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Piraten entern Google
Die Kult-Suchmaschine gerät ins Stocken: Spam verstopft die Info-Kanäle. Gerichte verderben die Werbegeschäfte.

Seiten auf Deutsch wurden nach "türmender Wurm" durchsucht. Ergebnisse 1 - 1 von 1. Suchdauer: 0,13 Sekunden. Oder: Seiten auf Deutsch wurden nach "trinkender Schachspieler" durchsucht. Ergebnisse 1 - 1 von 1. Suchdauer: 0,10 Sekunden. Das ist ein Googlewhack. Beim Googlewhacking darf eine Wortkombination aus zwei Begriffen nur einen einzigen Treffer ergeben. Fast 50.000 solcher Einzelgänger hat das nutzlose Spiel für die deutsche Ausgabe vom Googlewhack bereits gesammelt. Herrn Riebmann gehören die meisten Fundsachen: über 9.000 waren es noch vorgestern. Erfunden hat diesen Schabernack der amerikanische Programmierer Gary Stock. Verliebt in Google sozusagen.

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Des Users liebste Internet-Suchmaschine heißt Google. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage der Bertelsmann-Stiftung. Drei Viertel aller befragten Nutzer nannten Google als erste Wahl bei der Infosuche via Web. Weit abgeschlagen auf Platz zwei landet Yahoo mit zehn Prozent und dahinter Lycos mit noch mäßigerem Zuspruch von gerade einmal fünf Prozent. Die Studie zeigt außerdem, dass 91 Prozent aller Internet-Surfer zumindest gelegentlich Suchmaschinen nutzen. Und dann meistens Google.

Google hat zur Zeit nach eigenen Angaben über 8 Milliarden URLs in der eigenen Datenbank gespeichert. URL steht für Uniform Resource Locator und beschreibt den Weg zu einem bestimmten Dokument auf einem Internet-Rechner. Die Suchmaschine Alltheweb kennt angeblich knapp 3,1 Milliarden solcher Dateipfade. Ist das viel? Gewiss. Aber längs nicht alles.

Der britische Internet-Dienstleister Netcraft zählt aktuell rund 45 Millionen Domains oder Websites. Kleine Websites bestehen vielleicht aus zehn, 20 oder 100 einzelnen Seiten. Professionelle Internet-Angebote kommen auf hunderttausende und mehr verschiedene Seiten: also hunderttausende und mehr verschiedene URLs. Täglich bläht sich das Internet um viele Millionenen neuer Seiten weiter auf. Und die Frage, aus wie viel einzelnen Seiten eine Website durchschnittlich besteht, lässt sich nicht seriös beantworten. Darum auch nicht die Frage, wie viele URLs denn nun im Internet existieren und wie viele die Suchmaschinen davon kennen. Vielleicht nur insoweit als der Blick in den Nachthimmel viele Sterne zeigt, aber die meisten ihm verborgen bleiben.

Und wie kommen diese Sterne an den Himmel? Dazu schicken Volltextsuchmaschinen wie eben Google, Alltheweb oder Fireball ihre programmierten Helferlein (auch Spider oder Robots genannt) durch das Internet. Sie sollen neue oder aktualisierte Seiten aufspüren, diese kopieren und deren kompletten Inhalt in die firmeneigene Datenbank schaufeln. Und das kann dauern. Die deutsche Suchmaschine Fireball tut sich bei der automatischen Datensammlung sehr schwer, erlaubt sie doch nur die Anmeldung von einer einzigen URL pro Domain und Tag. Für eine Website mit 60 verschiedenen Seiten benötigt Fireball zwei Monate, um deren gesamtes Angebot zu lesen. Erst dann ist diese Website für den Nutzer dort recherchierbar. (Und das war einmal, denn heute kostet der Eintrag Kohle!!)

"Wir versuchen unseren Nutzern ein möglichst aktuelles und umfangreiches Datenmaterial in weniger als einer halben Sekunde nach der Abfrage anzubieten", wirbt Matt Cutts, Software-Ingenieur und seit zwei Jahren in Diensten von Google für seinen Arbeitgeber. Aber auch Google limitiert die Aufnahme neuer Datenquellen: Zum Beispiel werden die Inhalte von Flashseiten nicht gelesen. Oder wenn eine bestimmte Dateilänge überschritten wird, bleibt der gesamte nachfolgende Inhalt auf der Strecke. Googles Philosophie: Der relevante Inhalt für den Nutzer und die Robots steht immer am Anfang einer Seite.

