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Quokkas sind geschütze Beuteltiere | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Reiseberichte

Falsche Ratten
Quokkas: Miniaturkängurus in Westaustralien

Am letzten Tag des Jahres 1696 kreuzte der holländische Seefahrer William de Vlamingh mit dem Handelsschiff „den Eendracht” in den Gewässern vor der Westküste Australiens. Durch sein Fernrohr erblickte er eine unbewohnte Insel mit kargen Bewuchs. Sie ankerten in einer kleinen Bucht am Südwestzipfel des Eilandes.

Schon bei seinem ersten Landgang traf de Vlamingh auf ungewöhnliche Tiere. Er beschrieb sie als „eine Art Ratten so groß wie gewöhnliche Katzen, deren Kot überall auf der Insel zu finden ist”. Demzufolge gab er der Insel den Namen Rottnest Island (Rattennest-Insel). Tatsächlich haben diese einzigartigen Tiere nichts mit Ratten gemein! Es sind „quokkas”, Miniaturkängurus ohne langen muskulösen, Schwanz. Aber erst 1830 wurden sie von den französischen Biologen Quoy und Gaimard als Beuteltiere erkannt.Quokkas sind geschütze Beuteltiere | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

Die Aborigines nannten das Beuteltier „ban-gup” oder „quak-a”, von wo sich der heutige Name herleitet. Wissenschaftler vermuten die nächsten Verwandten der quokkas in den „forest wallabies” und „tree kangaroos” Ostaustraliens. Wäre dem so, bleibt die Frage, wie es zur Isolierung der Beuteltiere in Südwest-Australien kam? Wer auch immer seine Vorfahren gewesen sein mögen, der quokka ist der einzig lebende Repräsentant der Kurzschwanzkängurus.

Vielleicht war es die Furcht vor seuchenbringenden Ratten, die mehr als 140 Jahre nach Entdeckung der Insel verstreichen ließ, bis die erste Siedlung gegründet wurde: im Jahre 1838 bezeichnenderweise als Gefängnis für Aborigines vom Festland. 1903 wurde es dann wieder aufgegeben, und bald darauf wurde das Eiland zum Fluchtpunkt der Gesellschaft von Perth. Aber erst in den letzten zwanzig Jahren entwickelte sich die Insel zum Ausflugsziel von Tagesreisenden. Heute ist Rottnest eine reine Ferieninsel ohne privaten Landbesitz. Und trotzdem: die Zivilisation bedroht das letzte Reservat!

Der „rottnest quokka” ist seit 35 Jahren Objekt wissenschaftlicher Untersuchungen der University of Western Australia. Noch bis in die 30er Jahre waren die quokkas in den Sümpfen und dem Dickicht des Festlandes in großer Zahl gesichtet worden. Nach und nach dezimierte sich aber ihre Population. Zwischen 1950 und 1960 beschränkte sich ihr Lebensraum lediglich auf wenige sumpfige Täler in den Darling Ranges. Obwohl die Umstände für ihren plötzlichen Rückgang nicht völlig geklärt sind, nennt die Wissenschaft fünf Ursachen: um die Jahrhundertwende war das Schießen der Tiere ein weit verbreiteter Sport. Füchse und Kaninchen tauchten Mitte der zwanziger Jahre in diesen Gebieten erstmals auf. Die Kaninchen waren die Nahrungskonkurrenten der quokkas, die Füchse fanden in ihnen reichlich Beute. Die Zerstörung des natürlichen Lebensraumes und Krankheiten haben ihr übriges dazu beigetragen, dass die quokkas vom Aussterben bedroht sind. So ist Rottnest Island heute der letzte Lebensraum für diese Beuteltiere und daher von eminenter Bedeutung für die Erhaltung dieser Gattung.

