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Alles Wiki oder was?
Ein Flug um den Puzzle-Globus

Das Kunstwort „Wikipedia“ hat sich klammheimlich zum Synonym für „Wissen im Web“ etabliert. Der Name für das kostenlose Online-Lexikon setzt sich zusammen aus dem hawaiianischen Wort für „schnell“ und dem Wortschnipsel „pedia“ vom englischen Begriff „Encyclopedia“ für Enzyklopädie. Das Nachschlagewerk mit dem Puzzle-Globus als Markenzeichen kassiert angeblich vier Milliarden Serverabfragen pro Monat. Ohne Eselsohren in den Seiten zu hinterlassen.

Clevere Schülerfraktionen erledigen ihre Bio- und Geschi-Hausaufgaben seither mit Wikipedia-Artikeln im Copy-Paste-Verfahren. Und ihre noch cleveren Lehrer kommen ihnen in Null Komma Nichts mit Google auf die Schliche. Denn auf wirklich fast jede Frage weiß Wikipedia eine schlaue Antwort. Wie heißt eigentlich der älteste Golfplatz Italiens? „Circolo del Golf di Roma Acquasanta“, schlägt Wikipedia vor. Ob es stimmt? Fragt nach bei den Römern, denn Wikipedia bietet keine Gewähr für die Vollständigkeit und Richtigkeit ihrer Artikel. Auch das sagt Wikipedia.

Und benennt sogleich ein prominentes Opfer auf ihren Seiten: Den Fall des amerikanischen Journalisten John Seigenthaler. In seiner Wiki-Biographie wurde der Robert-Kennedy-Berater unter anderem der Verwicklung in den Kennedy-Morden verdächtigt. Erst nach Seigenthalers Beschwerde wurde dieser Teil gelöscht. Und der anonyme Autor bekannte später in der amerikanischen Zeitung USA Today, er habe sich nur einen Scherz erlauben wollen.

Ein ganz übler zugleich, der aber erst durch die geltende Wiki-Maxime, „Jeder kann unmittelbar Artikel einstellen oder verändern“, begünstigt wird. Insgesamt haben etwa 285.000 angemeldete und eine unbekannte Anzahl von nicht angemeldeten Benutzern über 10 Millionen Artikel auf die bunten Wiki-Seiten geschrieben. Mehr als 7.000 Autoren arbeiten regelmäßig an der deutschsprachigen Version mit. Sie haben mehr als 700.000 Beiträge publiziert. Mittlerweile existiert Wikipedia in mehr als 250 Sprachen (von Afrikaans bis 粵語).

So viel Popularität lockt natürlich auch Lobbyisten, PR-Strategen oder renitente Nörgler an, die wiederum mit ihren propagandistischen Werken indirekt vom Webruhm profitieren wollen. Die Spuren solcher anonymen Autoren führten zum Beispiel zurück auf Computer des US-Kongresses. Von dort aus wurden die Lebensläufe ihrer Kandidaten geschönt bzw. deren der Konkurrenten diskreditiert. Bereits 2005 waren ähnliche Fälle in der deutschsprachigen Wikipedia bekannt geworden, bei denen deutsche Politiker-Biographien von Computern aus dem Deutschen Bundestag bearbeitet wurden.

Bei der Fahndung nach den Saboteuren hilft der so genannte „Wiki-Scanner“, eine Kontroll-Software, die die Beiträge nicht angemeldeter Benutzer einfach durchsuchbar macht und sie nach verschiedenen IP-Adressen zusammenfasst. Verdächtige Unternehmen oder Organisationen können so leichter im Index gefunden werden und versetzt die Administratoren bei Wikipedia schneller in die Lage, Artikel für eine Bearbeitung vorübergehend zu sperren.

Die Wiki-Manie hat zahlreiche Nachahmer ins Web gerufen; es gibt sie zu Hauf: den Worldcup-Wiki (Fußball im Internet Live-Stream), Rezepte-Wiki (nicht nur für Kräuterhexen), Jedipedia (die Rückkehr der Ritter) oder regionale Wikis (auch für das Saarland). Wer hat bloß so viel Zeit? Alleinstehende junge Männer. Eine Online-Umfrage der beiden Psychologen Joachim Schroer und Guido Hertel von der Universität Würzburg hat ergeben, dass fast 90 Prozent der Autoren Männer zwischen 20 und 35 Jahren sind und keine Beziehung führen. Aber diese Stichprobe ist aufgrund der geringen Zahl von 106 Befragten nicht repräsentativ.

Neben dem Spaß am Schreiben wird der Lerneffekt als Motiv für das Wikipedia-Engagement genannt: „Ich arbeite bei Wikipedia mit, um mein eigenes Wissen zu erweitern“. Unentgeltlich. Die Wikipedia finanziert sich über Spenden von Privatpersonen und Unternehmen. Der Betrieb der Wikipedia kostet etwa 75.000 US-Dollar im Monat (so der Stand im Februar 2007). Davon entfallen zirka 30.000 Dollar auf die Gehälter der zehn Angestellten und der Rest auf den Betrieb der rund 350 Server.

Erschienen in der Saarbrücker Zeitung am 17.06.2008

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