Armageddon - Steinschlag aus dem Weltraum | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Wissenschaft

Steinschlag aus dem Kosmos
Armageddon: Kinohelden atomisieren fiktiven Asteroiden in Null Komma nichts

Ein Asteroid - so groß wie Texas - rast mit 40 000 Kilometern pro Stunde auf die Erde zu. Sein Aufprall bedeutet das Ende der Menschheit. Nur 18 Tage bleibt der NASA, um den Todesbrocken zu eliminieren. Die Weltraumagentur heuert den Ölbohrexperten Harry Stamper, gespielt von Bruce Willis, an. Geheimnis bleibt, warum die NASA nicht auf eigene Astronauten vertraut? Stamper und seine Crew sollen nach einer Hau-Ruck-Ausbildung auf dem Asteroiden landen, ein Bohrloch in den kosmischen Körper vorantreiben, um darin eine Atombombe zu implantieren. Ziel der cineastischen Reise in die Schwerelosigkeit: die Vernichtung von Armageddon und die Rettung der Welt.

Fiktion oder Realität: Der Einschlag einesAsteroiden, ein Global Killer (6 kB)

„Solch große Asteroiden gibt es gar nicht“, erklärt Gerhard Hahn, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin Adlershof. Und so einen Brocken innerhalb von zwei Wochen erfolgreich zu zerstören, sei völlig unrealistisch. Ein Verteidigungsprojekt dieser Dimensionen zu planen und zu bauen, geschieht nicht von heut auf morgen, sondern benötigt viele Jahre intensiver Entwicklung. Als probates Mittel für eine Ablenkung oder Zertrümmerung des Asteroiden komme nach dem heutigen Stand der Technik zwar die Atombombe einzig in Betracht, sagt Hahn, auch sei die Landung auf einem Asteroiden vorstellbar, dann aber vorzugsweise mit einer unbemannten Sonde.

Asteroiden oder Planetoiden - die sogenannten „kleinen Planeten“ - ziehen ihre ellipitischen Bahnen zwischen Mars und Jupiter. Es sind feste, meist unregelmäßig geformte Gesteinsbrocken mit Durchmessern zwischen wenigen Metern bis zu knapp 1000 Kilometer. „Wir schätzen ihre Gesamtzahl auf mehr als 100 000“, sagt der Astronomiedirektor vom Astronomischen Rechen-Institut Heidelberg, Lutz Schmadel, und nur von etwa 10 Prozent sei der Bahnverlauf durch das Universum bekannt. Die Asteroidenbahnen unterliegen den störenden Gravitationseinflüssen aller großen Planeten, dadurch sind sie nicht konstant sondern variabel. Wissenschaftler haben inzwischen rund 120 Asteroiden identifiziert, die zu einer Gefahr für die Erde werden könnten.

Die kleinsten Planetoiden im Zentimeterbereich heißen Meteorite. Geraten diese Körper in die Erdatmosphäre, verdampfen sie auf Grund der Reibung mit den umgebenden Gasen meist vollständig und rufen eine Lichterscheinung hervor: die Sternschnuppen. „Durch die Meteorite erfährt die Erde täglich einen Massezuwachs von etwa 7000 Tonnen“, erläutert Schmadel. Durch das Bombardement aus dem All wird der Globus also schwerer.

„Die Kollision eines Asteroiden mit der Erde ist ein sensibles und sensationsträchtiges Thema“, sagte unlängst Richard P. Binzel, Professor am Massachusetts Institute of Technology anläßlich eines Treffens führender Wissenschaftler zur Verbesserung eines Asteroiden-Warn-Systems. Im März dieses Jahres schockte eine Meldung die Welt: Wissenschaftler der International Astronomical Union hatten errechnet, dass der Asteroid 1997XF11 im Jahre 2028 auf die Erde einschlagen werde. Aber schon einen Tag später gab die NASA Entwarnung: Der Himmelskörper, so ihre Kalkulationen, werde die Erde um rund eine Millionen Kilometer verfehlen.

Die Experten sind sich einig, dass Astronomen ihre Berechnungen solange geheimhalten sollten, bis sie von anderen Instituten überprüft worden sind. Im Zeitalter von Internet allerdings eine heikle Sache. Die NASA fordert eine „Zwischenzeit-Regelung“; danach sollten Astronomen, die einen neuen Asteroiden entdeckt haben und glauben, dass er in Erdnähe kommen könnte, anderen Kollegen 48 Stunden Zeit geben, um die Daten zu überprüfen. Erst dann sollten sie an die Öffentlichkeit gehen. Ein Seismologe warnte dagegen davor, Informationen zu lange zurückzuhalten. „Wir können den Nachrichtenfunk nicht kontrollieren“, gab Alan Lindh vom US Geological Survey zu bedenken.

Statistisch finden Kollisionen mit Körpern von 10 bis 30 Metern Durchmesser in Abständen von etwa 1 bis 100 Jahren statt. Asteroiden oder Kometenkerne mittlerer Größe (200 Meter bis zu 2 Kilometer) treten durchschnittlich alle 10 000 Jahre bis zu einer Million Jahre auf. Mit „Global Killern“ größer 2 Kilometer muss statistisch in einer Zeitspanne von einer Million bis 500 Millionen Jahren gerechnet werden. „Zur Apokalypse der Menschheit bedarf es also lediglich eines interplanetaren Körpers der 10-Kilometer-Klasse“, sagt der Heidelberger Astronom Schmadel. Und nicht erst eines Armageddon. Wenn es nun eines Tages zur kosmischen Begegnung kommen sollte, bleibt zu hoffen, dass die Erdenbürger nicht auf die Künste eines zerschlissenen Ölbohrers Marke Willis angewiesen sind.

Erschienen am 19.07.1998 in der Berliner Morgenpost

noch'n Text zum Thema Asteroiden


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