Fernseher oder Computer oder beides | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Multimedia

All in 1 bedeutet nicht 1 for all
Home-Multi-Media: Faxen, E-Mailen und Surfen aus dem Fernsehsessel

"Schauen Sie einmal!". Der Präsentator am Messestand von Loewe Opta zwingt den elektronischen Pfeil mit der Fernbedienung langsam in den oberen linken Bildschirmrand. Wo eben noch der Werbespot einer Versicherung flimmerte, zeigt der Xelos@media nun die Bedienoberfläche eines Internet-Browsers, dem "Sesam-Öffne-Dich-Programm" für die Multimediawelt. Das 16:9 Format auf der 70 Zentimeter Diagonale schrumpft augenblicklich auf ein 4:3 Format, und das laufende Fernsehprogramm erscheint in einem kleinen Fenster rechts daneben. "Erinnern Sie sich noch an die Internet-Adresse, die im Werbespot eingeblendet wurde?", mahnt der freundliche Moderator. Wenn der Zuschauer es wolle, könne er sich nun ganz einfach über den ISDN-Zugang aus dem Internet sofort weitere Informationen zum Thema einholen. Klick. Er kann im Spiegel blättern, oder gar eine Flugreise buchen: der Loewe-Channel macht es möglich.Mit einer Settopbox flatter das Internet in die Wohnstuben

Per Infrarot- Fernbedienung oder -tastatur wird das 100 Hertz Gerät wahlweise zum Computermonitor mit allen Online Funktionen oder zum ordinären Fernsehgerät mit Sendeschluß. Das Zwitterdasein offenbart sich erst, wenn eintreffende E-Mails ins laufende Programm als Untertitel eingeblendet werden. Die Reise vom Sessel in das Internet kostet bei Loewe Opta mit dem billigsten TV-Online - 60er Diagonale ohne PC und Speichermöglichkeit - knapp 4.000 Mark. Der Xelios@media TV-Active - ausgerüstet mit einem 16 Megabyte RAM/166-Megahertz-Prozessor, einer 2 Gigabyte-Festplatte und diversen Windows Applikationen - wird ab 6.600 Mark im Handel erhältlich sein. Während Loewe Opta das Käuferprofil in dem "normalen Fernsehzuschauer ohne PC-Ambitionen" zu erkennen glaubt, sucht der japanische Konkurrent Sanyo in Europa noch die entsprechende Klientel.

Albrecht Gasteiner, PR-Manager bei Sanyo, bezeichnet Home-Multimedia-Geräte als "eierlegende Wollmilchsäue", deren Marktnische in Europa erst zu bestimmen sei. Für ihn ist das Internet via Fernsehschirm nichts anderes als "Videotext hoch zehn". Darum zeigte Sanyo lediglich einen Internet-Fernseher, den 28WNT1 mit Flatsquare Bildröhre im 16:9 Format und NTSC-System, also nicht für den deutschen Markt geeignet. Zunächst nur in den Regalen japanischer Kaufhäuser angeboten, sei eine Einführung des Gerätes in Europa auch noch nicht absehbar, so Gasteiner.

Desgleichen regiert bei Sharp mehr die Skepsis denn sonnige Euphorie. Stephan Daasch, Produktmanager Farbfernsehen, nennt eine Hürde zum Erfolg: "Die Preisdifferenz zwischen einem normalen TV und einem vergleichbaren Internet-TV darf nicht höher als 800 Mark sein." Der Network-Vision von Sharp mit einem 16:9 VGA-kompatiblen 32-Zoll-Bildschirm kostet in Japan umgerechnet etwa 5.000 Mark. Laut Daasch werden dort zirka 2.000 Geräte pro Monat verkauft; eine europäische Version des Network-Visionwerde aber nicht vor Ende 1998 zu erhalten sein. Bis dahin sollten die Entwickler auch den Komfort der Online-Funktion verbessern: Denn E-Mails lassen sich nur mit der Fernbedienung und einer virtuellen Tastatur mühsam Buchstabe für Buchstabe erstellen. Diese Daumenfolter dürfte kaum jemanden aus dem Fernsehsessel auf die Datenautobahn beamen. Eine Tastatur als Qualitätsgewinn gehört nicht zum Set. Ferner kann man bei dem vorgestellten Modell E-Mails auch nur beantworten und nicht - wie vom PC gewöhnt - initiativ schreiben.

Alle 100 Hertz-Geräte des oft totgesagten, ostdeutschen Fernsehgerätehersteller RFT erhalten über eine Schnittstelle, die Anschlussmöglichkeit für jeden handelsüblichen Computer. Die "ausgeklügelte Ablenktechnik" schafft eine flimmerfreie Monitorfunktion in VGA oder sogar in S-VGA Qualität: 60 Hertz Vollbild (72 Zentimeter Diagonale) mit 800 mal 600 Pixeln ohne Zeilensprungverfahren. Zusammen mit dem Computerhersteller Halcom bieten die Staßfurter auch Komplettlösungen an. Als Zukunftsvision denkt man bei RFT an einen integrierten Netzcomputer, der dann von einem externen Server immer die aktuelle Software erhält.

Nach einem Systemabsturz muss die Symbiose aus PC und TV der Firma METEC mit einer sogenannten "recovery-CD" neu initialisiert werden. Die persönlichen Daten bleiben aber aufgrund der partionierten Festplatte erhalten. Sonst leistet das Gerät alles, was auch seine Konkurrenten auszeichnet. Den 45 Kilogramm schweren ComViTel gibt es ab 5.700 Mark seit einem Jahr im Handel. Firmengründer Rainer Kauselmann: "Nach der Funkausstellung werden wir unsere Jahresstückzahl von 3.000 Geräten wohl verdreifachen müssen!" Es herrscht Aufbruchstimmung in der Multi-Media-Szene, die die sonst so aufgeweckten japanischen Mitbewerber verschlafen könnten.

Erstveröffentlichung in der Märkischen Allgemeinen Zeitung am 22.09.1997

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(update 27.02.2004)

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