Fin Fin - ein virtuelles Haustier aus dem PC | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Fin Fin - „lernfähiges Haustier” aus dem PC
Virtuelles Haustier: Tamagotchis Urenkel lebt

Kai starrt gebannt auf den Bildschirm. Zögernd greift er zur kleinen Pfeife und bläst einen schrillen Ton aus ihr heraus. „Wann kommt er denn endlich?”, fragt der achtjährige Bub ungeduldig seine Mutter, die ihm zweifelnd über die Schulter blickt. „Da, da!” kreischt der Filius plötzlich. Fin Fin.

Ein blaugrünes, faltenloses Cyberwesen schwebt aus den Tiefen der Programmiererwelt heran, setzt sich auf einen Ast und grinst neckisch aus dem Computer. Die Entwickler von Fujitsu tauften ihre Kreation „Fin Fin”, die durch eine Synthese aus Flipper dem Delphin und der Marionette Urmel aus dem Eis entstanden sein könnte.

Der Lebensraum von Fin Fin - also die Bedieneroberfläche für Kai - ist der Zauberplanet Teo, der ausgestattet mit üppiger Vegetation, etwa den Tropen vergleichbar sein soll. Tatsächlich generiert das Spiel auch Sonnenuntergänge, Regenfälle und Temperaturwechsel. Es simuliert einen 365 Tagesrhythmus, wie auf der Erde. Zeitgeber für Teo ist die Systemuhr des Rechners. Die Entwickler statteten Fin Fin mit zahlreichen Begabungen aus: er beherrscht 60 verschiedene Melodien, eine umfassende Palette waghalsiger, akrobatischer Flugkunststücke, lässt Früchte gekonnt auf seiner Nase tanzen und fühlt sich zudem auch noch im Wasser wohl. Angesichts dieser übermächtigen Omnipotenz verweigert jeder Kanarienvogel seinen fröhlichen Gesang.

Die digitale Evolution lässt Fin Fin als friedlichen Teo-Bewohner die Ahnenreihe seines gefräßigen Ururgroßvaters Tamagotchi fortsetzen. Jedoch überfüttern kann man ihn nicht. Mit sogenannten Lemofrüchten, die per Tastatur angeboten werden, soll Kai die „Zuneigung” seines Partners auf dem Bildschirm erlangen. über das mitgelieferte Mikrophon kann er ihn ansprechen, was bei Kais erster Begegnung zunächst nur scheues Stirnrunzeln verursachte. Das Spiel mit der Pfeife gelingt schneller, kann aber auch schnell die Unbeteiligten nerven.

Außerdem ist es völlig egal, was Kai ins Mikrophon singt, grummelt und schreit. Ob er nun sagt „1860 München wird Deutscher Meister” oder „Gerhard Schröder bleibt Kanzlerkandidat”. Ganz egal, Fin Fin versteht nix, denn er hat ja gar keine „sichtbaren” Ohren. Hätte er welche, müsste er ja sämtliche Sprachen der Welt verstehen!

Das Kunstwesen lasse sich nicht durch Knopfdruck „dressieren”, sondern es reagiere emotional und nicht vorherstimmbar, informiert Fujitsu alle Jungpädagogen. Fin Fin lerne dazu und könne sich allmählich an seinen menschlichen Partner gewöhnen; laute Stimmen und ungewohnte, hastige Bewegungen können diesen Fortschritt in der Beziehung aber wieder zunichte machen. Lernziel sei der geduldige Umgang, aus einem anfangs scheuen Wesen durch Zuwendung einen treuen Freund werden zulassen. Und wenn Kai mit seinem Erziehungsplan nicht erfolgreich gewesen ist, kann er die Software ja wieder neu installieren.

Acht Jahre Entwicklungszeit und über 70 Millionen Dollar Forschungsgelder investierte Fujitsu in das Projekt, um einen „believable agent” (glaubwürdigen Vertreter) auf dem Sektor „Artificial Intelligence” (AI, künstliche Intelligenz) zu erhalten. Fin Fin repräsentiert die erste Generation, die Fujitsu zusammen mit Forschern der Carnegie Mellon University hervorgebracht hat. Apple-User müssen oder dürfen (noch) auf das Abenteuer mit Fin Fin verzichten. Das System erfordert einen PENTIUM-Rechner mit mindestens 75 MHz, 16 MB Ram, 8 MB Speicher auf der Festplatte, eine 16-Bit-Sound-Blaster kompatible Soundkarte sowie einen Mikroeingang. Die Reise nach Teo kostet dann 99 deutsche Mark.

Erstveröffentlichung am 10.11.1997 in der Märkischen Allgemeinen Zeitung

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(update 08.11.2007)

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