Anonymes Surfen - Anonymität im Internet mit JAP | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Spurlos Surfen - Mit der Tarnkappe zum Schaufensterbummel
Für Anonymität im Internet muss jeder selbst sorgen

Aus dem fiktiven Logbuch eines Warenhausdetektivs: Dienstag, am 16. Oktober 2007 um 16:43 Uhr und 22 Sekunden, betritt eine Person im grauen Mantel die Spielzeugabteilung im vierten Stock. Die Person ist extra aus Berlin angereist, um das Sonderangebot Dampflok BR 10 für 462 Euro in Augenschein zu nehmen. Den Tipp dafür hat die Person von den Eisenbahnfreunden „Adler“ aus Nürnberg erhalten. Nach sechs Minuten und elf Sekunden verlässt die Person ohne Kauf das Haus wieder und geht in die Stadtbäckerei gegenüber. Beim Verlassen des Gebäudes wurde der Person noch ein Etikett an den Mantel geheftet.

Klingt absurd. Aber jede Internetfiliale eines Kaufhauses bedient sich dieser Mittel. Schon der erste Blick durch das virtuelle Schaufenster verrät dem Betreiber die Herkunft seines Besuchers, welcher Browser oder welches Betriebssystem gerade benutzt wird. Selbst den ungefähren Standort des Computers und welcher Provider den Internetzugang gewährt, lässt sich aus den so genannten Logfiles auslesen. Letzteres ermittelt sich über die IP-Adresse, die jeder Computer automatisch erhält, wenn das Gerät an der Internet-Kommunikation teilnimmt. Und die IP-Adresse in Verbindung mit der genauen Uhrzeit der Webaktivitäten führt die Fahndungsbehörden im Ernstfall bis zum jeweiligen Telefonanschluss und dessen Eigentümer.

Aber nicht nur Kaufhäuser führen Buch über ihre Kunden. Jeder Betreiber von Websites kann im Prinzip seinen Besucherstrom über die Logfiles verifizieren. Ob in Moskau, Buenos Aires oder Berlin. In einem Urteil hat nun aber das Amtsgericht von Berlin Mitte dem Bundesjustizministerium untersagt, über sein Internetportal personenbezogene Daten wie IP-Adressen „über das Ende des jeweiligen Nutzungsvorgangs hinaus zu speichern“. Gegen diese Speicherung von IP-Adressen hat der Jurist und Datenschützer Patrick Breyer geklagt. Das Gericht sieht in der Vorratsspeicherung von Webserver-Logfiles eine „Verletzung des Rechts auf informelle Selbstbestimmung als Bestandteil des allgemeinen Persönlichkeitsrechts“ der Betroffenen. Das Bundesjustizministerium zog daraus seine Konsequenzen und erstellt inzwischen nur noch anonyme Statistiken.

Auch der Webhoster 1&1 speichert für seine Klientendomains die Besucher-IP-Adressen. „Denn das Berliner Urteil betrifft zunächst ausschließlich das Bundesjustizministerium und dessen Speicherpraxis“, erklärt Pressesprecher Andreas Maurer. Derzeit sei die Speicherung von Logfiles bei allen Webhostern üblich, denn diese werde von den Kunden vor allem zur Erfolgskontrolle und Optimierung ihrer Internetauftritte genutzt. Datenschützer halten eine IP-Speicherung von sieben Tagen für einen Kompromiss, der dem Missbrauch der Anonymität im Internet vorbeugt und dennoch die Privatsphäre in Deutschland schützt.

Für den Schutz seiner Privatsphäre muss der Internetnutzer also selbst sorgen, indem er zum Beispiel den Browser so konfiguriert, dass das Programm alle sensiblen Daten wie Cookies, Cache, Verlauf oder Downloadlisten beim Beenden automatisch löscht. So wären zumindest alle Sitzungsdaten auf der eigenen Festplatte getilgt. Um beim Mausklick vor die Tür unerkannt zu bleiben, muss man sich mit seinen sensiblen Daten einem Anonymisierungsdienst anvertrauen. Zum Beispiel dem Projekt „Anon - Anonymität Online“ von der Technischen Universität Dresden.

Mit deren Tarnkappen-Software JAP kommuniziert der PC nicht direkt mit den Webangeboten, sondern erst verschlüsselt über einen Umweg mehrerer Zwischenstationen des An.on-Projektes, der so genannten Mixe. Da viele Benutzer gleichzeitig diese Zwischenstationen des Anonymitätsdienstes nutzen, werden die Internetverbindungen jedes Benutzers unter denen aller anderen Benutzer versteckt. Und das wirkt sich manchmal lähmend auf die Übertragungsgeschwindigkeit aus. Dafür soll kein Außenstehender, kein anderer Benutzer, nicht einmal der Betreiber des Anonymitätsdienstes herausbekommen, welche Verbindungen zu einem bestimmten Benutzer gehören.

Erschienen u.a. in der Saarbrücker Zeitung am 24.10.2007

Links:
(update 03.01.2009)

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"Das überwachte Netz" mehr >>>
"Die Mär von der Anonymität im weltweiten Datennetz" mehr >>>

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