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Redaktion: Reiseberichte

Heißer Dampf und faule Eier
Geothermie in Neuseeland

Den neuseeländischen Städten Rotorua oder Taupo im Herzen der Nordinsel kommen eine wahrhaft anrüchige Bedeutung zuteil. Manche rümpfen die Nasen und nennen sie abschätzig „stinky cities”. Dort herrschen Urgewalten, die unaufhörlich aus der Tiefe an die Erdoberfläche drängen. Vulkane sowie Geisire, heiße Quellen, kochende Schlammtümpel und schwefelhaltige Dampfschwaden sind das sichtbare Zeugnis eines gigantischen Wärmespeichers, der unterhalb der dünnen Erdkruste ausharrt. Und gerade dieser permanente schwefelige Geruch erinnert an verfaulte Eier und ist verantwortlich für das dubiose Klima dieser Orte.

Thermal Wonderland: heiße Quellen in Neuseeland mit bunten Seen und stinkendem Dampf

Liessen wir in einem Gedankenspiel die Erde auf die Größe einer Orange schrumpfen, bildete unsere Ökosphäre gerade genau eine Dicke von 0,03 Millimeter. Der Mt. Everest hätte in diesem Modell eine Höhe von 0,08 Millimeter und die erstarrte Erdkruste eine Dicke von nur wenigen Millimetern. Sie wiederum besteht aus verschiedenen großen und kleinen Schichten, den tektonischen Platten. Diese befinden sich im Zustand einer konstanten Bewegung von einigen Zentimetern pro Jahr. Nahe den Orten, wo konkurrierenden Platten aufeinandertreffen, treibt die Hitze steil vom Erdinneren über Magmakörper zur Oberfläche empor. Regenwasser sickert kontinuierlich in die Erdrinne, wird dort vom Magma wieder aufgeheizt und strömt über Geisire oder heißen Quellen in die Atmosphäre.

Neuseeland liegt nun gerade auf dem Zusammenschluss der Indischen und Pazifischen Gesteinsplatte. Die Thermal- und Vulkangebiete sind Teil des berüchtigten pazifischen Feuerkreises. Eine unterirdische Verbindung ist deutlich zu erkennen. Der Thermalgürtel erstreckt sich auf 12.000 Quadratkilometer von den White Islands vor der Bay of Plenty Küste in Richtung Südwesten bis zum Mt.Ruapehu. Die Ureinwohner des Inselstaates, die Maories, nutzten die Geothermie schon lange vor den Tagen der ersten weißen Besiedelung. Sie errichteten ihre Dörfer wie Whakarewarewa oder Ohinemutu in der Nähe von heißen Quellen. Die heißen Quellen von Rotorua nennen die Maoris „Waiora-a Tane”, was soviel bedeutet wie „lebende Wasser”. überlieferten Legenden zufolge stirbt der Mond jeden Monat bei Neumond, aber „die lebenden Wasser” schenken ihm das Leben aufs neue.

Touristen kommen nach Rotorua seit den späten 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts, und heute strebt beinahe jeder dritte Neuseelandbesucher an diese brodelnden Stätten. Man zeigt ihnen die traditionelle Art das Essen zu garen. In einen Bastkorb, genannt „hangi”, gefüllt, hängt man die Speisen auf Armlänge in eine dampfende Erdspalte. Das weitere bringt die Zeit. Für das große touristische happening (vorzugsweise aus Japan) betoniert man schon so eine wertvolle Quelle und richtet eine stationäre Garküche ein: Grillfest a la Maori!

Sollten sie bei einem Besuch in die Verlegenheit kommen, einen stummen Geisir auf die Sprünge verhelfen zu wollen, dann genügt es, ein wenig Seifenpulver hineinzuschütten Aber bitte nur in einem unbeobachteten Moment!!. Die Oberflächenspannung des Wassers wird sich reduzieren; kaltes und warmes Wasser kann sich so leichter vermischen. Blasen bilden sich, und nur kurze Zeit später spukt der Geisir seine Gischtfontäne heraus. Eine kalte Dusche, denn der ausgestoßene Dampf kondensiert in der Luft und fällt als Wassertropfen wieder zurück auf die Erde.

