Internetspione - Überwachung am Arbeitsplatz | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Multimedia

Schnüffeln ist Chefsache
Überwachung am Arbeitsplatz: Programme spionieren Mitarbeiter aus

Das Internet hat die Arbeitswelt der Unternehmen und Behörden erobert. Aber dieser technische Fortschritt birgt auch Probleme: Wenn die Mitarbeiter das private Surfenvergnügen übertreiben, anstößiges oder kriminelles Datenmaterial auf die Festplatte der Arbeitgeber laden und dabei zusätzlich den betrieblichen Datenverkehr in die Knie zwingen.

Ein verantwortungsloses Handeln am PC kann auch unangenehme Konsequenzen haben. So hatten Bedienstete der Bayerischen Staatskanzlei Ausflüge ins virtuelle Rotlichtmilieu unternommen, und die unsichtbaren Spuren im Netz führten die bestellten Datenwächter direkt vom Cyberpuff in die Amtsstube. Die Internetabfrage “Sex” habe sie verraten, so ein Sprecher der Staatskanzlei. Gegen die zwölf Beamten wurden inzwischen “dienstrechtliche Maßnahmen” eingeleitet. Sogar das Bundespräsidialamt ist angeblich vom Schmuddelsurf betroffen. Dort soll ein Mitarbeiter pornografische Bilder auf seiner Festlatte gespeichert haben. “Ein dienstlicher Nutzen dieser Bilder ist nicht erkennbar”, so der Chef der Datenverarbeitung, Hubertus Rybak.

Schnüffelprogramme wie Netbus oder Investigator überwachen die Mitarbeiter am PC; sie zeichnen auf wann der Rechner eingeschaltet wird, wie lange er läuft, welche Programme oder Dateien aufgerufen werden. Diese Software registriert jeden Tastendruck: erkennt die heimliche Surftour ins Internet, genau so wie den simulierten Flug mit dem Helikopter. Bei Bedarf wirft sie auch einen Blick in den elektronischen Briefkasten. Protokolle verraten alles. Für hinterhältige Kollegen oder wissbegierige Chefs ein wahres Paradies in der vernetzten Welt und ein Furcht erregendes Horrorszenario für jeden anständigen Datenschützer zugleich.

Dass solche Programme nicht auf die falschen Festplatten geraten, ist eine Aufgabe des unabhängigen Datenschutzbeauftragten. An der Humboldt-Universität (HU) wacht André Kuhring über einen korrekten Datenstrom von einer Million Zugriffen pro Stunde der etwa 22 000 PC-Nutzer. Er ist Jurist und vor Ort der gesetzliche Vertreter des strengen deutschen Datenschutzrechtes . Die Paragrafen sollen einerseits den Eingriff in die Privatssphäre verhindern aber auch unter gewissen Umständen erlauben. Nur mit Einwilligung der Betroffenen dürfen die Erkenntnisse aus den Protokolldateien verwertet werden.

“Alle Studenten, Wissenschaftler und Angestellten müssen eine Einverständniserklärung unterschreiben, dass im Notfall ihre Daten verwertet werden dürfen”, sagt Kuhring. Und ohne Unterschrift kein Computerzugang. Jeder Teilnehmer ist bei Bedarf eindeutig identifizierbar, auch wer sich extern über eine Modemverbindung ins HU-Netz einwählt. Aber nur in zwei Fällen dürfen an der HU anonyme Protokolle und Dateien personifiziert werden: bei Havarie und bei Verdacht auf strafbare Handlungen.

Havarie wäre zum Beispiel ein eingeschlepptes Virus, dass das Immunsystem der Computer und ihrer Programme nachhaltig bedroht. Die Rückverfolgung des Störenfrieds ist einfach. Aber wie entdeckt man strafbare Handlungen im anonymen Datenverkehr? “Auffälligkeiten”, antwortet Kuhring. Der Transport großer Datenmengen zu den selben Plätzen oder mit der selben Zugangsberechtigung zu bestimmten Zeiten. Da schrillen die Alarmglocken der programmierten Helferlein, meistens aber fehl. Trotzdem: sechs Fälle von Kinderpornografie wurden dieses Jahr schon dem Staatsanwalt angezeigt.

