Mit dem Bildschirmschoner Außerirdische suchen | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Multimedia

"Haste mal 'ne CPU?"
Mit dem Bildschirmschoner arbeitet der Heimcomputer im Dienste der Wissenschaft

Keine Parteispenden; keine Affären. Die CPU heißt "Central Process Unit" und ist das Rechenhirn von Computern. Auf Heimcomputern chronisch unterfordert, behaupten Experten. Sie schätzen, dass ein durchschnittlicher Pentium-III-Nutzer gerade einmal fünf Prozent seiner digitalen Rechenkraft ausbeutet. Dieses brachliegende Potenzial zapften amerikanische Wissenschaftler Ende der 90er Jahre für ihre Forschungen an. "Distributed Computing" (Verteiltes Rechnen) lautet der Fachbegriff und meint den Zusammenschluss hunderttausender über den gesamten Globus verteilter Computer, die gemeinsam eine komplexe Aufgabe bewältigen.

Search for Extraterrestrial Intelligence" - kurz SETI- ist so eine verschworene Klasse. Und ein Projekt amerikanischer Astronomen, die mit ihrem Radioteleskop nach außerirdischen Leben suchen. Der Klang von Milliarden von Galaxien liefert rund 35 Gigabyte Datenstoff pro Tag. Um auch die schwächsten Signale zu erkennen, bedarf es deshalb eines monströsen Supercomputers. Das Geld für solche Rechengiganten war aber nicht vorhanden. Das brachte die Wissenschaftler auf die Idee, statt eines einzigen riesigen Rechners viele kleinere Computer zu nutzen, auch wenn diese wesentlich mehr Zeit dazu benötigen. So entstand das Projekt “SETI at home”.

Das Forscherteam entwickelte eine Software, um Alienfreunde aus aller Welt via Internet an der Suche zu beteiligen: den rechnenden Bildschirmschoner. Und von nun an war die Schonzeit für sinnlose Animationen wie fliegende Toaster oder blubbernde Fische beendet. Es gilt die RAM-Parole, in den Arbeitspausen ackert der Heimcomputer für die Wissenschaft. Jedesmal wenn der Bildschirmschoner anspringt, werden die Rohdaten aus dem Universum analysiert und anschließend den SETI-Forschern zurückgeschickt.

Fast 23 Stunden Rechenzeit benötigt zum Beispiel ein iMac mit 400 MHz Taktfrequenz für ein kleines Häppchen Alienkost. Und dann gibt's das nächste. Knapp 2,9 Millionen Internet-Nutzer beteiligen sich bereits mit ihren Computern an der Jagd nach den Außerirdischen und schufen so den stärksten Rechner der Welt: Nahezu 600.000 Jahre Rechenzeit spendete diese Fangemeinde der SETI-Forschung. Ruhm und Ehre gebührt denjenigen, deren CPU "lebendige Signale" aus dem komischen Datenstrom herausfiltern werden.

Nicht fremde Geschöpfe finden, sondern künstliche kreieren, will das Projekt Golem@home (Golem = Genetically Organized Lifelike Electro Mechanics). Zwei Informatiker der Brandeis Universität in Waltham, Massachusetts/USA haben Roboter konstruiert, die sich unabhängig von Menschen selbstständig reproduzieren und weiter entwickeln können. Nun soll sich diese automatische Evolution auch auf den heimischen Computern fortpflanzen. Ist Golem erst einmal aktiv, schafft es ständig neue Körper und Gehirne. Die Teilnehmer können ihre Cyberwesen sogar über das Internet austauschen und in anderen CPUs weiter gedeihen lassen. Die Wissenschaftler wollen auf diese Art und Weise ihre Roboter besser und stabiler machen. Rechenkraft für Fortpflanzung ist auch das Motto von evolution@home. Es soll komplexe Simulationsaufgaben auf viele PCs verteilen und sich mit dem Aussterben bedrohter Tierarten beschäftigen. Aber die Software dafür wird noch entwickelt.

Völlig dem schnöden Mammon unterworfen, bieten die Macher von MoneyBee einen Bildschirmschoner, der den Kursverlauf von Aktien prognostizieren soll. Das Analyseprogramm berechnet aus den Zahlenkolonnen der Vergangenheit Tendenzen für die Zukunft. "Dafür wird ein Programm benützt, das in der Lage ist, zu lernen", erklärt Till Mansmann vom Geldbienenteam. Die durchschnittliche Trefferquote liegt zur Zeit bei 60 Prozent, im Einzelfall auch schon einmal 75 Prozent. "Ein Aktiencrash lässt sich aber genau so wenig vorhersagen wie ein Meteoriteneinschlag!", bemerkt Mansmann. MoneyBee hat seit dem Start im September letzten Jahres rund 8.000 angemeldete Nutzer, die zusammengefasst täglich etwa 2.600 Proben in den Bienenstock liefern. Und die emsige Gemeinde wächst weiter: künftig sollen auch Linuxfreunde am Börsenorakel teilhaben können. Zur Belohnung gibt es die Analyse gratis, diese dann aber ohne Garantie auf Gewinn und Reichtum.

Nicht für Kohle sondern für die Gesundheit arbeitet das Programm von Popular Power. Gegen Husten, Schnupfen, Heiserkeit kalkulieren dort die Bits und Bytes, und mehr als 10.000 Rechenhirne schuften gegen die Viren. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Grippeforscher erhoffen sich, mit diesen globalen Ergebnissen die Impfstoffe zu verbessern. Apropos globale Ergebnisse: Wer wissen will, wann in London in die Gondeln Trauer tragen, sollte sich und seinen Computer dem Projekt Casino 21 britischer Klimaforscher anschließen. Damit wollen die Wissenschaftler von der Oxford Universität genauere Angaben über die Klimaentwicklung der kommenden fünf Jahrzehnte erfahren: Mit Hilfe der sogenannten Monte-Carlo-Methode sollen die Vorhersagen objektiver werden.

Bislang galt dieses Verfahren in der Klimaforschung als nicht realisierbar, weil es eine enorme Rechenleistung voraussetzt. Selbst aktuelle Supercomputer würden jahrzehntelang an dieser Aufgabe knabbern. Via Internet verteilt sich jene Rechenlast nun auf verschiedene Motherboards. "Etwa acht Monate effektive Rechenzeit wird ein moderner Heimcomputer für ein Modell benötigen", schätzt der Projektkoordinator Dave Stainforth. Über 17.000 Nutzer warten nun auf die Software, die noch dieses Jahr veröffentlicht werden soll.

Für den Kampf gegen den Krebs hat die Firma Parabon bereits eine Software entwickelt, die schon auf mehr als 15.000 Computern in 75 Ländern genutzt wird. Waren es bisher nur Windows-Betriebssysteme, die diesen losen Verbund in die Rangliste der 100 stärksten Rechner der Welt brachte, sollen bald auch Linux- und Unixversionen folgen. Kommerzielle Projekte aus dem Hause Parabon verteilen leistungsintensive Berechnungen der Pharmaforschung, Luftfahrt- oder Biotechnik auf viele tausend kleine Pakete und beliefern damit die CPU-Spender in aller Welt. Vielleicht wird zukünftig der eine oder andere Internet-Nutzer mit seinem Heimcomputer sogar noch ein paar Euro oder Dollar machen können.

Erschienen u.a. im Hamburger Abendblatt am 03.04.2001

Links:
(update 03.07.2006)

"BOINC statt SETI" mehr >>>
"Außergewöhnliche Signale von Außerirdischen?" mehr >>>

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