Singapur, die saubere Löwenstadt | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Reiseberichte

Singapur - Die Löwenstadt
Viele Gesichter einer Stadt

Wer nach Singapur reist, kommt meistens aus der Luft. Und wer mit einer der mehr als dreißig Fluggesellschaften, die Singapur heute anfliegen, nachts über die Stadt hereinschwebt, wird ein farbenprächtiges Spiel von Myriaden bunter Lichter erkennen. Sie werfen nicht mehr als einen kargen Schein auf das Wasser, in dem sich manchmal vor Anker liegende Schiffe schemenhaft abbilden.

Die geographische Nähe zum Äquator verleiht der drei Millionenmetropole ihr feuchttropisches Klima. Der Inselstaat liegt am südlichen Ende der „Straße von Malacca” zwischen dem Indischen Ozean und dem Südchinesischen Meer. An jedem Tag des Jahres klettert die Quecksilbersäule auf über 27 Grad Celsius, und nachts ist es nur unwesentlich kühler. Die relative Luftfeuchtigkeit von nahezu 90 Prozent lässt den verwöhnten Europäer nicht gleich zu Beginn seines Besuches kollabieren, denn der hypermoderne, riesige „Changi Airport” im Ostteil der Insel ist natürlich wie jedes öffentliche Gebäude in Singapur vollklimatisiert. In dieser künstlichen Welt aus Glas und Beton, Wasserspielereien im Neonlicht, duty-free shops und unter den wachsamen Augenpaaren unzähliger uniformierter und ziviler Sicherheitsbeamter erledigen täglich viele tausend Reisende ihren check in.

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Und während einer disziplinierten Passkontrolle erhält der Ankömmling den obligatorischen grünen Stempel in sein Reisedokument. Die Zolldurchsichten unterliegen zufälligen Gesetzmäßigkeiten, obwohl die Einfuhr jeglicher Drogen mit harten Strafen belegt wird. Wahrscheinlich sprechen Gesichter für Kofferinhalte. Singapur hat viele Gesichter! Drei Viertel davon sind chinesischer Herkunft; die anderen haben malaiische, indische oder pakistanische Vorfahren. Die Singapureaner ordnen sich selbst keiner bestimmten ethnischen Gruppe zu, sondern betrachten sich als ein Teil einer „neuen Gesellschaft”. Der Name für den Stadtstaat beruht auf einem Irrtum. Nach alten malaiischen Chroniken erhält Singapur seinen Namen bereits vor rund 700 Jahren zu Ende des 13. Jahrhunderts. „Sang Nila Utama”, ein Prinz aus Sumatra, landet in Temasek („Seestadt”), einer kleinen Siedlung am Fuße des heutigen „Fort Caning Hill”. Im Glauben, dass es sich bei den hier lebenden Tigern um Löwen handelt, gibt er der Siedlung den Namen „Singapura” (Sanskrit: „Löwenstadt”).

Singapur hat in seiner leidvollen Geschichte viele Tragödien ertragen müssen. Im 14. Jahrhundert wird es durch kriegerische Auseinandersetzungen völlig zerstört und schließlich vom Dschungel zurückerobert. über viele Jahrhunderte hinweg segeln Briten, Portugiesen und Holländer an der Insel vorbei. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist es Sir Thomas Stamford Raffles vorbehalten, das Land zwischen Tanjong Malang und dem Kallang River aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Mit diesem Kuss gerät Singapur unverhofft unter britische Kolonialherrschaft und wird in der Zeit von Indonesien aus verwaltet. Diese Epoche wird 1942 durch die Besetzung japanischer Truppen und der bedingungslosen Kapitulation der Briten beendet. Die neuen Machthaber errichten eine Militärverwaltung und deportieren zahlreiche Chinesen und Malaien nach Birma.

Mit dem Sieg der Alliierten über die Japaner 1945 fällt die Verwaltung erneut an das britische Militär, und Singapur gehört noch weitere 18 Jahre zum Commonwealth. Ein junger chinesischer Politiker namens Lee Kuan Yew, Mitbegründer der „Peoples Action Party (PAP)”, führt die Republik in die Unabhängigkeit und war ihr strenger Regent im Amte eines Premierministers. Seither hat Singapur sein Gesicht häufig verändert. Das „facelifting” ins nächste Jahrtausend hat seine unübersehbaren Spuren hinterlassen: Elefanten als Transportmittel sind längst aus dem Straßenbild verschwunden, alte Kolonialbauten fielen Grundstücksspekulationen zum Opfer, Wohndschunken wurden aus dem Hafenbecken entfernt, kein Platz für Romantik. In den 60er Jahren war das Stufenhochhaus am Collyer Quai der modernste Wolkenkratzer der Stadt, heute kaum noch zwischen all den Glas-, Stahl- und Betontürmen auszumachen. Sie prägen die heutige Skyline, denn wo ökonomische Interessen im Vordergrund stehen, hat Ökologie keinen Platz mehr.

