Die Zukunft der Glotze | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Multimedia

Die Glotze ist tot; es lebe die Glotze!
Pay per View: Die Zukunft der Fernsehwelt: aktiv, interaktiv, Internet?

Es ist noch gar nicht so lange her. Samstagabends: Aus der Badewanne in den Bademantel geschlüpft und vor die flimmernde Glotze gekauert. Auf dem Bildschirm kalauert Hans-Joachim Kulenkampf in seiner Sendung Einer wird gewinnen. Intelligent, charmant und mit 80 Prozent Einschaltquote ein echter Straßenfeger. Und heute? Zwei Minuten duschen. Der programmierte, multimediale Farb-Stereo-Satelliten-TV glimmt schon auf Stand-By-Betrieb. Der Daumen auf der Infrarot-Fernbedienung „zappt“ hektisch durch die 72 Kanäle: Schnell verdauliche Kost, Werbung im 15-Minuten Takt. Saturday Night Fever im Pantoffelkino mit 24 Stunden Versorgung ohne Sendeschluss.

Und die Informationslawine rollt weiter: Pay-Per-View, Sparten-TV, Video-on-Demand, Cyberspace; wer schaut da noch durch? Jetzt dringt auch das Internet via TV in die Wohnstuben und die Programme der Sendeanstalten ins Internet. Zwar noch mit mieser Qualität, aber der Trend ins Netz ist unverkennbar. „Technisch können Fernsehen und Computer zusammenwachsen“, erklärt der Medienwissenschaftler von der Universität Jena, Georg Ruhrmann. Ökonomisch sei aber unklar, ob sich entsprechende Angebote überhaupt finanzieren lassen. Der Wissenschaftler nennt ein weiteres Gegenargument für die innige Verschmelzung von TV und PC: die Macht der Gewohnheit. „Wir wissen nicht, inwieweit Menschen bereit sind, ihren Computer als Fernseher zu benutzen. Oder ob wir im Wohnzimmer bereit sein werden, per komplexer Fernbedienung oder gar per Tastatur einen Rechner zu bedienen?“

Ruhrmanns Skepsis spiegelt sich denn auch in den aktuellen Verkaufszahlen der internet-tauglichen Multimediageräte wider. „Ein Markt dafür existiert noch nicht!“, konstatiert der Vertriebsleiter der Berliner ProMarkt-Kette, Uwe Wesemann, das Preis-Leistungs-Verhältnis der Geräte stimme noch nicht. „Sie sind zu teuer.“ Dabei könnte es doch so einfach sein: Wo eben der Werbespot einer Versicherung flimmerte, zeigt das TV-Gerät der Zukunft auf einen Klick die Bedieneroberfläche eines Internet-Browsers, dem „Sesam-Öffne-Dich-Programm“ für die unentdeckte Multimediawelt. Das 16:9 Format auf der 70 Zentimeter Diagonale schrumpft augenblicklich auf ein 4:3 Format, und das laufende Fernsehprogramm erscheint in einem kleinen Fenster rechts daneben. Wenn der Zuschauer es will, kann er sich aus dem Internet sofort weitere Informationen zum Thema einholen. Er kann im Spiegel blättern oder gar eine Flugreise im virtuellen Reisebüro buchen.

Aber vor eiliger Euphorie sei gewarnt: Die Tabellenkalkulation neben der Sportschau wird sich genauso wenig durchsetzen, wie ein Dolby-Surround-System am PC-Monitor. Darum muss eine neue Käuferschicht gefunden werden: Der technisch unbedarfte Zuschauer mit dem multimedialen Wissensdurst. „Und da befinden wir uns gerade in einer Umbruchphase“, meint der Pressesprecher des bayerischen Fernsehgeräte-Herstellers Loewe Opta, Roland Raithel. Der Multimediafernseher sei ein neues Produkt, das seinen Platz am Markt erst erobern müsse. „Das wird einige Zeit dauern“.

Seit der Erfindung des Fernsehgerätes begnügt sich der Mensch mit zwei Dimensionen und verzichtet auf die Tiefe des Bildes. Wann kommt also das 3D-Fernsehen? Für die Branche sei das (noch) kein Thema, sagt Raithel. „Auf absehbare Zeit gibt es keine realistische Alternative zu 2D, vom Geruchsfernsehen ganz zu schweigen“. Vielmehr setzen die Entwickler zukünftig auf großformatige, flache Plasmabildschirme. Plasma Display Panels (PDP) bestehen aus Bildpunkten, die jeweils aus drei Zellen mit den Grundfarben Rot, Grün und Blau gebildet werden. Jede dieser Zellen ist selbstleuchtend, benötigt also keine Hintergrundbeleuchtung wie beispielsweise Liquid Crystal Display (LCD)-Panels. Die Leuchtkraft der Zelle wird über eine Plasmaentladung bestimmt, wobei ein Lichtbogen zwischen zwei Elektroden in einem Neon-Xenon-Gasgemisch einen ultravioletten Lichtblitz erzeugt. Das Phosphor in der Zelle wandelt diesen, für das menschliche Auge unsichtbaren Impuls in sichtbares Licht um. So entsteht ein Bildpunkt.

Im Vergleich zu Fernsehgeräten, die mit einer Bildröhre ausgestattet sind, gibt es bei PDP keine Halbbilder und keine zeilenweise Abtastung des Bildschirmes. Das Bild erscheint quasi „sofort und komplett“. Zwischen den Bildern findet dann eine Entladung der Zellen - die Dunkelphase - statt. Die Bildqualität hängt nicht zuletzt von der Farbwiedergabe (etwa 16,8 Millionen darstellbare Farben) sowie der Auflösung ab. Flachbild-Fernseher kommen ohne Bildröhre aus und können darum auch dünner als zwölf Zentimeter sein. Die Multivision von morgen hängt wie ein Gemälde an der Wand. Und auch der Preis für die revolutionierende Technik lässt sich mit dem für alte Meister durchaus vergleichen. Bei einem Kaufbetrag ab etwa 30.000 Mark werden diese Geräte vorerst eher als Sammlerstücke denn als Massenartikel der Unterhaltungselektronik gehandelt. Und um die mehrere Kilogramm schwere plane Glotze an die Wand zu hängen, bedarf es dann schon einiger kräftiger Nägel.

Ob nun als schwerer Flachmann über der Tapete oder als integrierter Alleskönner: Klassiker wie Bonanza oder Raumschiff Enterprise werden die Zuschauer auch noch im kommenden Jahrtausend vor die Glotze zerren.

Erschienen am 28.10.1998 in der Märkischen Allgemeinen Zeitung

(update 02.05.2000)

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