UNL - Die Sprache des globalen Dorfes | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Multimedia

UNL - Eine Sprache für die virtuelle Welt
Wissenschaftler entwickeln universelle Internetsprache

Ohne Sprachbarrieren durch das Internet surfen? Null Problemo! Endlich kann der thailändische Historiker mongolische Arbeiten über Dschingis Khan in seiner Landessprache lesen; ein arabischer Student versteht die japanische Gebrauchsanweisung für das neue Mikroskop nun ohne Wörterbuch. Und auch der deutsche Physiker muss sich nicht länger mit den Originaltexten seiner russischen Kollegen herumplagen. Denn die Sprachbarrieren beim Informationstausch über das Internet sollen mit Hilfe einer neuen Computersprache überwunden werden.

Universal Networking Language (UNL) heißt das ambitionierte Projekt, an dem weltweit mehr als 120 Sprachwissenschaftler und Computerexperten in über 17 Forschungseinrichtungen seit 1996 unter der Federführung der Universität der Vereinten Nationen (UNU) in Tokio knobeln. Bis zum Jahre 2000 soll die erste Erprobungsphase abgeschlossen sein.

UNL muss nicht erlernt werden”, erklärt der Leiter des deutschen Forschungsteams am Institut für Angewandte Informationsforschung (IAI) an der Universität des Saarlandes, Jörg Schütz. „Es ist vielmehr die einheitliche Basis, um Texte in einer sprachunabhängigen Form zu kodieren und zu speichern.” Der Benutzer gibt den Text nach wie vor in seiner Muttersprache in einen Editor ein, denn UNL ist in HTML oder auch in den Nachfolger XML einbettbar. Dieser Editor verfügt über einen Enconverter - oder auch das Analyse-Modul genannt -, der den Text automatisch in UNL überträgt. Liegt ein Text einmal in UNL vor, kann er in alle Sprachen, für die es Umwandlungsprogramme (Deconverter) gibt, übersetzt werden. Sie werden als „Plug-in”s für die Webbrowser konzipiert. Sekundenschnell soll dann dem Anwender eine in UNL gespeicherte Internet-Seite in seiner Muttersprache auf den Bildschirm gezaubert werden.

Das UNL-Lexikon besteht unter anderem aus den sogenannten Universalwörtern. Nur Begriffe, deren Bedeutung auch in jeder anderen natürlichen Sprache existieren, können Universalworte werden. Wenn es für „Pinsel” in Suaheli keinen entsprechenden Begriff gäbe, kreierte die UNL Wissensbank eine Umschreibung. Nicht-konvertible Wörter - wie Eigennamen - werden ohne Übersetzungsversuch übernommen. Der aktuelle UNL-Wortschatz umfasst zur Zeit etwa 300.000 Universalwörter, die zentral an der UNU in Tokio registriert werden. Das Wörterbuch ist aber keine endlose Liste von Begriffen: Neben den Begriffen beschreiben die Attribute zusätzliche Eigenschaften. So registrieren die UNL-Bausteine bei der Eingabe von „Pressluftbohrer” den Begriff „Bohrer” mit dem Attribut „Pressluft”. Und ein UNL-Englisch-Deconverter würde dann das passende „pneumatic drill” erzeugen.

„UNL ist nicht mit einer klassischen Übersetzung vergleichbar”, erläutert Schütz. Es wird nicht stur Wort für Wort übersetzt, sondern ganze Sätze analysiert. Automatisch werden die grammatikalischen Zusammenhänge erkannt sowie die Kombinationen der einzelnen Wörter und ihre Endungen entschlüsselt. So in die sprachlichen Fragmente zerlegt, erzeugt der Enconverter den UNL-Code. UNL soll einfache technische Texte wie Software-Handbücher oder Reparaturanleitungen sowie wissenschaftliche Veröffentlichungen übersetzen. Sprichwörter oder Redewendungen „versteht” die neue Computersprache nicht. „Des Pudels Kern” oder „der Busen der Natur” bleiben unberührt. Darum eignet sich UNL auch nicht für literarische oder philosophische Werke.

Bislang können neben den offiziellen Sprachen der Vereinten Nationen (Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch) auch Deutsch, Hindi, Italienisch, Indonesisch, Japanisch, Lettisch, Mongolisch, Portugiesisch, Suaheli und Thai in UNL konvertiert werden. Bis 2006 sollen alle 150 Sprachen der UNO-Mitgliedstaaten durch UNL ineinander übersetzt werden können. Dann spräche das „globale Dorf” endlich eine gemeinsame Sprache.

Weitere Informationen:
UNL

Unter anderem erschienen im Hamburger Abendblatt am 09.04.1999
(update 14.09.2006)

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