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UMTS - Goldgrube oder Milliardengrab?
Die Fachwelt ist gespalten: Erfolg! Desaster! Katastrophe!

Wenn dieser Coup dem Verkehrsminister gelungen wäre! Knapp 100 Milliarden Mark nur für die Lizenzen zum Bau von sechs privat finanzierten Autobahnnetzen. Wohlgemerkt: 100 Milliarden Mark für eine Bauerlaubnis solcher Pisten. Die Investoren müssen dann immer noch den Bau des Straßennetzes finanzieren. Auf diesen Straßen fahren spezielle Autos, die noch nicht existieren und erst entwickelt und produziert werden müssen. Es fehlt die nötige Infrastruktur am Rande der Standspur: Potenzielle Raststätten- und Tankstellenbetreiber kalkulieren daher eher abwartend, weil sie gar nicht abschätzen können, wann und wieviel Menschen welchen Autobahn-Provider für ihre Reise nutzen werden! Nur eines ist klar: Die Autobahnen sind standardisiert, dass heißt überall die gleiche Spurbreite, alle Fahrzeuge funktionieren nach dem gleichen Prinzip und sollen die gleiche Geschwindigkeit bringen. Klingt utopisch, nicht wahr? Aber der bundesdeutsche Finanzminister Eichel hat es geschafft. Beim Stichwort UMTS klingelten die Kassen. Und seine Datenhighway-Lizenz läuft nach 15 Jahren wieder ab.

"Ein katastrophaler Fehler! Ich weiß nicht, wie sich Europa davon wieder erholen soll?" Nicholas Negroponte, Leiter des Massachusetts Institute of Technology (MIT) Media Lab, bezweifelt den Erfolg von UMTS. Das Problem bestehe darin, dass die Startkosten pro UMTS-Nutzer bei über 1.000 Dollar liegen würden, so seine Meinung, und es gäbe nicht einmal ansatzweise die nötige technische Infrastruktur, Services, Handys oder Forschungen. Ein Beleg, dass die Leute den Standard überhaupt wollten, sei auch nicht gegeben. "Wenn GPRS erst auf dem Markt ist, werden es die Leute lieben”, prophezeit Negroponte. Dann stellt sich ihnen automatisch die Frage, wieso sie zu UMTS wechseln sollten. Er ist überzeugt, dass UMTS nicht gut genug sei und es nicht mal bis zur Marktreife schaffen werde. "Die Unternehmen, die sich mit den teuren Lizenzen eingedeckt haben, hätten ihre Milliarden in den Sand gesetzt", urteilt der Mann aus den USA.

Mit Skepsis betrachtet auch der Verband der deutschen Internet-Wirtschaft, eco Electronic Commerce Forum e.V. in Köln die deutschen UMTS-Finanzierungsgebaren. "Die 99,4 Milliarden Mark für die UMTS-Lizenzen werden die Anbieter, die Verbraucher und den Markt für Mobile Commerce in Deutschland über Jahre hinweg schwer belasten", erklärt Dr. Bettina Horster Vorsitzende des Arbeitskreises "Mobile Commerce" im eco-Verband. Darum bleibe auch wenig Geld für die Entwicklung neuer Dienste für das mobile Internet übrig. "Die Betreiber müssen jeden Monat zusammen eine halbe Milliarde Mark über die Lizenzdauer von 20 Jahren hinweg aufwenden, gleichgültig, ob und wie gut das Netz läuft. Dieses Geld wäre besser in innovative Dienste mit direktem Kundennutzen investiert worden", kritisiert Frau Horster. Und niemand weiß, ob die Kunden wirklich ein Bildtelefon haben wollen, und was sie bereit wären, dafür auszugeben.

Die Betreiber werden versuchen alle möglichen Umsatzquellen anzuzapfen, um nicht über 50 bis 60 Euro pro Kunde zu gelangen, sagt Frau Horster, und sechs Anbieter werden nicht zwangsläufig einen scharfen Wettbewerb entfachen. "Die Telcos müssen jetzt beim Aufbau der Infrastruktur besonders kostenbewusst vorgehen, was potenziell zu einer schlechteren Netzqualität führe, unter der der Kunde leide." Ihrer Meinung nach werden die Mobilfunkbetreiber, die in mehreren Ländern aktiv sind, den deutschen Markt mit subventionieren. "Von den sechs Anbietern, die vor wenigen Monaten aus den Startlöchern spurteten, werden wohl nur zwei auch die Ziellinie erreichen", lautet ihre Prognose. Nämlich Vodafone und die Telekom.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch das Marktforschungsunternehmen Forrester Research: Danach wird sich der europäische Mobilfunk-Markt in den nächsten 15 Jahren auf nur noch fünf dominierende Anbieter reduzieren. Zu den übrig gebliebenen zählt Forrester die Tochter der Deutschen Telekom, T-Mobil, Orange, die Vodafone Group und Cellnet. Den Grund für das Telcosterben sehen die Experten "in einem wenig profitablen Markt mit hohen Kapitalkosten" und dass sich der Erlös je Nutzer allmählich verringern werde.

