Nullarbor auf Schienen | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Reiseberichte

Rückwärts durch Australien
Nullarbor Plains: Im Zug von Perth bis Port Augusta

Der volle Mond prangt gleissend am schwarzen australischen Himmel und tüncht die Wellen des Swan River in ein fahlgelbes Licht. Der Taxifahrer erzählt mir seine Schicksalsgeschichte: „Vor wenigen Jahren lernte meine Ex-Freundin im Kings Park einen Schweizer kennen, der gerade den Vollmond fotografieren wollte. Heute ist dessen damalige Freundin meine Ehefrau! Willst Du vielleicht noch ein Bild machen?” Nein danke, wer weiß, welche Familientragödie dadurch ausgelöst wird?

Nullarbor auf Schienen | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger VoßbergDer Bahnsteig im East Perth Terminal ist gerammlet voll; doch ohne eine übliche Hektik und ohne das nervige Gedränge, die bei solchen Gelegenheiten eigentlich immer mitwirken. Gelassen erwarten die Reisenden die Bereitstellung des Indian Pacific nach Sydney, der fünfzehn Minuten nach Fahrplan langsam einrollt. Aber was bedeutet schon eine Viertel Stunde, wenn für die nächsten zwei Nächte und dem eingebundenen Tag der „coach No. 19 non smoker” meine Heimstätte sein wird.

Die Tickets werden schon beim Betreten der Waggons abverlangt, Schwarzfahrer sind chancenlos. Ich habe kein Bett im „sleeper” gebucht, sondern reise für den halben Preis im Großraumwagen (sit up) rückwärts durch Australien. Der Platz neben mir bleibt unbesetzt und schafft ungeahnten Freiraum für meine Nachtruhe, an die bisher nicht zu denken ist. In der vorderen Reihe balgen sich drei plärrende Kinder, deren verantwortliche Mutter gleichgültig in einem Magazin blättert. Der Zug rumpelt durch das schlafende Northam, begleitet den Great Eastern Highway in die Dunkelheit. Es kehrt Ruhe ein, und das monotone Geratter trägt mich sanft in den unbequemen Schlummer. Meine notwendigen Körperverrenkungen in der engen Sitzreihe lassen an eine Kontinuität der Ruhe nicht denken.

In der ersten Stunde des 12. Januar schleicht der Express durch Southern Cross. Auf dem kleinen Friedhof des Städtchens liegen viele Typhusopfer aus der Goldrauschzeit, der sich in den Jahren danach immer weiter nach Osten ausbreitete. Wir fahren dem Goldrausch hinterher und erreichen um sechs Uhr morgens Kalgoorlie. Vor einhundert Jahren fand an dieser Stelle der Ire Peddy Hannan den ersten „nugget” und löste damit eine Euphorie aus, die das ganze Land erfasste. Tausende strömten in die Einöde und sammelten die Klumpen mühelos vom Erdboden. Eine Tatsache, die den Ansturm von Glücksrittern noch beschleunigte. Bergarbeiter gruben immer tiefer und noch mehr Gold wurde zu Tage gefördert. Die rasante Entwicklung brachten Kalgoorlie Reichtum und Wohlstand. Aber mit dem Verfall des Goldpreises nach dem ersten Weltkrieg und den steigenden Produktionskosten trat die wirtschaftliche Wende ein. Allmählich verblasste der Glanz des Goldes. Heute sind nur noch wenige Minen in Betrieb, und der Tourismus erlangt eine immer größere Bedeutung.

Ich nutze den halbstündigen Aufenthalt, um mir die müden Beine zu vertreten. Ein gläubiger Mensch breitet eine Decke auf dem Perron aus, kniet sich nieder und richtet seine Gebete an die aufgehende Sonne. Andere schlürfen schwarzen Kaffee aus weissen Styroporbechern, bis der Uniformierte zur Weiterfahrt pfeift. Die Epoche der Eisenbahn begann vor rund achtzig Jahren mit den Versorgungszügen für die Bautrupps der Trans Australian Railway. Sie pflanzten die Schwellen und Gleise in die karge Wüste, schlängelten sich über ausgedörrtes, baumloses Kalksteinplateu. Kamelherden begleiteten sie; australische Karawanen im Dienste des Fortschritts. Eröffnet wurde die Strecke am 22. Oktober 1917. Landkarten markieren immer noch die Camps der Pioniertage. Aber die Siedlungen zerfallen, viele von ihnen sind schon verlassen, wenige erhalten geblieben.

Nularbor Plains | Reid | Australien im OutbackIn den frühen 50er Jahren wurden die Dampflokomotiven, die viele Versorgungsstopps für Kohle und Wasser benötigten durch Dieselaggregate ersetzt. Diese effizienteren Maschinen erlauben eine 500 Meilen Distanz ohne Treibstoff aufzunehmen. Die „anfälligen” Holzschwellen wurden nach und nach durch Betonschwellen ausgetauscht. Sie sollen fünfzig Jahre wartungsfrei die rollenden Lasten ertragen. Die Zugreise der Moderne hat viel vom Charme des Pioniergeistes verloren. Die Zeiten, da der Schlächter einen eigenen Waggon mit Lebendvieh hatte, sind durch Tiefkühlkost und Mikrowelle unwiderruflich verdrängt worden.

