Wald zu Bauland | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Lokales

Wie Wald zu Bauland wird
Finkenstein: Aus einem Berliner Vorort berichtet

Öffentliche und private Baumaßnahmen nagen an den gesunden Stämmen der Brandenburger Forsten. Mindestens 1.000 Hektar Wald wurden in den letzten vier Jahren nach Auskunft des Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in andere Nutzflächen umgewandelt. Trotz eines Wiederaufforstungsgebotes und den entsprechenden Nachfolgeaktivitäten, die aber oft nur meilenweit vom Ursprungsort stattfinden können, schlagen Naturschützer Alarm und legen Forstleute ihre Stirn in Sorgenfalten.

„Ganz schlimm” nennt Frank Marchill, Mitarbeiter des Forstamtes Hangelsberg, die Waldeinbußen für sein Gebiet im Kreis Fürstenberg/Beeskow. Das Logistikzentrum in Freienbrink sowie eine neue Erdgasleitung forderten in jüngster Zeit ihren Tribut von der Natur und raubten etwa 85 Hektar Wald. Nun wird der Berliner Ring zu einer dreispurigen Trasse ausgebaut und treibt eine weitere Schneise ins geschröpfte Territorium. Zusätzlich verschwinden auf Initiative privater Häuslebauer im Amtsbereich jährlich zwischen vier und sechs Hektar Baumbestand. Zum Vergleich: das Land Brandenburg verlor 1995/96 durch Bebauung und Verkehrswegeplanung knapp 170 Hektar Holzboden.

Für die „Umwidmung von Wald in Bauland” hat der Gesetzgeber eigentlich hohe Hürden vorgesehen: Wer im Wald auf seinem Grundstück bauen will, muss zum einen wirklich gute Argumente besitzen, zum anderen mit dem Flächennutzungsplan (FNP) der Gemeinde konform gehen und damit schließlich den Segen von Seiten des Naturschutzes und der Forstbehörden haben. Erst recht, wenn es sich dabei wie im Beispiel Kagel-Finkenstein um Flächen im Landschaftsschutzgebiet (LSG) handelt. Finkenstein liegt im LSG Grünau-Grünheider Wald und Seengebiet.

Der Entwurf des FNP der Gemeinde sieht 1990 noch für ein nur zum Teil mit Bungalows und Einfamilienhäusern durchsetztes Waldstück im LSG den Status „Sondergebiet” (nach §§ 10 BauNVO der Erholung dienend) vor. Im Herbst 1992 verabschiedet die Gemeinde ihren neuen FNP und wandelt das ursprüngliche Erholungs-Sondergebiet in ein „allgemeines bzw. reines Wohngebiet” um. In der Sprache der Immobilienbranche kann das nur heißen: aus billigem Waldland im LSG wird teures Bauland.

Ein Investor, der für insgesamt 3.100 Quadratmeter die Umwandlung beantragt hatte, erhielt die Genehmigung des Forstamtes Hangelsberg 25 Kiefern auf dem Grundstück Barbenweg/Ecke Seeufer zu fällen. Auf der 800 Quadratmeter großen Lichtung soll nun ein Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung errichtet werden. Die Umzäunung sowie die Hinweisschilder „Baustelle” zeugen von einer flotten Axt im Walde, denn Paragraph 34 des Baugesetzbuches erlaubt hier nun die Bebauung. Der Eigentümer der Lichtung ist, mit Blick auf seine weiteren Waldflächen in der unmittelbaren Nachbarschaft, guter Dinge. Kauf- und Bauwilligen erklärte er, dass auf dem „ersten” Grundstück der teilerschlossene Quadratmeter 100 Mark koste. Die Flächen würden geteilt, das Grundstück „vermarktet”. Auf alle Fälle habe er mit dem erteilten Bauvorbescheid „erstmal den Fuß in der Tür”.

Mit der Ausweisung des gesamten Barbenweges als Wohngebiet im FNP hat die Gemeinde damals ein Entwicklungsziel vorgegeben, was durch die Träger der öffentlichen Belange auch nicht moniert wurde. „Da hätten die Alarmglocken eigentlich läuten müssen”, gesteht Marchill heute - fünf Jahre später, aber dies sei leider verpennt worden. In der überwiegend mit Wochenend-Bungalows besetzten Waldsiedlung Alt-Finkenstein ist das neue Bauvorhaben nun eines der ersten nach der Wende. Macht das Beispiel Schule, droht der weitere Verlust von mindestens 250 alten Kiefern auf den anderen Parzellen. Vielleicht hat die Umweltbehörde gerade deshalb die ersten Bäume am Barbenweg mit Nummernschilder versehen?

Kagels Bürgermeister Norbert Niche bestätigte, dass dort mittelfristig ein Wohngebiet mit „sechs bis acht Häusern” zur gewissen Abrundung und in Fortsetzung der bisherigen Bebauung entstehen solle. Das sieht die Untere Forstbehörde heute anders: Wird ein Bebauungsplan oder ein Vorhaben- und Erschließungsplan aufgestellt, müssen die Träger der öffentlichen Belange erneut einbezogen werden. Aus heutiger Sicht glaubt Marchill nicht daran, dass so ein Vorhaben von Erfolg gekrönt werde: „Wer jetzt am Barbenweg Land kauft, kauft kein Bauland sondern Wald, den man an anderer Stelle wesentlich billiger bekommen kann!”

Erschienen u.a. am 21.07.1997 im Neuen Deutschland

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