In dem kühlen und nassen Winter gibt es reichlich Trinkwasser aus den ergiebigen Regenfällen und dem frischen Tau auf den Pflanzen. Wenn die Tage im November wieder wärmer werden, verringert sich die Anzahl der Frischwasserquellen zusehends, und im Hochsommer gibt es nur noch ganz wenige Gebiete mit Trinkwasser. Wenn die Temperaturen am Tage auf über 40 Grad Celsius klettern, suchen die Tiere unter den dichten Büschen der Insel Zuflucht vor der sengenden Sonne. Die Tiere sind dann gezwungen, ihre schattigen Höhlen zu verlassen, um über mehrere Kilometern zu den Wasserstellen zu wandern.

In den Regionen, wo kein frisches Wasser vorhanden ist, verschaffen sich die quokkas den lebenswichtigen Stoff aus sukkulenten Pflanzen (z. B. carpobrotus virescens oder coastal pigface). Sie gedeihen hauptsächlich im Winter und mit ihrem fortschreitenden Wachstum verringert sich der Wasser- und Stickstoffgehalt. Quokkas, die sich ausschließlich von diesen Pflanzen ernähren, vermeiden zwar das Dehydrieren, leiden aber an latenter Unterernährung und erkranken in der Folge an Anämie. Die Sterberate unter diesen Populationen ist sehr hoch.

Zu den Unwägbarkeiten der Wasser- und Stickstoffaufnahme gesellt sich noch der Mangel an Spurenelementen wie Kobalt und Kupfer. Auch wenn es den Anschein hat, dass die Tiere mit den Mangelerscheinungen recht gut leben können, hat das Kupfer einen wichtigen Einfluss darauf, wie oft die weiblichen quokkas Junge bekommen.

Im Alter von zirka zwei Jahren sind die Tiere geschlechtsreif. Sie paaren sich im Spätsommer eines Jahres, und die Schwangerschaft dauert 27 Tage. Das Muttertier gebärt nur ein Jungtier. Bis zum August oder September des darauffolgenden Jahres verbleibt es im Beutel seiner Mutter und wird dann noch weitere zwei Monate gestillt. Unmittelbar nach der Entwöhnung ihrer Jungtiere paaren sich die quokkas nicht. Der niedrige Kupfergehalt in den weiblichen quokkas am Ende der Stillphase beeinträchtigt die Bildung von roten Blutkörperchen und verhindert so die „neue Begierde”. Behandelt man diese Tiere zusätzlich mit dem Element, oder verfrachtet sie auf das Festland, wo der Erdboden einen relativ hohen Kupfergehalt besitzt, dann werden diese Tiere wieder im Frühjahr schwanger.

Die Lebenserwartung der quokkas beträgt ungefähr zehn Jahre. Sie leben in Gruppen von 25-150 Tieren in abgegrenzten Territorien. Wie sie diese Grenzen markieren ist nicht bekannt. Die alten erwachsenen Männchen sind die dominierenden Tiere in den Gruppen. Sie sind die erfahrensten Kämpfer um die besten Schattenplätze! Verlässliche Schätzungen gehen von einer Gesamtpopulation auf Rottnest Island von zirka 10.000 Tieren aus. Die 55 Quadratkilometer große Insel liegt 20 Kilometer westlich von Perth und ist täglich in weniger als eine Stunde mit Fährschiffen von Freemantle aus zu erreichen. Die Küstenlinie mit ihren verträumten Buchten und lang gestreckten Sandstränden bildet eine malerische Landschaft. Die Insel besitzt einige tiefliegende Salzseen, und in den umgebenden Bewuchs flüchten sich die Quokkas vor der unbarmherzigen Sonne und den Touristen. - keine Ratten sondern geschützte Beuteltiere!

Quokkas

Quokkas sind geschütze Beuteltiere | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger VoßbergQuokkas auf Rottnest IslandQuokkas auf Rottnest IslandQuokkas auf Rottnest Island

Erschienen in Das Tier Heft 4/95
(update 04.01.2007)

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