Aber ein pauschales Ansinnen übereifriger Chefs, dem Mitarbeiter X doch einmal auf die Festplatte zu schauen und bei seinen Netzaktivitäten zu beobachten, werden vom Datenschutzbeauftragten begründet abgelehnt. “Das ist immer eine Sache zwischen mir und den betroffenen Mitarbeitern”, stellt Kuhring klar. Das gehe niemand anderen etwas an. Wird ein Spitzelprogramm entdeckt, verschwindet es sofort. Außerdem gilt: Illegal erlangte Beweismittel können nicht verwendet werden. Das ist aber nur ein schwacher Trost für die Betroffenen, wenn der Betriebsfriede futsch ist.

Bei dem Softwarespezialisten SAP regiert relative Freizügigkeit beim Datenverkehr. “Wir setzen auf Vertrauen und nicht auf Kontrolle”, konstatiert der Unternehmenssprecher Markus Berner. Private Email und Internet-Nutzung seien bei SAP erlaubt. Jedoch erhält jeder Vorgesetzte monatlich eine quantitative Analyse des Datendurchsatzes seiner Mitarbeiter. Dies ermögliche bei Ausreißern, die “weit über dem Durchschnittswert” liegen, gegebenenfalls nachzufragen, so Berner.

“Auch wer seinen Mitarbeitern die private Nutzung des Internets stillschweigend erlaubt, macht sich selbst zum Provider und unterliegt dem Teledienstgesetz”, erklärt der Referent für Telekommunikation und Medien beim Datenschutzbeauftragten des Landes Berlin, Sven Mörs. Heißt im Klartext, dieses Gesetz regelt, was gespeichert werden darf und nicht die Vorgesetzten. Für private Emails gilt das Fernmeldegeheimnis. “Wenn private Emails gestattet sind, muss es rechtlich so geregelt sein, dass diese auch nur vom Empfänger gelesen werden können”, sagt Mörs.

Damit Gewissenskonflikte erst gar nicht aufkommen, rät der Informatiker “vor einer Überwachung andere technische Möglichkeiten zu nutzen”. Filtersoftware. Sie blendet alles aus, was man als unerwünscht deklariert. Solche Tools sind schon ab Werk mit einer Negativliste von über Hunderttausend URLs ausgestattet, die wöchentlich locker um einige 1 000 weitere aufgestockt werden können. Laut einer Studie der Nielsen Media Research verbrachten alleine die Mitarbeiter von IBM, Apple und AT&T 1996 während nur eines Monats über 1 600 Arbeitstage auf der Website des Männermagazins “Penthouse”. Mit Filter wäre das nicht passiert.

Auch die Verwaltungsangestellten der HU erhalten nur einen zensierten Ausschnitt des Internets. Zusätzlich wird ihnen das Surfen vermiest, in dem die Cookiewarnung nicht deaktiviert werden kann. Sie müssen den nervenden Cookie-Regen ertragen. Wissenschaftler und Studenten hingegen genießen auf Grund ihrer forschenden Tätigkeit einen uneingeschränkten Webzugang.

Es lässt sich aber auch ohne spezielle Blocking-Software filtern. Die amerikanische Softwarefirma Heartsoft bietet einen Browser an, der nach eigenen Angaben anstößige Bilder mit einer Trefferquote von 96 Prozent erkennt und nicht auf die Festplatte speichert. In dem Werkzeug arbeitet eine Bildverarbeitungssoftware, die die amerikanische Raumfahrtagentur NASA für das SDI-Projekt entwickelt hat. Softwarelösungen sind kein Allheilmittel gegen unerlaubte Webreisen. Und schon gar nicht kostenlos, denn einmal installiert, müssen sie ständig aktualisiert werden. Schutz vor den Sperenzien der Mitarbeiter kann auch ein motiviertes Arbeitsklima bieten. Oft sogar viel billiger.

Erschienen u.a. in der Berliner Morgenpost am 29.01.2000

Die LINKs zum Text:
http://www.datenschutz-berlin.de/
http://www.heartsoft.com/
http://www.sap-ag.de/
http://www.bayern.de/
http://www.dud.de/

Buchtipp:
Internet - Schöne neue Welt? - Der Report über die unsichtbaren Risiken von David Rosenthal, Orell Füssli Verlag, Preis: 20 Euro

Links:
(update 30.10.2009)

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