Sprotten statt Sushi | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

Rüdiger Voßberg - Freier Journalist aus Berlin
bringt aktuelle und archivierte Artikel,
seinen Blick durch den LOMO-Sucher
sowie LINKS zur Presse für die Ungeduldigen

[ Home | Wissenschaft | Reiseberichte | Kultur | Multimedia | Lokales | Lomografien ]
[ Schlagzeile | Snooker-WM 2008 | Presse-LinksImpressum ]

Redaktion: Multimedia

Sprotten statt Sushi
Vorsicht Glosse! Ein absolut subjektiver Streifzug durch das Internet

Es ist Samstag Abend. Ein Telegramm kündigt vom überraschenden Besuch japanischer Geschäftspartner, und konfrontiert mich mit der Frage, was reicht man seinen Gästen aus dem fernen Osten. Etwas traditionelles, etwas heimatverbundendes? Die Stirne kraus fällt der Blick auf den Monitor. Sein Bildschirmschoner blubbert, treibt die Fische von rechts nach links. Fische? Genau! Sprotten! Sprotten statt Sushi und Küstennebel statt Sake. Norddeutsche "Traditschon". Echte.

Aber Berlin liegt nicht an der Ostsee, und die potenziellen Geschäfte für die schuppige Ware sind längst geschlossen. Bis Montag früh. Also, ein lokales Problem mit globalen Mitteln angepackt, denn das Internet kennt doch keinen Ladenschluss. Der erste Wurf: www.kieler-sprotte.de: Fehlanzeige; keine Fische sondern internationale Immobilien werden hier dreisprachig angeboten. Zum Beispiel ein Hotel-Restaurant mit Biergarten in Dresden, oder ein Kur-, Messe- und Kongresshotel in Karlsbad/Tschechien. Inklusive Restaurants und Nachtclub versteht sich. Weitere Auskünfte per Email. Big deal!

www.sprotte.de; diese Adresse ist zwar vergeben, aber noch residiert dort niemand mit sinnvollen Inhalten. kielersprotte.de ohne Bindestrich bringt mich nach Mettenhof, einem Kieler Stadtteil, aber kein Fischmarkt. Immerhin ist ein Link nach Eckernförde vorhanden, und die haben ja bekanntlich recht nah am Wasser gebaut. Aber wieder nur mit Zitronen gehandelt. Firma Ohms verkauft zwar Opel aber keine Grätlinge. Vielleicht kann man seine japanischen Partner ja mit einer Luxuskarosse beeindrucken? Nur so zum Spaß. Leider ist ein Ferrari Testarossa nicht im aktuellen Angebot. Wäre ja auch zu schön gewesen. Dafür Opel Astra F Baujahr 94, 110.000 Kilometer gelaufen für knapp 11.000 Mark. Keine kleinen Fische und Online-Kauf sowieso nicht möglich.

Die Zeit drängt. Die Japaner schweben womöglich schon über Moskau, und mein Fisch schwimmt noch in der westlichen Ostsee zwischen Maasholm und Fehmarn. Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden diese geräucherten Fische am Tage ihrer Verarbeitung in ihren typischen Holzkisten in alle Welt verbracht. Nur nicht über das Internet?

www.nordsee.com; hier riecht es schon verdammt nach Fisch. Und ich werde freundlich begrüßt: "Herzlich willkommen bei der NORDSEE! Mit den Konzepten Meeresbüfett, Restaurant, Snack Shop und Drive steht unser Name seit Generationen für gesunde Ernährung rund ums Meer." Aber so leicht, wird man nicht herein gelassen: "Um sich unsere Website anschauen zu können, benötigen Sie das aktuelle Macromedia Flash-Plugin." Ich will aber kein "Flash", ich brauche Fisch! Zweiter Versuch, jetzt mit Plugin: 400 Kilobyte hängen an der digitalen Angel. Der Seitenaufbau braucht seine Zeit, die ich nicht habe und plötzlich reißt die Schnur: Systemabsturz! Aber auch der zweite Besuch hat nicht gelohnt. Das Bild passt nicht auf den Schirm und Geschäfte sind nicht zu machen: Fische "en masse" aber von eCommerce keine Spur. Hier ist der Groschen noch nicht gefallen, und ich stochere noch immer im Nebel.

Ach ja, Küstennebel. Diesmal als Suchbegriff bei altavista.de eingeben. Nur 14 Treffer und prompt führt mich mein Weg durch das World Wide Web wieder nach Eckernförde. Internet - das globale Dorf - hier offenbart es sich. Aber auch dieser Hersteller betreibt kein Online-Marketing und präsentiert lediglich die vollen Flaschen. "Küstennebel Nordparade", eine CD für DM 29,95 ist das ernüchternde Suchergebnis bei Karstadts www.myworld.de. Platten statt Pullen. Die Datenbank der Lebensmittelabteilung im KaDeWe kennt weder die Sprotten noch den Schnaps. Dafür wird das Angebot der Woche offeriert: das Teegeschenkset "Sonnenblume" für 17 Euro. Ab in den virtuellen Warenkorb damit. Das wird wohl die Gunst meiner japanischen Freunde erobern müssen. Aber die echte Marktlücke bleibt: Nebel und Sprotten online! Na denn, Petri Heil.

Erschienen in I-Prom Heft 3/2000

oben        

© 1996-2016

SEO Berlin