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Es muss nicht immer Ebay sein!
Deutsche Behörden versteigern beschlagnahmte oder ausgediente Gegenstände im Web

Das könnte ein echter Renner werden: Ein Daimler Chrysler SL 500, Typ Roadster, Baujahr 2004, schwarz-metallic, Automatikgetriebe mit knapp 113 Tausend Kilometern auf dem Tacho. Nach 17 Geboten liegt das höchste derzeit bei 34.600 Euro, und die Auktion endet erst in gut acht Tagen. 5.200 mal wurde die Versteigerung der Vollstreckungsabteilung der Stadt Köln bereits aufgerufen. Nicht bei Ebay. Von wegen: die deutschen Behörden haben ihr eigenes Online-Auktionshaus.

„Geplant war das so zunächst nicht“, erklärt Wolfgang Scheid. Gemeinsam mit 13 Kollegen kümmert sich der Zolloberamtsrat in Neustadt an der Weinstraße um den Web-Auftritt des deutschen Zolls. Was vor etwa sieben Jahren als amtliche Ankündigungsplattform für regionale Behörden aufgebaut wurde, hat sich mittlerweile zu einem florierendem Auktionshaus gemausert.

Zirka 1.400 Behörden - vom Deutschen Bundestag bis zur kleinsten Kreiskasse - bieten unter dieser Web-Adresse jetzt ihre beweglichen Sachen öffentlich an. Meistens wurden diese Gegenstände zuvor von Finanzbeamten, Zollfahndern oder Polizisten im Dienste des deutschen Staates sichergestellt, gepfändet oder beschlagnahmt. Außerdem versteigern die öffentlichen Einrichtungen alles, was im Behördenalltag ausgedient hat: Möbel, Computer etc. Mittlerweile setzt die Internet-Plattform bis zu 30 Millionen Euro jährlich um. Kaufen kann dort jeder.

„Wir bieten nur die technische Plattform für die entsprechenden Behörden an“, sagt Scheid. Diese zahlen eine Verwaltungsgebühr für die Amtshilfe und können ihre Waren selbständig online stellen. Scheids Crew wirft vor der Veröffentlichung noch einen qualitätssichernden Blick auf die Angebote. Ob zum Beispiel das Hauptzollamt Stralsund die elf BH‘s in den Größen von 75 A bis 85 C der Marke Wonderbra ins rechte Licht gerückt und auch die passenden Worte dafür gefunden hat.

Zirka 20 000 Auktionen veranstaltet der Zoll jährlich im Netz, und die Zahl der registrierten Nutzer steigt beständig: Zurzeit sind es über 132.000. Monat für Monat registriert Scheid durchschnittlich etwa 750.000 Besucher, die nach unterschiedlichen Schnäppchen stöbern. Ein vom Finanzamt Potsdam gepfändeter Mercedes 600 brachte den brandenburgischen Steuerbehörden einmal 103 000 Euro ein. „Solche Sonderangebote sprechen sich immer irgendwie herum“, sagt Scheid.

Es geht aber auch billiger. Die Polizeidirektion Pforzheim hat heute ein fünfteiliges Damen-Kosmetik-Set im Angebot. Sechs Bieter/Innen haben den Preis schon auf 11,10 Euro geschraubt. Die Ware sei neuwertig, heißt es. Und gegen eine Versandkostenpauschale von 6,90 Euro werden die Beauty-Stoffe auch nach Berlin oder Usedom verschickt. In 24 Stunden erfolgt der Zuschlag. „Wer diesen erhält, muss kaufen“, stellt Scheid fest. Da gibt es kein Pardon oder Rücktrittsrecht. Wie bei einer „richtigen Auktion, wo noch der Hammer fällt“. Aber auf die Waren wird keine Garantie gewährt.

Mit der Einführung der Online-Auktionen hat sich der Kreis der Interessenten schlagartig erhöht. Zum Wohle von Schuldner und Gläubiger werden dadurch oft bessere Preise erzielt. Es gibt aber auch Ladenhüter: Teppiche: „Die müssen manchmal zweimal eingestellt werden“, sagt Scheid. Nicht ins Angebot der Zöllner gehören Waffen, Präparate, die dem Artenschutz unterliegen oder Plagiate.

Im Regelfall läuft eine Auktion zwei Wochen lang. Wenn innerhalb der letzten fünf Minuten vor diesem voraussichtlichen Ende noch ein höheres Gebot platziert wird, verlängert sich die Auktion automatisch um weitere fünf Minuten. Etwaige Tools zum Schnäppchenfang in letzter Millisekunde werden somit ihrer Funktion beraubt.

Der Erfolg des Zolls mit seinen Auktionen hat auch andere Institutionen ins Web gelockt. So will die Landesjustizverwaltung Nordrhein-Westfalen ihre Website weiter ausbauen, damit alle Justizeinrichtungen in Deutschland Waren aus dem Staatsbesitz online versteigern können. Aber noch ist deren Produktpalette recht übersichtlich.

Konkurrenz belebt das Geschäft: Aus Bundeswehrbeständen und anderer öffentlicher Auftraggeber versteigert die Verwertungsgesellschaft des Bundes (Vebeg) ihr Dienstmaterial via Web. Wie wärs mit einem Geländewagen Merceds 250 GD? Farbe: fleckentarn. Aktuelles Gebot bei 5.400 Euro zzgl. Mehrwertsteuer. Der Hammer fällt 2 Tagen 22 Stunden und 26 Minuten.

Erschienen in der Saarbrücker Zeitung am 14.08.2008

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