Was geblieben ist? Der Zug startet mit einem Ruck. Sie sind die Sprache von Bewegung, und Züge besitzen einen großen Wortschatz. Der einfache sanfte Rippenstoß beim Anziehen der Bremsen bis zum körpererschütternden Krachen einer mitternächtlichen Weiche. Vor uns endlose Meilen roter Sandhügel bedeckt mit „saltbush” und ausgedörrtem Akazienbewuchs. Luftfeuchtigkeit existiert nicht: die „nullarbor plain” (übersetzt: baumlose Ebenen) Sie erstrecken sich auf den 2.700 Kilometer zwischen Perth, Westaustralien und Adelaide in Südaustralien vergleichbar der Entfernung London Moskau. John Eyre gelang als erstem weißen Menschen im Jahre 1841 in einem fünfmonatigen Kraftakt die Ost-West-Durchquerung. 55 Jahre später erradelte ein waghalsiger Kauz die Strecke, und erst im Jahre 1912 rollte das erste Automobil über die Geröllpisten.

Von Nurina Westaustralien bis Ooleda Südaustralien verläuft der Gleiskörper schnurgerade, 500 Kilometer ohne eine einzige Kurve: Weltrekord! Die gesamte Bahnstrecke ist eingleisig verlegt worden, abgesehen von einigen Abschnitten, wo die zahlreichen Gegenzüge erwartet werden. Ich erlebe einen schier nicht endenden Nachmittag, der durch ein Service-Stop in Cook unterbrochen wird. Die Maschinen werden mit Diesel, betankt, Wasser wird aufgenommen, die Bremsen kontrolliert. Die entlegene Siedlung besteht aus wenigen, verstreuten Häusern. Der heiße Wind bläst lediglich, um die lästigen und allgegenwärtigen Moskitos zu vertreiben. Hier draußen überlebt nur ein besonderer Menschenschlag, eine raue Männergesellschaft -überwiegend. Ich konnte sie bei den verschiedenen Depotstopps beobachten, wie sie amüsiert in den Zug glotzten und unsere Anwesenheit als willkommene Abwechslung aus ihrem täglichen Einerlei hinnahmen. Hartgesottene Burschen, die typischen Australier frei nach dem Klischee wie „man” sich outbacker vorstellt.

Der Erdboden um Cook ist übersät mit Millionen kleinen glitzernden Steinen, rauhe Spiegel, die das Sonnenlicht diffus reflektieren und einen flirrenden, tänzelnden Saum am Horizont emporbringen. Perfekte Grundlage für eine Fata Morgana. Zu Stein zerbröckelt liegen Felsreste in der Ebene. Wasserfluten trugen sie dorthin. Doch die Flüsse und Seen sind verschwunden. Der Gluthauch der Sonne ließ sie verdunsten, und dabei drang Eisenoxid aus dem Gestein und überzog das Land mit einer rötlichen Kruste. Im Inneren Australiens, viele hundert Kilometer nördlich von hier, scheinen sogar die Steine zu brennen. Dreiviertel des Kontinents sind der Hitze ausgesetzt; das Herz Australiens ist trocken.

Genug Staub geschluckt, und das Signalhorn bläst zur Weiterfahrt. Zahllose verrostete Autowracks säumen die Strecke nach Port Augusta. Nach vielen tausend Kilometern treuer Dienste einfach abgestellt und achtlos zurückgelassen. Umweltschutz hat hier keine Tradition. Das Land ist groß, und kaum jemand nimmt Anstoß daran. Ich muss jetzt wohl vierundzwanzig Stunden unterwegs sein. Mit einbrechender Dunkelheit werden die Kängurus auf den Plan gerufen. Jetzt müssen wir uns eigentlich auf der Höhe von Maralinga befinden. Hier beginnt unweit der Transaustralischen Eisenbahnlinie das Sperrgebiet, in dem britisches Militär in den 50er Jahren mehrere überirdische Atombombentests durchführte. Die Erdoberfläche ist stark radioaktiv belastet. Die Feldherren betrieben ein wenig Kosmetik, sammelten kontaminiertes Material und vergruben es an Ort und Stelle. Sinnigerweise bedeutet Maralinga in einer Aboriginal-Sprache „Donner”. Es werden behördliche Überlegungen angestellt, dass verstrahlte Land den vertriebenen Ureinwohnern zurückzugeben.

Die Nacht ist kurz, und sie entlässt die Sonne gerade aus ihrem Schlaf. Am östlichen Horizont bilden sich die Flinders Ranges als ein bunter Farbklecks ab. Die Landschaft ist in den wenigen Stunden der Dunkelheit grüner geworden. Die Gleise verlaufen wieder entlang des Highways. Die vergangenen 2.500 Kilometer habe ich mich mit durchschnittlich 65 Stundenkilometern bewegt. Und der Zug rollt weiterhin ohne Hast, erreicht Port Augusta mit drei Stunden Verspätung. Aber was sind schon drei Stunden in diesem großen Land.

Impressionen aus Cook

Nullarbor auf Schienen | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger VoßbergRückwärts über die Nullarbor PlainsRückwärts über die Nullarbor PlainsRückwärts über die Nullarbor Plains

(update 22.09.2007)

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