Snooker: Ronnie O'Sullivan - Ein Virtuose mit dem Queue | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Ein Virtuose mit dem Queue
Beim "Irish Masters 2004" in Dublin hat sich die internationale Snooker-Elite versammelt. Mit Ronnie O'Sullivan hat sich einer der Besten locker für das Viertelfinale qualifiziert. "The Rocket", wie der Engländer ehrfurchtsvoll in der Szene genannt wird, hat schon einmal einen Snookertisch in nur 320 Sekunden abgeräumt.

Eine irische Landschaft in Öl gemalt und mit opulentem Rahmen eingefasst hängt schwer auf der hellbraunen Ornamentstapete des Konferenzsaales im Dubliner Citywest Hotel. Hier werden die Betten erst ab 200 Euro die Nacht im Einzelzimmer bezogen. Unter gleißendem Scheinwerferlicht bestreiten die Engländer Ronnie O'Sullivan und Brian Morgan ihr Achtelfinale der "Irish Masters" im Snooker. Beide sind hoch dotierte Berufsspieler und O'Sullivan einer der weltbesten seiner Art. Der 28-Jährige tritt als Titelverteidiger der irischen Meisterschaft an.

Der SnookertischRonnie O'Sullivan hat schon einmal einen Snookertisch in nur 320 Sekunden abgeräumt
Fotos: Voßberg

Chronisten berichten, dass der Name "Snooker" für das Spiel mit den farbigen Kugeln auf dem grünen Tuch, eigentlich einer Beleidigung geschuldet ist. Im 19. Jahrhundert vergnügten sich britische Soldaten im fernen Indien in den Offiziersmessen auch am Billardtisch. Nach einem misslungenen Stoß fiel der Begriff "Snooker". Im Grunde eine verächtliche Bezeichnung für die jungen Rekruten. Damit diese Beleidigung dem Ranghöheren nicht aufstößt, wurde kurzerhand das Spiel so tituliert. It's the name of the game und heute ist Snooker längst als lukrativer Fernsehsport etabliert. Rund 60.000 Euro streicht der Sieger von Dublin ein.

Im Foyer des Citywest Hotels werden den Zuschauern der "Irish Masters" die neuesten Queues von EJ Riley oder Cheddar Classics angeboten. Billige Einsteigermodelle gibt es ab 35 Euro, die teuren kosten 325 Euro. "Aus finnischer Esche handgemacht", beteuert der Verkäufer mit dem charmanten Guinness-Lächeln. Die Tribüne bietet etwa 1100 Besuchern einen bequemen Sitzplatz; das Irische Fernsehen berichtet live aus der Arena. Es wäre beinahe mucksmäuschenstill im Saal, wenn nicht der surrende Ventilator eines Videostrahlers, der den aktuellen Spielstand auf eine Leinwand projiziert, den klackenden Kugeln auf dem Tisch Paroli bieten will.

O'Sullivan verharrt jetzt in seiner gebückten Haltung am Tisch. Sein Kinn fast den Queue berührend, blickt er verträumt der roten Kugel nach, die den Fall in das Loch verweigert hat. Spielpause für ihn; Morgan stößt weiter. O'Sullivan streicht die lederne Stoßkappe seines Queues scheinbar abwesend mit Kreide ein. Immer wieder. Ein Ritus. Nervöses Hüsteln im Publikum. Wie in der Oper. Die Kandidaten tragen schwarze Schuhe, Hose und Weste über ein weißes Hemd. O'Sullivans Haarpracht ziert noch ein hochgesteckter schwarzer Zopf. Der Schiedsrichter tritt ganz in schwarz mit weißen Handschuhen auf.

In seinen kurzen Spielpausen wirkt O'Sullivan eher gelangweilt als aufgeweckt. Er gähnt sogar ein paar Mal frech hinter vorgehaltener Hand und schaut dem Kontrahenten Morgan bei seinem Spiel zu. Gedankenverloren: "Übe Du einmal in Ruhe mit den ersten Kugeln, ich versenke den Rest und hole mir die Spiele." Als er wieder am Tisch steht, schraubt O'Sullivan für seinen nächsten Stoß eine Verlängerung an den Queue und versenkt präzise die gelbe Kugel in die vorgesehene Tasche. Dann die nächste. Und die nächste. Sein genialer Stoß platziert die weiße Kugel immer wieder auf eine ideale Position für den nächsten Stoß. So macht er die Punkte. Eine diabolische Performance. Morgan sitzt wehrlos in der Ecke.

