Internetsucht: Gefangen im Netz | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Gefangen im Netz
Exzessiver Internetkonsum ist die Folge psychischer Erkrankungen

Für Edgar Z. ist der Kampf vorbei. Nächtelang tauchte der 46-Jährige in die dimensionslosen Räume des Online-Spiels „World of Warcraft“ ab. Seinen Job als Industriekaufmann hatte er bereits wegen der vielen Fehlstunden verloren. Kürzlich wurde auch die Räumungsklage vollzogen und Z. in die Psychiatrie eingewiesen. Auf ihn wartet jetzt ein ganz anderer und schmerzvoller Kampf zurück in die Realität.

„Die Zahl der psychotherapeutischen Behandlungen bei exzessivem oder süchtigem Computerspielverhalten ist in den letzten Jahren stark angestiegen", warnt der psychologische Leiter der neuen Spielsucht-Ambulanz am Klinikum der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Klaus Wölfling. Und aufgrund der noch fehlenden gesundheitspolitischen Anerkennung des Störungsbildes „Computerspiel- bzw. Internetsucht“ bestehe hier eine Versorgungslücke im psychotherapeutischen Angebot.

Diese Situation soll die neue Ambulanz an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie ändern. Dabei werden im Rahmen eines Modellprojektes erstmalig in Deutschland ambulante Gruppentherapien für Computerspiel- und Internetsucht für Jugendliche sowie junge Erwachsene angeboten.

„Die Internetabhängigkeit ist ein Symptom anderer psychischer Erkrankungen“, erklärt dazu der oberärztliche Leiter der Poliklinik I an der Medizinischen Hochschule Hannover Bert te Wildt. Der Psychiater und Psychotherapeut betreut derzeit 30 Patienten aus dem gesamten Bundesgebiet, von denen bereits 80 Prozent ein depressives Syndrom aufwiesen, bevor sich eine Internetabhängigkeit entwickelt hatte. Andere häufige Erkrankungen in diesem Zusammenhang sind Angsterkrankungen sowie Persönlichkeitsstörungen.

Insbesondere Internet-Rollenspiele wie „World of Warcraft“ zeigen ein hohes Suchtpotential, sagt Psychiater te Wildt. In diesem Fall sind es Kampf, Kameradschaft und nicht zuletzt die Romantik der Pseudoabenteuer, die die Spieler immer wieder in die bunte Parallelwelt locken. Aber die programmierten sozialen Strukturen bieten nur scheinbar einen Halt, während rings herum die Welt zusammenbricht. Die ursprünglichen psychischen Erkrankungen können durch den exzessiven Internetkonsum auch noch verstärkt werden.

Nicht die Zeitdauer, die ein Spieler vor dem Computer verbringt, sei aber entscheidend für die Klassifizierung Sucht, sagt te Wildt. Sondern vielmehr sind es die sekundären Folgen, mit denen der Abhängige immer tiefer in den Strudel gerät: Er beginnt zu lügen, Familie und Freunde werden vernachlässigt. Schließlich spielen menschliche Kontakte eines Abhängigen kaum eine Rolle mehr in seinem Leben; die schleichende Verwahrlosung beginnt.

Erst beim Internetentzug wird die eigentliche Erkrankung offenbar. „Aber bei schwerer Abhängigkeit ist ein Sofortentzug nicht sinnvoll“, warnt der Psychiater. Danach könnten die Patienten noch tiefer in ihre Depressionen stürzen, was im Extremfall mit dem Suizid endet.

Oft könne das Suchtmittel aber gar so nicht leicht definiert werden, sagt te Wildt. Beim Glücksspiel ist es der schnelle Geldgewinn. Aber beim exzessiven Surfen? Fachleute spekulieren schon lange darüber, ob die zunehmende Verlagerung des privaten und beruflichen Lebensalltags auf eine virtuelle Ebene, auch zu Computer- und Internetsucht führen könnte.

„Mit der Veränderung der Gesellschaft verändern sich auch ihre Krankheitssymptome“, konstatiert te Widlt. Ganze Lebensbereiche verlagern sich in virtuelle Bereiche, so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Krankheitssymptome ihnen folgen. Der Psychiater hat dieses spezielle Suchtphänomen als „ soziologisches Langzeitproblem“ deklariert.

Und er sieht die Problematik in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang: „Warum immer mehr erwachsene Menschen aus der konkreten Welt, in der sie sich offensichtlich narzisstischen Kränkungen ausgesetzt sehen, den depressiven Rückzug in eine infantile digitale Fantasiewelt antreten, um dort die Helden zu spielen?“ Die Helden, die sie im realen Leben nicht sein können.

Erschienen in der Saarbrücker Zeitung am 31.3.2008

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