seit etwa 10 Jahren bekannt ist, rätselt die Wissenschaft weiter über den „Erreger”. Vieles spricht dafür, dass infektiöse Eiweiße die Krankheit hervorrufen; aber auch die „Virentheorie” ist noch nicht vom Tisch. Andere Wissenschaftler machen die Chemikalie mit dem Namen „Phosmet” verantwortlich. Ein Mittel, das zur Bekämpfung der Dasselfliege - einem gefährlichen Rinderparasit - eingesetzt wurde. In Irland und England kam der Stoff vom Beginn der 80er Jahre bis Anfang 90er flächendeckend zur Verwendung. Drei Jahr später traten die ersten BSE-Fälle auf.

In Brandenburg sind 164 Rinder britischer und schweizer Herkunft von der Tötungsverordnung betroffen. Die Entschädigigungssumme wird zirka 400.000 Mark betragen. Der Höchstsatz pro Tier beträgt 6.000 Mark, auch wenn die Tiere im Einzelfall erheblich höher geschätzt werden. Da es sich in keinem Fall um die Tötung ganzer Rinderbestände, sondern immer um Einzeltiere handele, sagte ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums, sei die unmittelbare Existenzbedrohung dieser Betriebe nicht erkennbar. Der wirtschaftliche Schaden werde durch die gewährte Entschädigung zumindest gemildert. Die Maßnahme richte sich in keinem Fall gegen die extensive Tierhaltung als solche.

„Unser Ruf ist auf Jahre gebranndmarkt”, klagt Bechler. Durch die BSE-Krise seien sie zur Selbstvermarktung gezwungen, da die Fleischindustrie ihre Tiere nicht mit ins Programm aufgenommen habe. Und rund ein Drittel seiner Rinder sind sowieso von der Vermarktung ausgeschlossen. Trotzdem erzielten sie bisher „immer recht gute Ergebnisse”. Für das abgelaufene Jahr beziffert der Landwirt allerdings einen Verlust von zirka 35.000 Mark; dieses Minus führt er nicht nur auf die BSE-Krise zurück, sondern eher auf die allgemeine, rückläufige Nachfrage bei Rindfleisch. Der Hof von Dietmar Frenzel liegt im Nationalpark Niederes Odertal. Die Wiesen und Weiden sind für den Landwirt ertragreiche Flächen; sie bieten wertvollen Lebensraum für eine üppige Tier- und Pflanzenwelt. Die Artenvielfalt soll auch erhalten bleiben, und so hält Frenzel auch nur einen reduzierten, extensiven Tierbestand. 200 Galloway-Rassen und Kreuzungen überwintern ohne Stall und Scheune auf den Koppeln; davon stehen 20 F1-Rinder unter Qurantäne. Existenziell bedroht sieht Frenzel seinen Betrieb von der Tötungsverordnung nicht. Und an eine Attacke gegen die Extensiven glaubt er auch nicht; schließlich treffe es ja alle.

Erstveröffentlichung im Grünstift Heft 5/97

Links:
(update 07.12.2006)

"Deutsche Forscher entdecken Ansatz für BSE-Therapie" mehr >>>
"Briten werden wahnsinng" mehr >>>
"Neue BSE-Prionvariante bei Rindern gefunden" mehr >>>
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