Google gegen den Rest der Welt | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Google gegen den Rest der Welt
Die Kult-Suchmaschine gerät ins Stocken: Spam verstopft die Info-Kanäle. Gerichte verderben die Werbegeschäfte.

Vielleicht ist es mit dieser Freiheit bald vorbei! Suchbegriff in die Eingabemaske getippt und abgeschickt; herummosern, wenn das Ergebnis nicht gleich zack zack auf dem Monitor erscheint. Hey, Google kennt über vier Milliarden Dokumente auswendig und markiert auf Befehl in wenigen Millisekunden die entsprechenden Textstellen in zehn verschiedenen Ergebnissen gleichzeitig. Und Millionen Internet-Nutzer finden es selbstverständlich, dass diese Meisterleistung der Programmiervirtuosen auch noch kostenlos und always online ist. Völlig normal und ohne schreiende Werbebanner.

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Die Anzeigen, kleine Kästchen, Mal grün, Mal zart rosa unterlegt erscheinen am rechten Bildschimrand. Achtet darauf, ihr verwöhnte Nutzerschar, denn so finanziert Google zum Teil seinen Internetdienst. Adwords heißt diese unaufdringliche Form der Propaganda und weltweit über 100.000 Kunden machen davon Gebrauch. Mindestpreis: fünf Cent pro Wort und Mausklick.

Die Anzeigenpreise ändern sich permanent und hängen letztlich von der Höhe der Klickrate ab. So kann es sein, dass ein auf Platz Eins stehender Werbetreibende weniger zahlt als sein Mitbewerber auf Platz Zwei, weil die erstplatzierte Anzeige öfter angeklickt wird. Ein Beispiel: Der Begriff "Versicherung" kostet momentan für eine Platzierung unter den ersten zwei Werbeanzeigen knapp zwei Euro pro Klick. Viel Geld für vier Zeilen.

Jeder Werbetreibende darf seine Anzeigen selbst formulieren. Google unterstützt seine Kunden mit dem "keyword suggestion tool" tatkräftig dabei und schlägt bei Bedarf auch schon einmal fremde Markennamen zu Werbezwecken vor. So gelingt es zum Beispiel der Comsol AG mit dem Begriff "SAP" für das konkurrierende Microsoftprodukt "Navision" zu werben. "Navision statt SAP" lautet der provozierende Slogan bei Google.

Google Adwords: Navision statt SAP

Ausschlaggebend für die Schaltung einer Anzeige sei nur die Relevanz zwischen dem Anzeigentext und dem Inhalt der verknüpften Website, bestätigt Birgit Pahl, Adword Managerin von Google Deutschland. Markenrechte werden nicht geprüft. Schließlich könne jeder Warenzeichen-Eigentümer eine Beschwerde an Google schicken, und dann werde die betreffende Anzeige selbstverständlich gelöscht. Die Rechtsabteilung von SAP mag ihren Fall vielleicht anders beurteilen.

Und Google könnten diese Klicks bald teuer zu stehen kommen, denn ein Gericht in Frankreich hat den kalifornischen Suchmaschinenbetreiber bereits zu einer Strafe von 75.000 Euro verurteilt. Grund: Bei der Eingabe eines Markennamens in das Suchfeld wurden neben den Ergebnissen auch Anzeigen aufgelistet, die den geschützten Begriff in ihre Reklame eingebaut hatten (SAP'ler aufgepasst!). Der Inhaber des eingetragenen Markennamens "Bourse des Vols" (etwa: "Markt der Flüge"), eine Internet-Reiseagentur, hatte gegen Google geklagt. Das Unternehmen wollte verhindern, dass bei einer Suche des eigenen Namens auch die Werbebanner von Konkurrenzunternehmen angezeigt werden. Google hat natürlich Widerspruch eingelegt.

Auch in Deutschland gerät Google jetzt in das Fadenkreuz der Justiz: Das Hamburger Landgericht hat in einem aktuellen Beschluss Google.de verboten, weiterhin Werbeanzeigen für den Begriff "Preispiraten" zu schalten, wenn deren Link auf die Domain preisserver.de verweist. Bei Nichtbefolgen droht eine Strafe von 250.000 Euro oder sechs Monate Ordnungshaft. Die Domain preisserver.de wurde als Plagiat der Website preispiraten.de gestartet. Die Piraten-Werbung hat Google inzwischen geentert.

Aber das wird nicht der letzte Rechtsstreit gewesen sein. Und spätestens, wenn sich hierzulande die Juristen auf Google eingeschossen haben, braucht es eine Grundsatzentscheidung. So wie der Bundesgerichtshof (BGH) vor zwei Jahren in einem Grundsatzurteil die deutsche Vergabestelle für de-Domains (Denic) davon freigesprochen hat, bei der automatischen Registrierung eines Domainnamens auch noch eine potentielle Markenrechtsverletzung zu prüfen.

Der BGH begründete sein Urteil damals auch damit, dass die Aufgabe der Domainregistrierung "im öffentlichen Interesse" liege und die Denic diese Aufgabe nicht mehr in der "gewohnt effizienten Weise erfüllen" könne, "wenn sie verpflichtet wäre, in jedem Fall, in dem ein Dritter eigene Rechte an einer registrierten Domain-Bezeichnung geltend macht, in eine rechtliche Prüfung einzutreten".

So eine ähnliche BGH-Entscheidung könnte auch Google.de (und andere deutsche Suchmaschinen-Betreiber) aus dem Schlamassel retten, wenn das Gericht diese öffentliche Aufgabe zur freizugänglichen Informationssuche anerkennt und deren Finanzierung als notwendiges Übel dafür akzeptiert. Und wenn nicht? Und der Rest der Welt? Lastschrift per Keyword für den globalen User? Eher nicht. Suchen im Abonnement? Schon wahrscheinlicher. 1.000 mal auf Google suchen für nur neun Euro 90. Auf jeden Fall: Dann zahlt die verwöhnte Nutzergemeinde die Zeche. Schließlich gibt es Freibier ja auch nicht maßlos auf dem Oktoberfest, oder? Völlig normal!

Erschienen u.a. auf zdnet am 11.12.2003

Noch'n Text zu Google & Co

Links:
(update 19.01.2009)

"Google muss zahlen" mehr >>>
"Preispiraten: Klage gegen Google zurückgewiesen" mehr >>>
"Playboy klagt gegen AOL" mehr >>>
"Google in den USA vor dem Kadi" mehr >>>
"Suchmaschinen vielleicht besser verstehen mit Hilfe der Suchfibel

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