Probleme mit Biogasanlagen | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Wissenschaft

„Mit der Gülle verdienen wir keinen Pfennig!”
Biogasanlagen bieten eine Alternative - aber keine Lösung

Jürgen Pfennig stinkt es. Obwohl es schon lange nicht mehr riecht. Er ist Geschäftsführer einer Schweinezucht- und Mast GmbH und leitet die Schraden-Biogasanlage im brandenburgischen Gröden. „Nach der Wende waren wir plötzlich mit dem Problem konfrontiert, die Gülle umweltverträglicher zu verwerten als bisher”, erinnert sich der gelernte Landwirt.

Etwa 80.000 Tonnen des Gemisches aus Wasser, Harn und Kot von Rindern und Schweinen fallen in der Region jährlich an. Darum war die Biogasanlage eine Flucht nach vorn, beschreibt Pfennig die Lösung. Heute sichert die umweltfreundliche Entsorgung die Existenz der verbliebenen Tierzuchtbetriebe, stellt Strom sowie Wärme bereit und vermindert die Geruchsbelästigung.

Aber Biogasanlagen werden nicht gebaut, um die Luft zu verbessern. Es sind Wirtschaftsbetriebe, die Profit abwerfen müssen und dem knallharten Wettbewerb um den organischen Abfall ausgesetzt sind. „Mit der Gülle nehmen wir keinen Pfennig ein”, betont der Geschäftsführer. Diese werde den Bauern kostenlos abgenommen und nach der bakteriellen Behandlung wieder als nährstoffreicher Dünger zur Verfügung gestellt. Das Geld muss mit der sauberen Entsorgung von industriellen und kommunalen Biomüll verdient werden. Die Verwertung von Küchen- oder Kantinenreste, Stärke- oder Fischabfälle, Inhalte aus Fettabscheidern kostet den Lieferanten zwar mehr als üblich, jedoch garantiert Schraden-Biogas ihm „die Entsorgung nach dem Stand der Technik”. Im Osten sei es aber immer noch einfacher, ein Loch zu finden und dort den Müll verschwinden zu lassen, klagt Pfennig. Und das stinkt ihm gewaltig. Dumpingpreise in Grauzonen und Sondergenehmigungen für Deponien verderben die Preise. „Wir müssen aquirieren, Überzeugungsarbeit leisten. Von alleine kommt keiner!” kommentiert er seine Überlebensstrategie.

Die Gesamteinnahmen aus dem Energieverkauf von Wärme und Strom decken in Gröden lediglich ein Drittel der Anlagenkosten. Das größte deutsche Ökokraftwerk in der Niederlausitz speist den überwiegenden Teil seiner 1,2 Megawatt elektrischer Leistung ins Netz der Energieversorgungsunternehmen (EVU). Diese vergüten aber nur den Strom - entsprechend dem Stromeinspeisegesetz - mit 15,3 Pfennig pro Kilowattstunde, der ausschließlich aus Produkten oder biologischen Rest- und Abfallstoffen der Land- und Forstwirtschaft gewonnen wird. Also Schweine oder Rindergülle zum Beispiel. Betreiber, die auch Speisereste oder anderen organischen Abfall in ihren Anlagen verwerten, müssen den Strompreis mit den jeweiligen EVUs aushandeln. Den Strom ins öffentliche Netz zu speisen, ist technisch kein Problem. Anders sieht es bei der Wärme aus. Da die Biogasanlagen in meist strukturschwachen Regionen arbeiten, sind konstante Abnehmer für die Wärme kaum vorhanden. So bläst auch die Schraden-Biogasanlage den überwiegenden Teil ihrer Prozesswärme ungenutzt in die Luft.

Zirka 300 Biogasanlagen stehen heute in der Bundesrepublik auf ländlichen Wiesen. Die acht Anlagen in Brandenburg erbringen fast vier Megawatt elektrische Leistung; das entspricht etwa einem Viertel der Gesamtleistung aller Biogasanlagen in Deutschland. Das Umweltbundesamt (UBA) bewertet den praktischen Einsatz von Biogasanlagen mit der Fragenach der Rentabilität. Die Biogasnutzung käme dann langfristig in Betracht, heißt es im UBA-Jahresbericht 1995, wenn Gülle aus Betrieben mit über 100 Großvieheinheiten anfällt. 100 Großvieheinheiten bedeuten 300 Milchkühe, 330 Mastschweine oder 5.000 Legehennen. Somit kann nur eine Massentierhaltung die Grundversorgung für Biogasanlagen schaffen.

