Wohnen am Golf | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Lokales

Goldener Abschlag eingelocht
Golf: Kein Volkssport aber Sport für Millionen

Zahlreiche Vertreter des deutschen Geld- und Blutadels pilgerten am 14. Juni nach Wildenbruch südlich von Potsdam, um das elegante Clubhaus und den weitläufigen Südplatz des Golf- und Country Clubs (GCC) Seddiner See einzuweihen. Unter den Augen von Prominenz, Presse und Politik (Berlins Bausenator Jürgen Kleemann) schlug GCC Präsident Ferdinand Fürst von Bismarck - der seinen Sachsenwald vor den Toren Hamburgs wegen des Transrapides nicht abholzen will - den ersten von drei goldenen Bällen auf das Grün.

Der Moderator und SFB-Frontman Jochen Sprentzel wies die Anwesenden daraufhin, dass dieses Gelände vor der Bebauung nur eine öde Wiese gewesen sei. Schließlich hätte er ja auch „Natur” sagen können, denn für die Hardliner unter den Ökologen sind Golfanlagen nichts anderes als ein totes Biotop. Da hauchen die Neuanpflanzungen von angeblich 60.000 Sträuchern und Tausenden von Bäumen wohl kein üppiges Leben in die Landschaft. Was lebt, geht aufrecht und schlägt Bälle in die Luft, die aufgrund der wirkenden Schwerkraft irgendwann zu Boden fallen. Die Bälle.

Umhauen wird den interessierten Golfer aus Brandenburg schon eher die Aufnahmegebühr: immerhin 32.600 Mark. Aber Kohle allein reicht da nicht aus: Der Beirat entscheidet letztlich über das teure Leben im Club. Aber wer sich nicht für das Clubleben qualifiziert hat, kann eine oder mehrere von 230 Parzellen erwerben, die dem Sportverein anhängen: Wohnen am Golf. Der Quadratmeterpreis - so für schlappe 400 Mark - treibt die ehemalige Wiese auf einen heutigen Verkehrswert von prächtigen 200 Millionen Mark. Da heißt es zuschlagen.

„Zur Gewährleistung eines optimalen Wohngefühls stehen die Häuser sowie Wohnungen unter einem 24-Stunden-Sicherheitsservice”, garantiert die Werbebroschüre der von Bismarck Grundstücksgesellschaft mbH. Die Alarmanlage muss der Eigentümer jedoch selbst in die Architektur integrieren. Und die Wachsschutzfirma verlangt dann nochmal knapp 1.000 Mark im Jahr für ihre Streifengänge. Da ist die gärtnerische Pflege schon wesentlich billiger zu haben: 20 Mark im Monat für einen gepflegten Rasen. Das sind wohl die blühenden Landschaften, von denen unser Kanzler träumt?

Erstveröffentlichung im Grünstift Heft 7,8 / 97

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