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Web in der Glotze - TV über das Internet
Wächst da etwas zusammen, was (gar nicht) zusammen gehört?

„Guten Abend meine Damen und Herren!” Ein ganz vertrauter Satz im deutschen Fernsehleben. Die Erdkugel als blaue Scheibe stilisiert im Hintergrund, über die Jahre in verschiedenen Variationen erprobt und doch noch nicht in die Jahre gekommen. Die kurzen Texte und Filme erzählen vom täglichen Graus und Glück in der Welt. Und das Wetter kommt immer zum Schluss - seit es diese Sendung gibt. Aber es hat sich auch etwas Neues eingeschlichen: Wenn die Abschiedsmelodie ertönt, erscheint links unten in weissen Lettern eingeblendet „www.tagesschau.de”. Hier beginnt der Flirt mit dem Internet.

Nachrichtenhungrige können sich dort rund um die Uhr die Beiträge im digitalen Daumenkino abrufen. Die Internet-Computer der Zeitschrift „TV-Today”; zeigen gar Standbilder aus laufenden TV-Programmen, alle 15 Sekunden erneuert. Sprachlos. Auch die Sendungen haben schon lange ihre eigene Website: Besonders die Fans von Soaps wie „Beverly Hills 90210”, „Lindenstraße” oder „Gute Zeiten Schlechte Zeiten” finden im Netz noch einiges zu ihren Stars. Gags per RealPlayer gibt es bei (auch ganz in blau) Harald Schmidt online, allerdings in bescheidener Bild- und Tonqualität. Bärbel total bei RTL: die Autogrammkarte zum Ausdrucken, der Bärbel-Shop mit Schlüsselanhänger im eleganten Bärbel-Design inklusive Programmvorschau („Ich bin fett, und Du bist schuld”). Na Klasse. Die Annäherung zum TV-Programm hinterlässt deutlich ihre Spuren.

Aber auch das klassische Fernsehgerät greift nach neuen Dimensionen: das World Wide Web in der Glotze. Set Top Boxen heißen jene Kästen, die die Internetpixel in die Zeilen der TV-Apparate schreiben. Computermuffel, denen die Furcht vor PC-Abstürzen ins Gesicht geschrieben steht, sollen auch mit ihren Fernsehgeräten am Internet teilhaben. Medienforscher prophezeien dieser technischen Verschmelzung glänzende Goldgräberzeiten. Kunden durch eine Autowerbung im TV animiert, können mit einem „Zapp” auf der Fernbedienung ins Internet wechseln und dort ausführlichere Informationen abrufen. Am besten gleich das Auto seiner/ihrer Wahl direkt nach der virtuellen Probefahrt bestellen.

Die Internet-Box von Grundig kostet rund 800 Mark. Sie überträgt die Daten mit heute nicht mehr ganz zeitgemäßen 33.600 Bit pro Sekunde. Zum selben Preis aber schneller (56 kbit/s) arbeitet die Edgar-Box mit Internet-Zugang über T-Online. Dennoch, zum großen Verkaufsknüller haben sich die Webboxen nicht etabliert. Loewe Opta bietet seinen Kunden eine Multimedia-Komplettlösung: die Xelios-Serie ab rund 4 000 Mark, inklusive 16:9 Bildformat mit 100 Hertz-Technik, ISDN-Karte, Email-Funktion und einfachen Büroanwendungen. Doch ein hart gesottener PC-Freak wird sich von solchen Angeboten nicht vom Monitor locken lassen.

Das Institut für Markt- und Sozialforschung SKOPOS kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass die Möglichkeit, Fernsehbilder am Rechner zu empfangen, als auch über das TV-Gerät ins Internet zu gelangen, lediglich Zusatzangebote sein werden. Das Internet sei zwar für den Fernsehzuschauer eine bequeme Möglichkeit, schnell Produktinformationen zu erhalten und eventuelle Bestellungen vorzunehmen, aber die technischen Voraussetzungen für das Surfen am TV-Schirm seien zu stark technikorientiert. Sie verlieren den Zuschauer aus den Augen, heißt es in der Untersuchung. Doch keine Fusion in Sicht?

Noch ein Bremsklotz in der Kommunikation via Telefonleitung ist die sogenannte letzte Meile: der Weg vom Verteilerkasten an der Straßenecke bis zur Anschlussbuchse im Wohnzimmer. Dieser Flaschenhals verhindert eine akzeptable Übertragung von bewegten Bildern über das Internet. Bisher! Diese Bremse soll ADSL lösen; die Abkürzung steht für Asymmetric Digital Subscriber Line und bietet eine Übertragungsrate von bis zu 8 Mbit/s - theoretisch. Das entspricht etwa der 125fachen Geschwindigkeit eines analogen Anschlusses. Mit ADSL lassen sich Videos in TV-Qualität anschauen und auch relativ schnell speichern. Es nutzt den vorhandenen Kupfer-Doppelader-Anschluss in beiden Richtungen auch ganz ohne ISDN. Ein spezielles Modem lotst die Daten in den PC. Nun kann die Interaktion endlich beginnen.

Der Medienkonzern Bertelsmann wird ab dem nächsten Jahr erstmalig interaktive Fernsehangebote in zehn Großstädten erproben. Als Testgebiete sind Berlin, Köln, Rostock, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Zwickau, Wolfsburg, Leipzig und Norderstedt bei Hamburg vorgesehen. Spielfilme und andere Lieblinge aus der Konserve lassen sich so per Mausklick von den verschiedenen Videoservern abrufen. Sie bilden das Rückgrat des Computer-Netzwerkes. Das Ganze sieht noch aus wie Fernsehen, funktioniert aber bereits wie das Internet.

Fernsehen und Internet; da war doch was? Ja, richtig die Fernsehgebühren für internettaugliche PCs. Vor gut zweieinhalb Jahren herrschte Aufruhr in der deutschen Internetgemeinde; als sie erfuhr, dass sie womöglich Fernsehgebühren für ihre PCs berappen muss. Nun soll nach jüngsten Plänen des baden-württembergischen CDU-Fraktionschefs und Vorsitzenden des Bundesfachausschusses Medien der CDU, Günther Oettinger, die Rundfunk- und Fernsehgebühr abgeschafft und durch eine allgemeine Abgabe von etwa 15 Mark pro Einwohner für die Grundversorgung mit Information ersetzt werden. Eben weil die Rundfunkanstalten und Gebühreneinzugszentrale (GEZ) planen, in Zukunft auch fernsehtaugliche PCs und andere internetfähige Geräte in die Gebührenpflicht mit einzubeziehen. Der Medienreferent der SPD-geführten Landesregierung Schleswig-Holsteins, Matthias Knothe, sprach sich hingegen für den Erhalt der gerätebezogenen Gebühr aus: "Wer ein Gerät hat, zahlt. Wer keins hat, zahlt nicht." Derzeit gebe es aber keinen Beleg dafür, dass der PC den klassischen Fernseher bald ablöst.

Erschienen in der Märkischen Allgemeinen Zeitung am 27.11.1999
(update 12.08.2005)

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