Es gibt nur noch sehr wenige Naturreservate auf dem Eiland: In den Bukit Timah und Kranji Nature Reserves sowie im Mac Ritchie-, Peirce- und Seletar Reservoir kann man noch „unberührten” Dschungel, Sümpfe und Mangrovenwälder antreffen. In den gepflegten Parks und Gärten der Innenstadt begegnet man überall einer verschwenderischen Pracht der tropischen Pflanzenwelt. Singapur gehört zu den führenden Orchideenexporteuren der Welt. Auf der Insel gibt es nur wenig freilebende Tiere. Meist handelt es sich dabei um kleinere Säugetiere, Zibetkatzen, Lemuren, Eichhörnchen und streunende Vierbeiner. Den letzten Tiger auf freier Wildbahn sah man vor rund sechzig Jahren. Die einstige Artenvielfalt der unangetasteten Natur ist nur noch im Zoo zu bewundern.

Die Straßen sind also sicher und vor allem sauber. Mit einer fast hysterisch anmutenden Akribie werden Gehwegplatten gefegt, Unrat vom öffentlichen Rasen sorgfältig entfernt. Hohe Geldstrafen erwarten diejenigen, die Zigarettenkippen achtlos auf die Straße werfen. Späte Bekenntnisse an die Sünden der Vergangenheit. Auch in der U-Bahn, kurz MRT (Mass Rapid Transport), ist das Rauchen und Trinken verboten. Man darf nicht spucken, keine Tiere mitnehmen, keine Waren verkaufen, Füße gehören auf den Boden und besonders wichtig: Glücksspiele sind verpönt! Den Singaporeanern steht die soziale Disziplin quasi ins Gesicht geschrieben, und man kann leicht dem Eindruck verfallen, Singapur sei zwar sauber und effizient, aber eben auch langweilig und seelenlos.

Mit nichten! Hinter den Kulissen, abseits von Orchard Road mit seinen luxuriösen Geschäften und schicken Nobelhotels, in den alten Vierteln (nicht nur rund um die Arab Street) pulsiert der ferne Osten oder deren europäische Phantasien. In den offenen Garküchen kann man indische, malaiische oder chinesische Speisen genießen. Früher zogen die Händler mit ihren Karren durch die Straßen Singapurs. Die Ära ist zwar längst vorüber, aber die Höker gibt es immer noch: in mehrstöckigen Gebäuden oder auch ebenerdig unter freiem Himmel sind sie in den klassischen „hawker centers” anzutreffen. Dort wird die Nudelsuppe mit den „Chop sticks” gegessen. Dem Europäer reicht man ungefragt Löffel und Gabel als Essbesteck.

In den engen Gassen, die man unbedingt zu Fuß erschließen sollte, riecht es nach exotischen Gewürzen, Räucherstäbchen oder heißem Öl. Es ist laut, denn das Leben spielt sich auf der Straße ab. Geschäft reiht sich an Geschäft. Händler preisen die Waren an und entführen wortgewandt ihre „Opfer” in die Läden. Schuster sitzen an Straßenecken unter Sonnenschirmen und hämmern auf die Sohlen. Beim Wahrsager kann man sich für ein paar Münzen billig die Zukunft prophezeien lassen oder beim Losverkäufer eine kleine Chance auf das große Glück erstehen. Muße hat dort seinen Platz. Leider werden diese friedlichen Oasen von einem unerschütterlichen Fortschrittsglauben stetig vernichtet.

Tagsüber boomt die Stadt nur so in Neubauaktivitäten, obwohl schon fast zwei Drittel der Fläche Singapurs bebaut sind. Der Großteil der Bevölkerung lebt in Wohnblocks außerhalb des Stadtkerns. Nach alter malaiischer Tradition stehen die Bauten auf Betonstelzen. Das bringt einerseits Kühlung durch die ventilierende Luft und andrerseits die Möglichkeit, unter den Wohnungen kleine Läden einzurichten. Orte, wo man sich gern zu einem Schwätzchen trifft und den neuesten Klatsch aus der Siedlung erfährt.

Dank eines guten öffentlichen Nahverkehrssystem sind die Wohnstätten schnell und bequem von der city aus zu erreichen. Nervtötende, endlose Blechlawinen, die andere Großstädte verstopfen und mit Abgasen vergiften, gibt es in Singapur deshalb nur selten. Hohe Steuern, Lizenzgebühren und gigantische Kaufpreise regulieren feinsinnig den Autostrom durch die Innenstadt. Ein japanischer Mittelklassewagen ist hier kaum unter 50.000 Mark zu erstehen, dennoch rollen auch europäische Nobelkarossen über den Asphalt. Wer während der rush hour ins Zentrum fahren will, benötigt mindestens zwei weitere Fahrgäste (keine Puppen) im Innenraum oder kauft sich ein „Fünf Dollar ticket.” Mit diesen Geld will die Regierung den öffentlichen Nahverkehr fördern; beispielgebend für andere verstopfte Weltstädte!

Chinesen sind kluge Kaufleute und machten Singapur zu dem, was es heute ist: ein multimillionäres Investitionsparadies und Kongresszentrum, eine Metropole im Computerzeitalter, die den betagten Abacus niemals weit aus der Hand legt. Viele Reisende aus Europa benutzen Singapur als Sprungbrett für ihre Anschlussreisen nach Australien oder Neuseeland. Es ist die Gelegenheit ein wenig Orient zu schnuppern.

Gesichter von Singapur

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Erschienen am 03.03.1993 im Trierischen Volksfreund
(update 15.11.2007)

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