White Cliffs - Outback & Opale | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Reiseberichte

Outback, High Tech und Opale
White Cliffs: Schätze in der Wüste von New South Wales

Wer aus Broken Hill kommend den Barrier Highway #32 am letzten Abzweig vor Wilcannia verlässt, befindet sich auf einer „dirt road”, die nach weiteren hundert Kilometern die einsame Siedlung White Cliffs erreicht. Die Staub- und Geröllpiste schlängelt sich durch das heiße „outback” im fernen Nordwesten des Staates New South Wales nahe der Grenze zu South Australia ungefähr 1000 Kilometer von Sydney.

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Outback (Hinterland) nennt der Australier jene Gebiete seines weitläufigen Heimatkontinents, die fern der Küste, fern aller Zivilisation liegen. Das weite, leere und flache Land, die Wüste mit bizarren Felsformationen, aber auch den Regenwald meint der Australier, wenn er vom „Middle of nowhere”, „Back of Beyond” oder „Never Never”, eben dem Hinterland spricht. Hier glaubt man den „echten Australier” zu treffen, zäh, von der Sonne gegerbte Haut, erhaben über Hitze und Regengüsse, gefeit gegen Mosquitoangriffe, vernarbt von Schlangenbissen und gemeisterten Krokodilattacken und nicht zuletzt dem reichen Biergenuss verfallen, frei nach dem cineastischen „Crocodile-Dundee”-Klischee.

Dabei wird häufig vergessen, dass die Mehrzahl der Australier in den Ballungszentren der Küstenregionen leben und das die "wahren Australier" eigentlich die Aborigines sind. Seit vielen zehntausend Jahren beheimateten die Ureinwohner friedlich die rote Erde unter der glutheißen Sonne, bis zu dem Zeitpunkt, als im 18. Jahrhundert europäische Seefahrernationen, allen voran die Engländer, sich aufmachten, neue Welten zu entdecken und dabei unter anderem auch in Australien landeten. Damit war die Ausrottung vieler Stämme eingeleitet worden. Heute ist die weiße Vorherrschaft gelegentlich bemüht, die Wunden der Vergangenheit finanziell zu vernarben. Aber die Aborigines und ihre Kultur haben aber den unverhofften Sprung ins 20. Jahrhundert nicht überlebt.

Vorsichtig lenke ich die alte Limousine über die Lunken, denn die morsche Federung wird arg strapaziert. Bis zum Horizont erstreckt sich nur ödes Buschland, die Hitze ist brutal. Der Wetterbericht einer lokalen Radiostation kündigt für den Tag 40 Grad Celsius im Schatten an. Aber hier ist kein Schatten! In der Ferne beobachte mit einigem Unbehagen seit geraumer Zeit eine tänzelnde Staubwolke und kurbele vorsichtshalber die Seitenfenster wieder hoch. Kurz darauf hüllt mich ein vorbeibrausender Truck in eine rote Decke aus feinem Wüstensand. Die Scheibenwischer leisten ungewöhnliche Dienste.

Ab und zu werde ich von stutzenden Kängurus seitlich des Weges aus meiner Lethargie geweckt. Höllisch aufpassen muss man jedoch, wenn die Beuteltiere durch Fahrgeräusche aufgeschreckt werden und in Panik über die Straße flüchten. Denn, wo ein Känguru türmt, folgt meistens auch noch ein zweites! Die Spur ebnet sich ein, die Landschaft aber wird hügeliger. Ein lärmendes Bombardement kleiner Steine gegen den porösen Unterboden lassen mich auf nahezu Schrittgeschwindigkeit abbremsen. Im Kriechgang erreiche ich das Begrüßungsschild: „Welcome to White Cliffs”! Das Kaff scheint ausgestorben.

Lokale Chroniken wissen zu berichten, dass die ersten Opalsucher im Jahre 1884, wahrscheinlich Ungarn und Deutsche, in dieses Gebiet kamen. Fünf Jahre später sandten sie erste Gesteinsproben mit einer Karawane nach Adelaide. Das Ergebnis war positiv und löste ein bisher einmaliges Opalfieber aus. Phantastische Geschichten von kürbisgroßen Edelsteinen lockten Tausende Glücksritter und Abenteurer in diese unwirkliche Einöde. 1899 lebten hier 4.500 Menschen, eine richtige Stadt war innerhalb weniger Jahre aus dem Boden gewachsen. White Cliffs war das weltweit erste große Opalfeld, das kommerziell ausgebeutete wurde. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden viele Deutsche vom Patriotismus ergriffen, und sie verließen ihre Höhlen. Aber nur wenige von ihnen kehrten nach den blutigen Kämpfen wieder zurück.

Ich kam nicht nur wegen der Opale, sondern mich interessierte auch die Solaranlage. „Tägliche Touren um 14 Uhr” verspricht ein verwittertes Holzschild an der Eingangspforte. Eine viertel Stunde nach Ankündigung rollt ein Jeep auf das Gelände. Aus ihm entsteigt eine Person, die Erkennungsmerkmale eines „typischen Australiers” besitzt: Filzhut mit Vollbart, braun gegerbte Haut, kurze Hosen in Latschen und ein verschwitztes Hemd auf dem Leib. „Hi! My name is Bill”, nuschelt er durch die Stoppeln und reicht mir die Hand. „Jeder heißt hier Bill! Und niemand fragt woher, warum, wie lang oder wohin? Kein Mensch kommt freiwillig in die Wüste.”

