Autowracks auf Berliner Straßen | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

Rüdiger Voßberg - Freier Journalist aus Berlin
bringt aktuelle und archivierte Artikel,
seinen Blick durch den LOMO-Sucher
sowie LINKS zur Presse für die Ungeduldigen

[ Home | Wissenschaft | Reiseberichte | Kultur | Multimedia | Lokales | Lomografien ]
[ Schlagzeile | Snooker-WM 2008 | Presse-LinksImpressum ]

Redaktion: Lokales

Autowracks in Berlin: mein Wrack, dein Wrack?!
Auch Behördenrituale verschleppen das Abschleppen von "halterlosen" Autos aus dem Berliner Straßenbild; Folge: Autowracks am Gehweg.

Knapp 27.000 Anzeigen über Fahrzeuge ohne gültige Kennzeichen hat das Amt für regionalisierte Ordnungsaufgaben im Jahr 2000 für ganz Berlin erhalten. Aus Charlottenburg kamen rund 1.500 Anzeigen; Spitzenreiter war der Bezirk Neukölln mit 3.229 angezeigten Autos, die wenigsten zählte man in Zehlendorf: genau 229. Zwei Drittel der Anzeigen betreffen die westlichen Bezirke. Aber die genaue Zahl dieser illegalen Autos kann das Amt nicht nennen, da manche von ihnen mehrere Anzeigen auf sich vereinigen. "Etwa 23.000 Fahrzeuge waren es schon", schätzt Steffen Krefft vom zuständigen Bezirksamt Lichtenberg/Hohenschönhausen. Und viele Anzeigen bedeuten auch eine hohe Abschleppquote. Denn rund 3.500 Autos musste die Behörde abschleppen lassen, weil sich die Eigentümer nicht mehr um ihr Vehikel kümmerten, oder man ihrer nicht mehr habhaft werden konnte. Und gut ein Drittel der abgeschleppten Fahrzeuge waren Vollwracks. In den letzten fünf Jahren erhielt die Behörde fast 143.000 solcher Anzeigen und ließ insgesamt 25.000 Autos aus dem öffentlichen Berliner Straßenbild entfernen.

Autowracks auf Berliner Straßen | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

Zu Beginn des Verwaltungsaktes klebt die Polizei einen gelben Punkt auf die Windschutzscheibe und zeigt das dem Amt an. "Nun müssen wir ja erst die aktuellen Halter und ihren Wohnort ermitteln", sagt Krefft. Und schon das dauert. Dann werden diese Halter aufgefordet, ihre Autos "unverzüglich" aus den öffentlichen Straßen zu entfernen; und in der Regel verschwinden diese Blechkarossen auch wieder. Aber in den hartnäckigen Fällen beginnt jetzt der lange Marsch durch die Instanzen: Prüfen, ob das Fahrzeug noch vorhanden ist. Wenn ja, neue Aufforderung schreiben, Fristen setzen und Bußgeld androhen; Reaktion abwarten und wieder prüfen, ob das Fahrzeug immer noch vor Ort ist. Dann darf vielleicht abgeschleppt werden.

Bis zur behördlichen Beseitigung der Fahrzeuge vergehen so regelmäßig drei bis vier Monate. "Und wenn wir die Anzeigen erhalten, stehen diese Autos meist schon einige Wochen oder gar Monate herum", konstatiert Krefft. Das heißt, es verstreicht oft ein halbes Jahr oder mehr, bis die Autos aus dem Straßenbild verschwunden sind. Und bei Fahrzeugen mit ausländischen Kennzeichen dauern die Verwaltungsprozesse noch viel, viel länger. "Durch das langgestreckte Verwaltungsverfahren geben wir mehr Geld aus, müssen länger warten und haben dann meist nur noch Schrott abzuholen", klagt Krefft.

Aber Vollwracks dürfen sofort abgeschleppt werden, denn diese sind Abfall und nach dem Strafgesetzbuch als "ein unerlaubter Umgang mit gefährlichen Abfällen" zu ahnden. Dann ermitteln Umweltpolizei sowie Staatsanwaltschaft. Die Zahl der Strafanzeigen durch das Bezirksamt hat sich von 240 im Jahre 1998 auf über 1.000 in 2000 erhöht. Somit gehört das Wrackgeschäft für die Berliner Umweltpolizei mittlerweile zur täglichen Routine. "Ein abgebrochener Außenspiegel oder zerstochene Reifen machen ein Auto zwar noch nicht zum Wrack", erklärt Andreas Geigulat vom zuständigen Landeskriminalamt, aber entscheidend sei für die Beurteilung die potenzielle Gefährdung der Umwelt durch die Betriebsstoffe wie Benzin, Bremsflüssigkeit oder Motoröle. Der Grat zwischen Ordnungswidrigkeit und Straftat ist schmal.

"Grundsätzlich wird bei Ersttätern für diese Delikte eine Geldstrafe verhängt", berichtet Oberstaatsanwalt Manuel Petow. Und zwar 60 Tagessätze gleich zwei Monatsgehälter. Damit nehme Berlin im Bundesvergleich eine Spitzenposition ein, so Petow. "Bestraft wird der, der das Fahrzeug abgestellt hat". Aber in vielen Fällen können die Veranwortlichen gar nicht ermittelt werden, da sie sich mit kriminellen Machenschaften aus der Affäre stehlen. Ersatzteildiebe oder Vandalen, die die abgestellten Fahrzeuge eventuell erst zu Wracks zerschlagen, werden so gut wie nie ermittelt und bestraft.

Autowracks auf Berliner Straßen

Singapur, die saubere Löwenstadt | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger VoßbergAutowracks auf Berliner StraßenAutowracks auf Berliner Straßen

Erschienen in der Berliner Morgenpost am 01.06.2001


Ein weiterer Beitrag zum Thema Autowracks

oben        

© 1996-2016

SEO Berlin