O'Sullivans Virtuosität mit dem Queue basiert auf recht banalen Regeln: Auf dem Tisch befinden sich zu Beginn eines Spiels - in der Snooker-Terminologie heißt das "Frame" - insgesamt 22 gleich große Kugeln. Neben der weißen Spielkugel gibt es 15 rote sowie sechs andersfarbige Kugeln. Die roten zählen jeweils einen Punkt, die farbigen Kugeln besitzen unterschiedliche Wertigkeit: Die gelbe zwei, grün drei, braun vier, blau fünf, pink sechs und schwarz sieben Punkte. Das Ziel des Spiels besteht nun darin, die Kugeln in eine der sechs Taschen des Snooker-Tisches zu versenken. Grundsätzlich muss immer erst eine rote und danach eine farbige Kugel gespielt werden. Ein Spieler ist so lange an der Reihe, wie es ihm eben gelingt, die Kugeln in der regelgerechten Folge zu potten.

Wird eine rote Kugel eingelocht, verbleibt sie bis zum Spielende in der entsprechenden Tasche. Die Farbigen hingegen, werden so lange immer wieder vom Schiedsrichter auf ihre markierten Aufsetzpunkte zurückgelegt, bis keine rote Kugel mehr auf dem Tisch liegt. Jetzt beginnt das Endspiel mit den farbigen Kugeln, die nach aufsteigender Wertigkeit endgültig in die Taschen platziert werden. Ein Frame ist dann beendet. Im Finale am kommenden Sonntag werden maximal 19 Frames gespielt. Der knappste Sieger hat dann mit zehn zu neun Frames gewonnen.

Das Dubliner Achtelfinale wird in maximal neun Frames entschieden. O'Sullivan führt bereits nach 76 Minuten mit 4:0 Frames gegen Morgan, und der nächste Frame kann schon die Entscheidung bringen. Elf Minuten und 23 Sekunden später ist es dann soweit. Shakehands. Und nach dem Match erklärt der Sieger seinem Publikum, dass er mit seinem Spiel noch nie so zufrieden gewesen sei wie heute. Mit einer abschließenden Serie von 49 Punkten beendete O'Sullivan das Achtelfinale für sich.

Die Höchstpunktzahl beim Snooker beträgt 147 Punkte. Sie ergibt sich nach einer Serie von 15 Stößen, in der abwechselnd immer eine rote dann die schwarze Kugel versenkt werden (gleich 120 Punkte) und anschließend die farbigen Kugeln gelocht werden (gleich 27 Punkte). Ronnie O'Sullivan gelang dieses Kunststück bereits im zarten Alter von 16 Jahren und danach in seiner bislang zwölf Jahre währenden Karriere als Berufsspieler zusätzlich sechsmal. Bei den 97er "Embassy World Championship" in Sheffield (dem Wimbledon für Snooker) räumte er alle Kugeln in nur 320 Sekunden vom Tisch und kassierte dafür 147.000 englische Pfund. Nicht umsonst trägt O'Sullivan den Spitznamen "The Rocket".

Erschienen am 26.3.2004 auf Spiegel-Online

27.03.04
Die Rakete ist abgestürzt
Glatt mit 2:6 Frames unterlag gestern der Engländer Ronnie O'Sullivan seinem Landsmann Peter Ebdon im Viertelfinale der Irsih Masters in Dublin. Der Titelverteidiger konnte nur im ersten und siebten Frame überzeugen, den er in sechseinhalb Minuten für sich entschied. Sonst hatte "The Rocket" zu viele Fehlzündungen in seinem Spiel. Beim Stande von 1:2 Frames gab O'Sullivan den laufenden Frame bereits verloren, als noch elf rote Kugeln auf dem Tisch lagen. Er haderte mit dem sechsten Frame, den Ebdon mit einem 39er break gerade noch mit 69:67 für sich retten konnte. "Es hat mir heute wohl an Konzentration gefehlt", analysierte O'Sullivan die Niederlage überraschend locker. Seine gute Stimmung zeigte sich auch schon im Match, als er das eine oder andere Mal mit dem Publikum schäkerte. "Ich gönne Peter diesen Sieg, schließlich hat er Frau und Kinder zu ernähren", erklärte der Verlierer generös, verschwand, um sich die neuste Matrix-DVD als Entspannungsübung einzulegen.

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