Tesafilm als Datenträger der Zukunft | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Urlaubsbilder auf Tesa-Film
Tesa ROM: Der Klebestreifen als Datenträger der Zukunft

In einem Labor der Mannheimer Universität experimentieren die beiden Physiker Steffen Noehte und Matthias Gerspach mit Laserstrahlen, um neue Datenspeicher zu entwickeln. An diesem Abend - ausgerechnet an einem Freitag dem dreizehnten - belichten sie nur so aus Jux einen handelsüblichen Tesa-Klebstreifen mit einem Laserstrahl und brennen ein Hologramm ins dünne Material. "Mal schauen, was daraus wird", erinnert sich Noehte, "und das Ergebnis war wirklich überwältigend."

Heute - vier Jahre später - ist er Geschäftsführer der Firma "tesa-scribos" in Heidelberg, und forscht mit anderen Wissenschaftler an der Entwicklung der Tesa-ROM. Ausgerechnet dieser unscheinbare Klebestreifen soll das Speichermedium der Zukunft werden und die CD-ROM ablösen? Noehte ist zuversichtlich und sein Prinzip ist relativ einfach.

Ähnlich wie bei einer herkömmlichen Compact Disk (CD) schreibt ein Laserstrahl die digitalen Informationen in Form von mikrometerkleinen Punkten auf den durchsichtigen Klebestreifen. Bei einer Temperatur von ungefähr 170 Grad Celsius belichtet der Laser winzige Punkte auf die Trägerschicht. Die Tesa-Rolle muss dafür nicht extra abgewickelt werden, denn der Laser kann durch alle Filmlagen hindurch belichten und trotzdem jede einzelne Schicht exakt ansteuern. Nur einen Tausendstel Millimeter liegen die Belichtungspunkte voneinander entfernt. "Jeder dieser Punkte wirkt wie eine kleine Linse", erklärt Noehte. Sie reflektieren das Licht, wenn ein anderer Laser die Tesa-ROM abtastet, und so die gespeicherten Informationen wieder ausliest.

Beim Lesen ist die Temperatur geringer, so dass die Informationen nicht sofort überschrieben oder gelöscht werden. "Die Tesa-ROM ist ein sehr stabiles Wechselmedium", sagt Noehte. Die Kunststoffe sind sehr hitzebeständig, darum der Kleibestreifen als Speichermedium sehr langlebig. Das neue Medium wird 5 bis 20 Lagen haben und damit zwei bis drei Gigabyte abspeichern können. Das reicht für einen Spielfilm von eineinhalb Stunden Länge. Allerdings ist das Medium nur einmal beschreibbar. Der Durchmesser der Tesa-ROM wird etwa 30 Millimeter betragen und die Höhe zehn Millimeter nicht überschreiten. Einsatzmöglichkeiten für den billigen Datenträger gibt es überall dort, wo der Speicherplatz bislang knapp und teuer ist: zum Beispiel in MP3-Playern oder Digitalkameras. Dann kommen die Urlaubsbilder von der Tesa-Rolle.

Das Verfahren funktioniert nur mit dem Original Tesa-Film – andere Klebestreifen haben keine Chance: sie erwiesen sich bei den Versuchen als nicht "rein genug". Auf eine handelsüblichen Tesa-Rolle mit 10 Meter Länge und 19 Millimeter Höhe passen rund 10 Gigabyte, also etwa 15 CDs. Einmal bespielt, kann man das Medium beliebig oft lesen und lange lagern. Das Tesa-ROM-Laufwerk könnte in zwei Jahren verfügbar sein, schätzt Noehte, dürfte aber nicht viel mehr kosten als die herkömmliche CD-Technik, damit sie der Kunde akzeptiere.

Und der Tesa-Streifen wird wohl auch bald im Kühlregal auf einer Milchtüte zu finden sein: als holographischer Datenspeicher. Ein Tesa-Sicherheitsetiketten sozusagen. Überall dort, wo auf Verpackungen, Postpaketen und Produkten heute ein Strich-oder Barcodesteht, könnte künftig ein winziges, in Tesa-Film gebranntes Hologramm die erforderlichen Informationen tragen. Und der aufgeklebte, ein Quadratmillimeter große Datenfilm enthält etwa tausendmal soviel Informationen wie ein Barcode. Dafür werden Bilder oder Produktinformationen am Computer in Mikro-Hologramme umgewandelt und anschließend in einen Tesa-Streifen geschrieben.

Weil mittlerweile vom Software-Paket bis zum Flugzeugteil nahezu alles gefälscht werde, sei der Bedarf nach sicheren Etiketten riesengroß, erklärt Noehte. Deshalb werden digitale Hologramme in die Filmetiketten geschrieben. Solche computergenerierten Hologramme lassen sich, anders als beispielsweise die holographischen Bildchen auf Scheckkarten, leicht individuell gestalten, aber genauso schwer kopieren. Das Hologramm enthält kodierte Informationen, beispielweise eine Seriennummer, die mit einem Schlüssel authentifiziert werden könnte. Mit derartigen Bildern können Scheckkarten oder Ausweise absolut fälschungssicher gemacht werden, behaupten die Wissenschaftler. Um Plagiate zu verhindern und Originalverpackungen zu kennzeichnen; Dank sei dem unscheinbaren Klebestreifen.

Erschienen am 07.08.2002 in der Märkischen Allgemeinen Zeitung
(update 05.08.2003)

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