Grauer Kapitalmarkt oder Kohle in die Taschen der Abzocker | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

Rüdiger Voßberg - Freier Journalist aus Berlin
bringt aktuelle und archivierte Artikel,
seinen Blick durch den LOMO-Sucher
sowie LINKS zur Presse für die Ungeduldigen

[ Home | Wissenschaft | Reiseberichte | Kultur | Multimedia | Lokales | Lomografien ]
[ Schlagzeile | Snooker-WM 2008 | Presse-LinksImpressum ]

Redaktion: Lokales

Dollar, Diamanten und dubiose Geschäfte
Abzocker: Verbraucherschützer warnen vor Geldanlagen auf dem „Grauen Kapitalmarkt”

„Hereinspaziert! Hereinspaziert! Und staunen Sie: Wir machen Millionen aus Ihren Groschen. Andere zahlen Zinsen; wir versprechen Rendite!” Alles Zirkus: Bei solchen vollmundigen Sprüchen sollte der Groschen eigentlich schnell fallen. Sollte! Nach Informationen des Bundeskriminalamtes gehen durch den Kapitalanlagebetrug der Volkswirtschaft jährlich etwa 50 Milliarden Mark verloren. Dubiose Anlagefirmen ködern mit unseriösen Angeboten: Immobilien, Dollar, Diamanten und Firmenbeteiligungen. Dieser sogenannte graue Kapitalmarkt birgt genügend Phantasie und Unheil.

„Viele Anbieter des grauen Kapitalmarktes nutzen die gesellschaftsrechtliche Konstruktion der stillen Beteiligung, um richtig abzuzocken”, berichtet die Finanzexpertin der Stiftung Warentest in Berlin, Ariane Lauenburg. 90 Prozent der Angebote seien zum Scheitern verurteilt. Aber es sind keine plumpen Offerten, sondern geschickt verpackte Finanzprodukte. Beteiligungssparverträge mit geringen monatlichen Beiträgen zum Beispiel. Nicht selten werden die Anleger mit Versprechungen gelockt wie „etwas für den Umweltschutz zu leisten, Arbeitsplätze zu schaffen und dabei noch Gewinne einzustreichen”, warnt Frau Lauenburg. Die Verträge binden den Anleger meist langfristig: in einigen Fällen bis zu 30 Jahren. Und die Anlagekosten können bis zu 30 Prozent der Gesamtsumme ausmachen. Ein Gewinn ist quasi ausgeschlossen.

Die Bundesrepublik Deutschland ist nach Einschätzung der Verbraucherverbände seit dem Fall der Mauer zu einem Eldorado für Kapitalanlagebetrüger geworden. In keinem anderen Land der Europäischen Union habe sich auf dem freien Kapitalmarkt ein so gefährliches Potential an krimineller Energie entwickelt, wie in der Bundesrepublik Deutschland, bestätigt auch Peter Lischke von der Verbraucherzentrale Berlin. Verbraucherschützer beklagen die fehlenden staatlichen Kontrollen, denn die zuständigen Gewerbeaufsichtsämter allein können diesen Wildwuchs nicht beschneiden. Um so mehr trägt der Verbraucher hier für seine Entscheidungen eine hohe Eigenverantwortung.

„Aber das mangelnde Mißtrauen der Anleger”, erklärt Lischke, sei ausschlaggebend für den Erfolg der Betrüger. Dabei wurde und wird auch die Angst vor dem Euro gnadenlos ausgenutzt. Die Masche: Sachwertanlage in Diamanten. Aber statt hochkarätiger Ware gibt’s dann nur wertlose Steine. Zunehmend Sorge bereitet den Verbraucherschützern auch die Beteiligungsmöglichkeit an geschlossenen Immobilienfonds, dem sogenannten Erwerbermodell. Der Mindestbeteiligungsbetrag von durchschnittlich 30.000 Mark wird, so Lischke, über einen Kredit geleistet. Die fälligen Zinsen sollen mit den Mieten verrechnet und der Kredit über eine Lebensversicherung getilgt werden. Das treibt die Kleinanleger noch zusätzlich in die Verschuldung.

Die Verbraucherzentrale Berlin stellte in einer Studie fest, dass betrügerische Kapitalanlagefirmen inzwischen sogar von deutschem Boden aus auch in Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Belgien agieren. Die deutschen Verbraucherverbände erhalten seit einiger Zeit auch Beschwerdebriefe aus den Nachbarländern der Europäischen Union (EU), weil die dort tätigen betrügerischen Anbieter ihren Firmensitz in Deutschland haben.

Einhellig raten die Finanz-Experten deshalb zu Vorsicht bei telefonischen Angeboten oder Haustürgeschäften. Auch wenn es der beste Freund ist. Je höher die versprochene Rendite desto größer das Verlustrisiko. Nie unter Zeitdruck handeln! Und liegt der Geschäftssitz auf den Seychellen oder anderen fernen Stätten könnten sich die ersparten Kröten schnell in wertloses Muschelgeld verwandeln. Eine aktuelle Warnliste der Stiftung Warentest über Angebote des grauen Kapitalmarktes umfasst neun Seiten, und ist unter der Fax-Abrufnummer 01905 / 100 108 614 zu erhalten. Der Anruf kostet 1,21 Mark pro Minute.

Die kostenlose Broschüre „Grauer Kapitalmarkt” erhalten Privatanleger und Kreditinstitute für ihre Kunden beim Finanzplatz e. V., Börsenplatz 7-11, 60313 Frankfurt/Main.

Weitere Informationen unter:
www.finanztip.de/
www.verbraucherzentrale-berlin.de/

Erschienen in der Lausitzer Rundschau am 01.06.1999

oben        

© 1996-2016

SEO Berlin