Neben diesen trivialen Taschenspielertricks eines verhinderten Physikers gibt es aber noch ganz nutzbringende Anwendungen der Geothermie, nämlich zur Energiegewinnung in Form von elektrischen Strom: Das Kraftwerk von Wairakei nahe Taupo ist ein beispielgebendes Exemplar dafür. Der Komplex thront auf einem gigantischen, unterirdischen System aus heißem, wohl auch geschmolzenen Gestein und einem ergiebigen Wasserdampfreservoire. Zu Beginn der Bohrungen im Jahre 1958 herrschte in einer Tiefe von 600 Metern noch ein Überdruck von zirka 17 bar. Aber im Verlauf der wirtschaftlichen Ausbeutung zeigte sich eine Reduzierung auf heute nur noch 4,5 bar.

Die Betreiber nutzen knapp sechzig Bohrlöcher. Gefördert werden zu 80 Prozent heißes Wasser und nur 20 Prozent puren Dampf. Die beiden Phasen werden bereits am Bohrkopf voneinander getrennt und in zwei autarke Rohrleitungssysteme getrieben. Das Feld fördert pro Stunde 12.000 Tonnen Dampf, der gereinigt, direkt auf die Turbine gebracht wird. Der Wasserkreislauf wird auf ein niedrigeres Druckniveau geschleust, sodass weitere Wasseranteile verdampfen können, die zur Stromerzeugung genutzt werden und somit auch den Wirkungsgrad der Anlage vervielfachen. Zwei installierte Kreisläufe erfordern auch zwei gekoppelte Kraftwerke, die insgesamt knapp 200 Megawatt Leistung bereitstellen können und damit 5 Prozent des neuseeländischen Strombedarfs befriedigen. Dem interessierten Besucher der aktiven Areale werden vielfältige Möglichkeiten offeriert, die wage Andeutung einer Ahnung zu erhalten, was sich vor Jahr Millionen auf der Erde vielleicht abspielte: bei den „Craters of the moon” am Rande eines Waldstücks unweit von Taupo dampft es aus allen Erdfugen. Kochende Schlammpfuhle schleudern ihre heiße Materie einem zufälligen Rhythmus folgend in die Höhe. Mickriger Bodenbewuchs kämpft in dieser unwirklichen Welt um sein Überleben. Der Grund ist warm, und manch fester Schritt endet in einer plötzlichen Mulde.

Auch in Waiotapu nördlich von Taupo gelegen wirbt ein auffälliges Plakat für das „Thermal Wonderland”, das man gegen einen geringen Obolus betreten darf. Angelegte Pfade führen durch den Naturschutzpark. Das Farbspektrum der geologischen Formationen hat natürlichen Ursprung. Gelb identifiziert Schwefel, rotbraun Eisenoxid, grün Arsen oder schwarz den Kohlenstoff. Viele Krater erreichen bei einer geschätzten Tiefe von 12 Metern einen Durchmesser von bis zu 20 Meter. Geologen vermuten, dass sie vor rund 800 Jahren durch mächtige Eruptionen gebildet worden sind. Man gab ihnen charakteristische Namen wie „Devils home - des Teufels Heim” oder „Devil's Ink Pots - Tintenfässer des Teufels”; aber auch weniger diabolische Begriffe wie „Rainbow Crater - Regenbogenkrater oder „Artist' Palette”. Das wahrlich imposanteste Gebilde ist der „Champagne Pool”: 60 Meter tief und 60 Meter im Durchmesser. Die Wassertemperatur beträgt 74 Grad Celsius und die aufsteigenden Kohlendioxid-Blasen erinnerten den Namensgeber wohl an Sekt. Das Gebiet um Waiotapu erfasst 18 Quadratkilometer und nur ein sehr kleiner Bereich wird touristisch genutzt. Seine aktiven chemischen Quellen vergiften lokale Flussabschnitte und verhindern jegliches Leben.

Heißer Dampf und giftige Gase

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Erschienen am 28.05.1993 im Trierischen Volksfreund

Links:
(update 03.07.2006)

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