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Redaktion: Wissenschaft

Packt den Krebs aus dem Tank!
Benzol: Neue Richtlinie schafft besseren Schutz für schwangeres Kassenpersonal an Tankstellen

Autofahrer riechen den betäubenden Benzingeruch, der beim Tanken aus dem Einfüllstutzen steigt; Tankwarte schnüffeln die Benzoldämpfe rund um die Uhr. In den Verkaufsräumen wabert eine unsichtbare Dunstglocke über Lebensmitteln, Zeitungen und Personal.

„Schwangeren sollte man generell verbieten, an Tankstellen zu arbeiten!”, fordert Gerd Albracht Ministerialdirigent im Hessischen Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales. Der Länderausschuss für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik (LASI) beschloss einstimmig im April 1996 eine verbindliche Richtlinie zum Schutze von schwangerem Kassenpersonal an Tankstellen. Er empfiehlt einen sogenannten Interventionswert für Benzol in der Luft: über einer Konzentration von 25 Mikrogramm Benzol pro Kubikmeter Luft sollen technische oder organisatorische Maßnahmen zum Schutz der Frauen ergriffen werden. Einen absoluten Grenzwert legt das Papier allerdings nicht fest. „Bei krebserregenden Stoffen gilt das Minimierungsgebot und kein Grenzwert.”, betont Albracht. Dieser dürfe die „normalen Belastungswerte” in Wohnungen nicht übersteigen.

Das Bundesgesundheitsamt ermittelte im Rahmen des Umweltsurvey in den Jahren 1985 und 1986 eine Hintergrundbelastung durch Benzol in Wohnbereichen zwischen 23 und 30 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Deshalb wird ein Interventionswert von 25 Mikrogramm an Arbeitsplätzen schwangerer Frauen vorgeschlagen. Ein Urteil des Berliner Oberverwaltungsgerichtes aus dem Jahre 1992 schuf Rahmenbedingungen für die Überwachungsbehörden, jedoch keine Maßstäbe für die Beurteilung der Benzolkonzentrationen. Der LASI-Erlass bringt nun Klarheit und die Mineralölgesellschaften in Zugzwang.

„Unsere Richtlinie wird an das Gefahrstoffrecht gebunden, damit der Druck auf die Mineralölgesellschaften wächst”, sagt Albracht. Denn ihre Untersuchungen hätten ergeben, dass für die Benzolkonzentration in den Verkaufsräumen nur die Benzolkonzentration im Kraftstoff ausschlaggebend sei. „In der Tendenz zeigte sich, dass bei Benzolkonzentrationen von weniger als 1,3 Prozent im Benzin, die Benzolkonzentrationen in den Kassenräumen unter dem vorgeschlagenen Interventionswert blieben.”, erklärt der Chemiker. Die Belüftung oder die Größe des Kassenraums, die Anzahl der Zapfsäulen, Öffnungsdauer pro Tag oder die Umsatzmenge von Kraftstoffen spielten dabei keine nachweisbare Rolle: eine indirekte Forderung nach benzolarmen Benzin.

Diese Ansicht vertritt auch Dr. Wolf Drechsler vom Umweltbundesamt (UBA) in Berlin. Schon vor zwei Jahren hätten Forschungsergebnisse gezeigt, dass eine Reduzierung des Benzolgehaltes im Kraftstoff auf ein Volumenprozent höchstens zwei Pfennig Mehrkosten verursache. Die Qualität leide darunter nicht. Der durchschnittliche Benzolanteil im Benzin liegt heute bei 1,9 Prozent. Erlaubt sind fünf Prozent. Alle anderen Lösungsmittel enthalten höchstens 0,1 Prozent Benzol. Nur beim Benzin erlaubt der Gesetzgeber die eine Ausnahme. Appelle an die Mineralölgesellschaften, benzolarmes Benzin anzubieten, verhallten nicht ungehört.

„Wir bieten seit Sommer 1995 das benzolarme Superplus Benzin an,” unterstreicht Dr. Barbara Meyer-Buckow, Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbandes in Hamburg. Dieser Kraftstoff hat eine Benzolkonzentration von unter einem Prozent. Der Marktanteil von benzolarmen Superplus ist auch gering: nur 4,7 Prozent und im Schnitt elf Pfennig teurer als normales, bleifreies Benzin. Eine flächendeckende Versorgung mit benzolarmen Benzin hält Frau Meyer-Buckow für „nicht nötig”. Dabei verweist sie auf Schadstoffberechnungen des Instituts für Energie- und Umweltforschung (ifeu) in Heidelberg: sie prognostizieren rückläufige Benzolemissionen. Katalysatortechnik mache dies möglich, auch ohne die Einführung von benzolarmen Benzin. Waren es im Jahre 1990 noch rund 37.000 Tonnen Benzol, so werden diese im Jahre 2010 auf nur noch 7.000 Tonnen sinken. Nur, für die Belastungen an den Tankstellen sind diese Zahlen kein entlastendes Argument. Im Gegenteil: Sinkt die allgemeine Belastung mit Benzol, kann der Interventionswert angeglichen werden. Mineralölgesellschaften verkaufen krebserregende Stoffe; über Benzolbelastungen an Tankstellen wissen sie aber keine Auskunft zu geben. „Da sind wir auf die Gewerbeaufsichtsämter oder das UBA angewiesen”, bekennt Frau Meyer-Buckow.

Ein Zusammenhang zwischen berufsbedingter Benzolexposition und dem Auftreten von Leukämien vermuteten Mediziner bereits seit 1928. Epidemiologische Untersuchungen in den 70er Jahren bestätigten diese Vermutung mehrfach. Der Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften registriert eine Zunahme von Berufskrankheiten infolge Benzolbelastungen. Von 1980 bis 1994 stieg die Zahl der Anerkennungen von 23 auf 69; in den 14 Jahren wurden 509 Fälle bestätigt: darunter acht Tankwarte, 16 Automechaniker. Die meisten Erkrankungen traten mit 92 Personen im Chemiebereich auf. Die steigenden Zahlen begründet Professor Rainer Schiele von der Deutschen Gesellschaft für Arbeits-und Umweltmedizin mit einer erhöhten Sensibilität in der Bevölkerung, einer besseren Erfassung der Erkrankten und dass sich die Beweisführung erleichtert habe. Der Mediziner warnt eindringlich davor, Benzin als Reinigungsmittel zu verwenden.

Das Bundesgesundheitsministerium klärt auf: Tanken gefährdet die Gesundheit. „Wir haben die Zusammenhänge aufgezeigt und ein politisches Signal zur Reduzierung des Benzols im Benzin gesetzt,” resümiert Albracht. Protestbriefe werden beantwortet. Nach Meinung des UBA sind die für die Herstellung des benzolarmen Kraftstoffes notwendigen technischen Einrichtungen vorhanden. Nun geht es so: Packt den Krebs endlich aus dem Tank.

Erstveröffentlichung in der Märkischen Oderzeitung am 10.08.1996

(update 13.10.1999)


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