Energieverbrauch des Internets: World Wide Stromfresser | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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World Wide Stromfresser
Computer verbrauchen Strom. Viele Computer verbrauchen viel Strom. Zu viel Strom

Wer zügellos googelt, oder seinen Haushalt via Ebay verscherbelt, schädigt das Klima. Der Einzelne nur marginal, aber die globale Nutzergruppe frevelt gewaltig. Das Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) warnt davor, die Energiekosten von Web-Anwendungen zu unterschätzen. „Wer eine komplette Ausgabe des Berliner Tagesspiegels als so genanntes E-Paper herunterlädt, verbraucht etwa so viel Strom wie der komplette Waschgang einer Waschmaschine“, illustriert der IZT-Experte für Nachhaltiges Wirtschaften Siegfried Behrendt.

„Das Internet sei aus ökologischem Blickwinkel derzeit nur wenig effizient, berichtet Behrendt weiter. Nur mit energieeffizienten Server- und Prozessorsystemen in Verbindung mit der Verwendung von Ökostrom ließe sich dieses Problem in den Griff bekommen. Zu den Hauptstromverbrauchern in der Informationstechnik zählen nach wie vor die Rechenzentren. Durch die hohe Anzahl an Servern entstünde permanent eine enorme Abwärme. Könnte man diese effizient und intelligent nutzen, so würde sich die Energieeffizienz fast verdoppeln.

Wächst das Internet weiter so wie bisher, frisst allein das Web rechnerisch in 23 Jahren so viel Strom wie heute die gesamte Welt verbraucht“, erklärt Professor Gerhard Fettweis von der Technischen Universität Dresden. "Um den informationstechnischen Standard der Industrieländer auf die ganze Welt zu übertragen, wären bereits 40 Prozent der weltweiten Kraftwerksleistung notwendig", rechnet der TU-Professor vor. Und in weniger als zehn Jahren würde die gesamte existierende Kraftwerksleistung für den Betrieb des Internets nicht mehr ausreichen.

In den 15 Jahren zwischen 1991-2006 ist die Anzahl der Server im Internet um den Faktor 1000 gestiegen, nämlich von 376 Tausend auf 395 Millionen. Der hohe Preis für dieses enorm anhaltende Wachstum ist ein steigender Energiebedarf der Informations- und Kommunikationssysteme. „Sowohl für Serverfarmen als Haupt-Knotenpunkte des Internet, als auch in der Mobilkommunikation lässt sich in den letzten Jahren ein Anstieg des Energiebedarfs um zirka 16 bis 20 Prozent pro Jahr beobachten“, konstatiert Fettweis.

Als Resultat dieser Entwicklung verbrauchen Serverfarmen mittlerweile rund 180 Milliarden Kilowattstunden (kWh) pro Jahr oder über 1 Prozent des weltweiten Strombedarfs. Die Basisstationen und Netze der Mobilfunkbetreiber kommen noch einmal auf rund 60 Milliarden kWh pro Jahr. Zusammen entspricht das 27 Kraftwerken mit einer Leistung von einem Gigawatt, oder fast zehn Prozent des weltweit durch Kernkraftwerke produzierten Stroms.

Dies ist äquivalent zu einem Kohlendioxid (CO2)-Ausstoß von zirka 130 Millionen Tonnen pro Jahr. In etwa soviel wie alle Belgier zusammengenommen an CO2-Emissionen verursachen. Rechnet man den Verbrauch durch die Infrastruktur der Mobilfunknetze, des Festnetzes und des Internet zusammen, so erscheint ein Anteil von 3 Prozent an der weltweit konsumierten Elektroenergie noch als konservative Schätzung, urteilt der TU-Professor.

Jeder einzelne Internet-Nutzer trägt zum Wachstum bei. Jede Ebay-Auktion ist mit einem Energieverbrauch und dem Freisetzen von CO2 verknüpft. Das Berliner IZT hat da einmal ganz genau nachgerechnet: „18 Gramm CO2 werden so in die Atmosphäre abgelassen“, sagt IZT-Experte Behrendt. Mausklick für Mausklick. Und pro Google-Anfrage werden durchschnittlich rund zehn Watt Leistung benötigt.

Google selbst hat Ende letzten Jahres eine "strategische Initiative" gestartet, um zukünftig Strom aus erneuerbaren Energiequellen billiger als aus Kohle produzieren zu können. Google-Mitbegründer Larry Page erklärt dazu, man werde sich bei Google auf Sonnenwärmekraftwerke, Windkraft, Erdwärme und andere Technologien konzentrieren, die einen Durchbruch in der Energiefrage ermöglichen. So soll das Googeln etwas klimafreundlicher werden. Denn das grüne Gewissen surft mit.

Erschienen in der Saarbrücker Zeitung am 07.4.2008

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