Robots folgen prinzipiell nur den Querverweisen (Links), die auch der Internet-Nutzer bei seinem normalen Surfgang per Mausklick ansteuern kann: real existierende, auf einem Internet-Rechner gespeicherte Seiten. Verbergen sich die Informationen in einer externen, über das Internet zugängigen Datenbank, bleibt der Robot meistens draußen. Das sind die Sterne im anderen Universum, unerreichbar für die herkömmliche Aufspürtechnik. Niemand hat zum Beispiel das Kursbuch der Deutschen Bahn so für das Internet aufbereitet, dass es vollständig mit der Maus durchklickbar auf einem Rechner liegt. Nein.

Reisedatum, Abfahrts- und Ankunftsort werden mit der Tastatur in ein Formular getippt und per Mausklick an die Datenbank der Bahn übermittelt. Das Ergebnis dieser Anfrage wird dann ins so genannte HTML-Format gekleidet und dem anfragenden Internet-Nutzer zurückgeschickt. Diese Seite, die nun auf dem heimischen Monitor erscheint, hat vorher gar nicht existiert. Sie ist extra für diesen Nutzer erzeugt worden, liegt auf seinem PC und nicht auf dem Internet-Rechner der Bahn. In diesem Fall spricht man von dynamisch generierten HTML-Seiten. Unerreichbar für übliche Robots. Darum wird Google auch nie eine Bahnverbindung von Berlin nach Passau ermitteln können, und ähnliche dynamische Pfade in andere Wissensarchive bleiben den Robots ebenso versperrt. Trotz der vielen Schranken druchwälzt Google täglich zig Millionen Seiten, um seinen Nutzern neue Inhalte zu präsentieren.

Aber in letzter Zeit macht sich Frust in der Google-Fangemeinde breit. Verseuchte Ergebnisse lotsen die Nutzer auf Seiten, die sie gar nicht sehen wollen: Der ahnungslose Kunde kann klicken, wohin er will: alle Links führen nur zu einem Anbieter. Ein Trick bewirkt, dass Google diese präparierten Seiten auch noch für besonders relevant hält. Oft gehören sie zu riesigen Linkfarmen, die nur dem einen Zweck genügen: Verlinkst du mich, verlink ich dich! So entstehen vernetzte Geisterreiche aus unzähligen Webseiten, die alle mit Links aufeinander verweisen. Für Google ist die Vernetzung einer Seite zu anderen Seiten ein wichtiges Kriterium. Deshalb werden diese Seiten oft weit oben in den Trefferlisten platziert. Sehr zum Ärger der Nutzer. Die Linkbetrüger mit ihren dubiosen Linkfabriken und Umleitungen nutzen so die Schwäche des Systems. Die automatisierte Bekämpfung dieser Art von Spam habe "höchste Priorität für Google", beschwört Cutts die verärgerten Nutzer. Über gezielte Maßnahmen zur Spamabwehr schweigt er jedoch.

Was den Nutzer ärgert, frustriert die ehrlichen Webseiten-Betreiber: wenn ihre URLs erst unter ferner liefen erscheinen, interessiert sich niemand mehr dafür. Wer die Tricks für eine gute Platzierung nicht beherrscht, muss nun zahlen, um auf die erste Seite zu kommen. Google nennt das Adwords. Diese Anzeigen stehen dann als kleine Kästchen, Mal grün, Mal zart rosa unterlegt auf der rechten Hälfte der Seite, während die Datenbank-Treffer links aufgelistet sind. Weltweit etwa 100.000 Kunden bezahlen Google für diese Form der Propaganda. Mindestgebot fünf Cent pro Wort und Klick.

Eine exakte Angabe zum zur Zeit teuersten Cost-per-Click Adword kann Birgit Pahl, Adword Managerin von Google Deutschland, nicht machen. Die Anzeigenpreise ändern sich permanent und hängen letztlich von der Höhe der Klickrate ab. So kann es sein, dass ein auf Platz Eins stehender Werbetreibende weniger zahlt als sein Mitbewerber auf Platz Zwei, weil die erstplatzierte Anzeige öfter angeklickt wird. Ein Beispiel: Der Begriff "Versicherung" kostet momentan für eine Platzierung unter den ersten zwei Werbeanzeigen 1,89 Euro pro Klick. Viel Geld für vier Zeilen.

Aber auch Google selbst könnten diese Klicks bald teuer zu stehen kommen, denn ein Gericht in Frankreich hat den kalifornischen Suchmaschinenbetreiber zu einer Strafe von 75.000 Euro verurteilt. Der Grund: Bei der Eingabe eines Markennamens in das Suchfeld wurden neben den Ergebnissen auch Anzeigen aufgelistet, die den geschützten Begriff in ihre Reklame eingebaut hatten. Der Inhaber des eingetragenen Markennamens "Bourse des Vols" (etwa: "Markt der Flüge"), eine Internet-Reiseagentur, hatte gegen Google geklagt. Das Unternehmen wollte verhindern, dass bei einer Suche des eigenen Namens auch die Werbebanner von Konkurrenzunternehmen angezeigt werden.