Seit drei Jahr stagniert die Gesamtzahl von Rindern und Schweinen in Brandenburg bei etwa 1,5 Millionen Stück Vieh. Dr. Volkhard Scholz vom Institut für Agrartechnik Bornim (ATB) schätzt das „ökologische Potential aus den Tierexkrementen allein in Brandenburg auf mindestens 170 Millionen Kubikmeter Biogas pro Jahr.” Genügend Stoff für neue Biogasanlagen? Holger Lüdke, Geschäftsführer der Kommunal-Finanz aus Hamburg und Kapitalgeber der Schraden-Biogasanlage sieht keinen breiten Markt für Biogas. Es gäbe nur wenige optimale Standorte, zudem seien die Marktpreise der Entsorgung sehr niedrig. Und die Investoren erwarten neben den steuerlichen Abschreibungen auch von „Öko-Objekten” langfristig eine hochprozentige Rendite. Darum glaubt Lüdke im Moment auch nicht an einen wirtschaftlichen Erfolg von neuen Biogasanlagen und rät von solchen Projekten eher ab. „Die Situation verbessert sich vielleicht, wenn das Wirtschaftskreislaufgesetz wirklich greift, und der Schwund auf die Deponien eingedämmt wird!”

Technische Daten
Mengendurchsatz 110.000 Tonnen/Jahr davon Rinder- Schweinegülle 80.000 Tonnen/Jahr und Reststoffe Bioabfälle aus Kommunen, organische Reststoffe aus Gewerbe und Industrie 30.000 Tonnen/Jahr.

Produktion Dünger 100.000 Tonnen/Jahr - Biogas 3,65 Millionen Kubikmeter/Jahr.

Energie 1,2 Megawatt (elektrisch) - 1,2 Megawatt (thermisch) - 0,7 Megawatt Dampf; Eigenenergiebedarf liegt bei zirka 20 Prozent.

Die Gesamtkosten der Anlage betrug 18 Millionen Mark, davon waren 2,1 Millionen Fördermittel vom MUNR, und 560 Tausend Mark kamen aus dem brandenburgischen Wirtschaftsministerium. Die Restsumme finanzierte die Kommunal-Finanz aus Hamburg durch private Investoren.

Wirkungsprinzip der Schraden-Biogasanlage
Nach der Anlieferung durchläuft das Güllegemisch zunächst den Hygenisierungsbehälter: dort wird es eine Stunde bei 70 Grad Celsius entkeimt. In den sauerstofffreien und dunklen Reaktoren produzieren Bakterien durch die natürliche Verrottung der Gülle das Biogas. Dieser Prozess findet bei einer Temperatur von 37 Grad Celsius statt. Das Biogas besteht etwa zu 65 Prozent aus Methan. Dieses Methan wird in einem Blockheizkraftwerk verbrannt und wandelt die Energie in Strom und Wärme. Für den Reaktorbehälter nutzen Wärmetauscher die Wärme aus der Methanverbrennung um die Gülle im Reaktor konstant auf Betriebstemperatur zu halten. Der biologische Abbauprozess entwickelt selbst keine Wärme. Darum müssen während der sogenannten Anlaufphase die Reaktoren extern beheizt werden. Der Betrieb ist ein ständiges Zu- und Abführen von Gülle und ermöglicht so eine theoretische Verweildauer der Biomasse im Reaktor von ungefähr 20 Tagen. Dann ist sie beinahe vollständig ausgegast. Der Schwefelanteil im Gas wird mit EisenIIChlorid ausgefällt und hält damit den Grenzwert von 500 ppm ein. Die Hersteller von Motoren für Biogasanlagen geben bei Überschreiten des Wertes keine Garantie mehr gegen Korrosionsschäden. Der Durchsatz der Anlage beträgt bei einem Druck von sechs bar etwa 13,5 Kubikmeter Gülle pro Stunde.

Erstveröffentlichung im Grünstift Heft 2 / 97

zum Thema: biomasse-info.net

Links:
(update 22.07.2004)

"Mehr Strom durch Algen" mehr >>>
"Aktuelle Verfahren und Technologien durch Nassvergärung" mehr >>>


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