Ein aufgeklärter Surfer dank Nethics | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Multimedia

Selbstreinigungskraft des Internets
Netzethik: Ein Gespräch zur Aufklärung

Auf der virtuellen Bühne „Internet” werden alle Facetten der Gesellschaft in einem anarchistischen Schauspiel dargeboten. Es gibt keinen Regisseur, der Inhalt oder Handlung koordiniert. Keine Dramaturgie trennt Sinnvolles von Sinnlosem oder gar Kriminelles von Legalem. Alles ist erlaubt, und alle schauen zu. „Das Recht auf Selbstdarstellung und das Recht auf den freien Zugang schafft einen ethischen Konflikt, der neue Umgangsformen verlangt”, sagt Rainer Kuhlen von der Universität Konstanz. Im Auftrag der UNESCO gründete der 55-jährige Professor für Informationswissenschaft Ende 1998 den Nethics e.V. (www.nethics.net), um Lösungen für das Problem mit der ungehemmten Freizügigkeit zu finden.

Wollen Sie mit Ihrer Website nur den moralischen Zeigefinger erheben, oder ist sie ein Schwert gegen das Böse im Netz?
Prof. Rainer Kuhlen: Wer hat schon die moralische Kompetenz oder die personelle Kapazität, um die Welt zu verbessern? Wir wollen keine moralischen Standards setzen, um gegen Pornographie oder generellen Mißbrauch im Netz anzugehen. Unsere Homepage will eine Plattform, ein Diskussionsforum über informationsethische Fragen sein. Kein Zensurorgan. Ethischer Konsens kann nicht verordnet werden!

Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich denn?
Erarbeitung von Empfehlungen zum Aufbau von Informationskompetenz auf allen Ebenen: in Schulen, in Universitäten. Informationskompetenz heißt: Der Nutzer muss lernen, wie zum Beispiel Suchmaschinen funktionieren. Er muss in der Lage sein, ihre Ergebnisse nach Richtigkeit und Relevanz einzuschätzen. Ein weiterer Punkt ist der Umgang mit Filtersoftware: Eltern schieben ihre Erziehungsprobleme auf Software ab, um Kinder vor unerwünschtem Material zu schützen, gleichzeitig beschränken diese Programme aber auch den freien Zugriff auf Informationen. Wir beschäftigen uns auch mit der anstehenden Überwachung der Internet-Kommunikation durch den Staat.

Was meinen Sie damit?
Konkret: ENFOPOL 98. Hinter diesem Entwurf der EU-Arbeitgruppe "Polizeiliche Zusammenarbeit" verbergen sich weitreichende Pläne zur Überwachung der Telekommunikation in Europa. Die zuständigen Behörden sollen bei begründetem Tatverdacht in die Lage versetzt werden, den Telekommunikationsverkehr, der über die Provider läuft, einzusehen. Dann müssen diese Provider Daten über ihre Kunden freigeben. Natürlich hat der Staat ein Gewaltmonopol und muss Verbrechen auch im Internet bekämpfen, aber wir scheinen gegenwärtig eine Überreaktion zu erfahren. Obwohl davon im Prinzip alle Internetnutzer betroffen sind, gibt es dazu so gut wie keine öffentliche Diskussion.

Welche Lösung haben Sie?
Jedenfalls nicht in erster Linie neue Gesetze. Die Offenheit der Kommunikation ist auf Dauer die einzige Möglichkeit gegen den Mißbrauch anzugehen.

Also der gläserne Surfer?
In diesem Sinne, ja. Diffamierende Nachrichten, die im verborgenen gehandelt werden sind gefährlich. Erst der Schein der Öffentlichkeit kann sie entschärfen. Korrekte Nachrichten sollten sich über das Netz multiplizieren; diffamierende sterben von selber ab, wenn sie nicht aufgegriffen werden. Eine Art Selbstreinigungskraft des Internets.

Welche Rolle spielt die UNESCO?
Ich bin persönliches Mitglied der UNESCO, die sich intensiv mit Informationsethik beschäftigt. Die UNESCO ist sozusagen das öffentliche Gewissen, das durch Empfehlungen auf Regierungen und Medien einwirken kann. Nethics ist dabei, für seine Arbeit ein internationales Netzwerk aufzubauen, ein loser Verbund von Personen und Institutionen, die mit ähnlichen Aufgaben befasst sind.

Wird das den Mißbrauch verhindern?
Wir werden den Mißbrauch nicht gänzlich verhindern, weil wir die Gesellschaft nicht ändern können. Nethics ist ja nur in ganz kleines Rädchen im Ganzen, aber Konsequenzen sollte der informationsethische Diskurs schon haben.

Erschienen u. a. in der Berliner Morgenpost am 30.05.1999


Links:
(update 12.09.2003)

Medienkompetenz für Eltern & Kinder: www.internet-abc.de

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