Binnen 30 Tage muss Google die Entscheidung des Gerichts umsetzen, sonst droht für jede weitere Übertretung eine Strafe von 1.500 Euro. Google hat mittlerweile Widerspruch gegen die Entscheidung eingelegt. Trotz der verhältnismäßig geringen Strafe könnte das französische Urteil eine sehr große Wirkung erzielen: Schließlich werden laufend geschützte Markennamen gesucht und angefragt. Die technologischen und finanziellen Auswirkungen für die Anbieter von Internetsuchmaschinen sind nicht abzusehen.

Aber noch kann jeder Werbetreibende in Deutschland seine Anzeigen selbst formulieren. Google unterstützt seine Kunden tatkräftig dabei und schlägt bei Bedarf auch schon einmal fremde Markennamen zu Werbezwecken vor. Ausschlaggebend sei nur die Relevanz zwischen Seiteninhalt und dem Anzeigentext, sagt Frau Pahl. Markenrechte werden nicht geprüft. Schließlich könne jeder Warenzeicheneigentümer eine Beschwerde an Google schicken. "Dann wird die betreffende Anzeige selbstverständlich gelöscht."

Nach Ansicht des Düsseldorfer Rechtsanwalt und Internetrechtler Tobias Strömer bewegt sich Google damit auf juristisch recht dünnem Eis. "Den Markeninhaber trifft natürlich überhaupt auch keine Verpflichtung, seine Marke anderswo anzumelden als beim Deutschen Patent- und Markenamt, damit sie geschützt ist", erklärt der Jurist. Schon gar nicht bei Google.

Nun ist die juristische Eisdecke in Hamburg offensichtlich gebrochen: Das Landgericht hat in einem aktuellen Beschluss Google.de verboten, weiterhin Werbeanzeigen für den Begriff "Preispiraten" zu schalten, wenn deren Link auf die Domain preisserver.de verweist. Bei Nichtbefolgen droht eine Strafe von 250.000 Euro oder sechs Monate Ordnungshaft. Die Domain preisserver.de wurde als Plagiat der Website preispiraten.de gestartet.

Das Online-Magazin heise.de berichtet, dass der Betreiber von preisserver.de trotzdem bei Google Adwords-Anzeigen mit dem Keyword "Preispiraten" schalten konnte. Bei der Suche nach "Preispiraten" tauchte folglich wieder auch die Anzeige mit dem Link auf preisserver.de auf. Auf einen ersten telefonischen Hinweis seitens des Rechteinhaber von Preispiraten, der Metaspinner GmbH reagierte man bei Google dem Bericht zufolge mit dem Hinweis, "da könne man nichts machen".

Daraufhin schickte Metaspinner über einen Anwalt einen Brief mit der Bitte, die fraglichen Adwords-Anzeigen zu entfernen und bei der Eindämmung der Rechtsverletzung behilflich zu sein. Das Google-Team schickte eine Standardantwort mit dem Hinweis, man sei nicht zuständig. Die Anfrage solle per E-Mail in die USA geschickt werden. Offensichtlich mit Wirkung: keine Werbung für preisserver.de auf Google mehr.

Richtungsweisend könnte auch eine neue Entscheidung des Oberlandesgerichts Düsseldorf sein (Urteil vom 15.07.03, 20 U 21/03 - Keyword "Impuls"). Danach stellt die Verwendung einer fremden Marke in den Metatags einer Website, also dem für das menschliche Auge eigentlich unsichtbaren, von Suchmaschinen aber berücksichtigten Quelltext, gar keine Kennzeichenrechtsverletzung dar. Da ein dort verstecktes Keyword gar nicht gelesen wird, sagen die Düsseldorfer Richter, könne beim Internet-Nutzer auch keine Verwechslung auftreten. Darauf können sich nun auch die Betreiber von Suchmaschinen im Einzelfall berufen.

"Wenn das Urteil Schule macht und jeder Website-Betreiber seine Metatags mit fremden Marken- und Firmennamen zukleistern darf, werden wir in Suchmaschinen bald gar nichts mehr finden", konstatiert Strömer. Also: Ran an die Tastatur und sucht den nächsten Googlewhack. Das ist ein Befehl! "verbitterter Zeitungsleser". Ergebnisse 1 - 1 von 1; Suchdauer: 0,10 Sekunden.

In gekürzter Version erschienen u.a. in der taz am 08.12.2003

Noch'n Text zu Google & Co

Links:
(update 03.05.2004)

"Playboy klagt gegen AOL" mehr >>>
"Google in den USA vor dem Kadi" mehr >>>

Suchmaschinen besser verstehen mit Hilfe der Suchfibel

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