Bill ist ursprünglich aus Neuseeland, hatte jahrelang als Schafscherer gearbeitet. Aber als die Alimente seine Einkünfte überstiegen, verschlug es ihn nach White Cliffs. „Komm Kumpel, bevor ich dir die Anlage zeige, muss ich noch die 'Wachziege' tränken!” Es ist ein ausgemergelter Bock, der flehend in die Tristesse mäht. Und Bill erzählt seine Geschichte: „Als vor vielen Jahren ein Professor mit seinen Studenten im fernen Canberra die High Tech-Anlage in unser Nest transplantieren wollte, war's mit der Ruhe und Abgeschiedenheit zunächst vorbei. Sie kamen dann mit einem Truck in drei bedächtigen Tagen die 100 Kilometer dirt road vom Highway herauf. Die Nächte campierten sie im Freien. 14 Parabolteller aus Fieberglas mit einem Durchmesser von je fünf Metern hatten sie wie Sandwiches mit Gummischeiben unterlegt auf dem Ausleger gestapelt. Auf jedem der Teller waren 2.300 kleine Spiegel einzeln aufgeklebt worden. Einige der Spiegel waren schon bei der Ankunft gesprungen.

Die Anlage wurde in wenigen Wochen errichtet und erste Probeversuche gefahren. Das reflektierte Sonnenlicht wurde auf einen sogenannten Absorber gebündelt, der von Wasser durchströmt, dann 400 Grad Celsius heißen Dampf produzieren sollte. Der Dampf wurde zur Stromerzeugung auf eine Turbine getrieben. Jeder der Teller ist beweglich, sodass man sie jedem beliebigen Sonnenstand individuell anpassen kann.” Bill betätigt ein paar Schalter und die Teller drehen und neigen sich.

„Es stellten sich aber bald die ersten Mängel ein: der Silikonkleber für die Spiegel war noch nicht ausgehärtet, und so ploppten die ersten Exemplare bald von den gekrümmten Flächen. Weitere Konstruktionsfehler besorgten schließlich das Betriebsende. Es war einmal vorgesehen, den gesamten Ort mit Strom aus der Solaranlage zu versorgen. Nun ist sie eine Ruine der Wissenschaft, und wir arbeiten weiterhin mit Dieselaggregaten! Heute putze ich alle vierzehn Tage die Spiegel mit einem Mob und zeige Typen wie dir die Einrichtungen. Das gibt 'n' paar Dollar Trinkgeld vom Staat für den Hausmeisterjob!” lacht er verschmitzt. „Hast du schon Opale gesehen?” fragt er mich dann. Ich verneine, und Bill empfiehlt mir „Jock's Place”. „See you in the pub then, mate!”

Freundlich werde ich von Jock, der nicht Bill heißt und seiner Frau Betty in ihrem dug-out (Ausgrabung) empfangen. Aber für zwei Dollar geleiten sie fast jeden durch ihren wohnlichen Bau. Ausgestattet mit Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer bietet die Höhle jeglichen Komfort wie er in allen herkömmlichen australischen Wohnung auch zu finden ist. „Es ist immer angenehm kühl, ob Tag oder Nacht, und wir brauchen keine Klimaanlage,” weist Betty auf die Vorzüge einer Höhle hin. Luftschächte sorgen für die notwendige Ventilation. „Hier in White Cliffs gibt es nur noch etwa zehn Opalcutter. Das Feld ist abgegrast, und die Maschinenparks sind einfach zu teuer geworden!” resümiert Jock. „Es lohnt sich nicht mehr. Ich selbst habe es schon vor einigen Jahren aufgegeben und arbeite nun als sheerer”.

Wir beenden den Rundgang und Jock verweist mich an seinen Nachbarn, der eine „opals gallery” betreibt. „Und sei vorsichtig, wenn Du hier 'rumläufst. Schon mancher ist in einem 'blind hole' verschwunden und sich mindestens einige Knochen gebrochen!” (blind hole sind entweder stillgelegte Luftschächte oder Zugänge unergiebiger Minen). Aus den Hunderten von offerierten Edelsteinen mit einem Preisspektrum von wenigen Dollar bis hin zu 5.000 Dollar wähle ich einen runden „Lapisstein” aus. Wer will kann auch in den zahlreichen Abraumhalden herumstochern, aber die Nadel im Heuhaufen wird es wohl nicht geben.

Im underground-motel treffe ich Bill wieder und nach einem x-ten Bier warnt er mich väterlich vor meiner morgigen Rückfahrt. „Die Straße ist vor zehn Jahren(!) das letzte Mal begradigt worden, und letztes Jahr sind sechs Menschenleben auf der Strecke geblieben. Ihre Autos hatten sich überschlagen Das sollte dir den nötigen Respekt verschaffen, buddy!” Es hat. „Cheers mate und good luck! ” „Mach's gut, Kumpel und viel Glück!”

Impressionen aus White Cliffs

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Erschienen am 14.05.1993 im Trierischen Volksfreund
(update 11.07.2006)

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