Mit rückläufigen Erlösen müssten die Unternehmen ab 2003 kämpfen. Ab 2007 würden sie in die Verlustzone abrutschen. Die Experten erwarten eine Erholung des Marktes nicht vor 2013. Nach Angaben Forresters werden NTT DoCoMo, Telefonica, Telecom Italia und Royal KPN NV vom Markt verschwinden. In kleineren Ländern wie Schweden oder Norwegen wäre es sinnvoll, wenn dominierende Markt-Anbieter mit größeren Unternehmen kooperieren würden. Ganz düster sieht Forrester die Zukunft für die Neuen am UMTS-Markt: Sie werden das Jahr 2007 nicht überleben. Für manche Unternehmen seien die Investitionen eben zu hoch gewesen. Und nicht umsonst tendieren die Aktienkurse Richtung Süden.

Aber das müssen die Telcos sowohl in der Öffentlichkeit und als auch ihren Aktionären anders verkaufen: "Bei MobilCom wurde ein sehr vorsichtiger Geschäftsplan errechnet", sagt Pressesprecher Bernd Eilitz. Das Unternehmen gehe fest davon aus, dass UMTS bereits fünf Jahre nach Netzstart profitabel arbeiten werde. Grund hierfür: die breite Kundenbasis bietet eine stabiles Fundament für den Start ins UMTS-Geschäft. Die zeitliche Begrenzung der Lizenzen auf 15 Jahre empfindet MobilCom nicht als Bedrohung. "Für unprofitabel halten wir Investitionen in HSCSD und GPRS", stellt Eilitz klar. Diese Techniken werden sich bis zum UMTS-Start nicht mehr rechnen.

MobilCom rechnet für das Jahr 2002 mit etwa 300.000 UMTS-Kunden, und im Jahr 2005 sollen es bereits 4,9 Millionen sein. "Das Ziel ist auch nicht zu hoch gegriffen", beschwört Eilitz. Schon heute habe MobilCom insgesamt über 11 Millionen Kundenbeziehungen unterhalten (davon 3,3 Millionen beim Mobilfunk und 1,4 Millionen beim Internet). "Wir setzen konsequent auf die Migration der Bestandskunden, werden aber auch neue Nutzergruppen erschließen. Damit erreichen wir den Break Even bereits fünf Jahre nach dem Netzstart", glaubt Eilitz.

Der MobilCom-Kunde wird dann monatlich 85 Euro umsetzen. "Davon wollen wir mit Advertising und Transaktionsgebühren rund 15 Prozent der Erträge hereinholen. Nur 65 Prozent bezahlt der Kunde, rund 20 Prozent kommen von anderen Netzbetreibern. Von den 85 Euro kommen auf den Kunden also nur 50 Euro zu - etwa der Betrag, den GSM-Vertragskunden schon heute im Durchschnitt aufbringen." Die Rechnung der Telekom geht dann auf, wenn der Kunde durchschnittlich zirka 60 Euro pro Monat bei UMTS umsetzen wird, 60 Prozent des Umsatzes werden nach Telekom-Dafürhalten auf Datendienste entfallen, 40 Prozent auf Sprachtelefonie. "Wir werden zeigen, dass man mit UMTS auch sehr schnell profitabel arbeiten kann," lautet die Bonner Parole. Muss sie auch!

Ein wenig Optimismus versprüht das Beratungshaus MSM Management Consulting: „Um ihre Lizenz- und Netzinvestitionen zu refinanzieren, müssen die Unternehmen bis 2010 mindestens 33 Prozent Marktanteil erreichen,“ erläutert MSM-Consultant Reinmar Götz. Er kalkuliert dabei mit einem UMTS-Umsatz von 86,30 Mark pro Kunden. „Bei 25 Prozent Marktanteil liefert zwar das operative Geschäft ab etwa 2008 schwarze Zahlen, der Break-Even verschiebt sich aber noch weiter in die Zukunft“ prognostiziert Götz. Bei einem Marktanteil von nur noch zehn Prozent sehe die Rechnung für die Netzbetreiber ganz düster aus. Die hauseigenen Break-Even-Prognosen mancher Mobilfunker, die noch vor 2010 satte schwarze Zahlen liefern, hält er  „für reichlich übertrieben“.

Darum hofft man auf der britischen Insel wohl schon auf den göttlichen Beistand, denn dort steigt die Kirche von England und Wales in den UMTS-Markt ein: die Geistlichen wollen ihre rund 16.000 Kirchtürme als Basisstationen für die benötigten Antennen verwenden. 5.000 £ jährlich für den heißen Draht nach oben.

Erschienen in Heft 3/2001 Computerwoche EXTRA

Links:
(update 18.08.2010)

"T-Mobile und Vodafone: Kein UMTS-Erfolg bis 2009" mehr >>>
"Warten auf UMTS" mehr >>>
"UMTS chancenlos im Jahr 2003?" mehr >>>

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