Das Zuckermuseum in Berlin und sein weißs Gold | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

Rüdiger Voßberg - Freier Journalist aus Berlin
bringt aktuelle und archivierte Artikel,
seinen Blick durch den LOMO-Sucher
sowie LINKS zur Presse für die Ungeduldigen

[ Home | Wissenschaft | Reiseberichte | Kultur | Multimedia | Lokales | Lomografien ]
[ Schlagzeile | Snooker-WM 2008 | Presse-LinksImpressum ]

Redaktion: Kultur

Das weiße Gold mit bittersüßem Geschmack
Wie kommt der Zucker in das Streuglas? Im Berliner Zuckermuseum gibt es die Antwort darauf

Heute verwenden wir ihn mit einer fast sträflichen Selbstverständlichkeit wie es vor mehr als dreieinhalb Jahrhunderten nur den Reichen und Privilegierten europäischer Königshäuser vorbehalten war. Zucker war ein noch größerer Schatz als die Gewürze. Gerade jetzt in dieser besinnlichen Zeit des Weihnachtsfestes sollte man sich einmal näher mit der Geschichte „des weißen Goldes” und den damit verbundenen leidvollen Schicksalen auseinandersetzen.

Der Weg auf der Suche nach dem „Urwort” für Zucker führt nach Indien: „Sarkara” im Sanskrit, der alten heiligen Sprache bedeutet etwa „zerrissenes Stückchen” und deutet auf die Zerkleinerung von Zuckerrohr für seine Verwendung hin. Ein anderes Wort für Zucker ist das altindische „khand”, welches in der Bezeichnung „Kandis” wohnt. Das Wort „Saccharose” für die wichtigste Zuckerart wurzelt im lateinischen. Zwischen den „zerrissenen Stückchen” aus dem altindischen und dem heutigen Wissen um die Saccharose liegen rund zwei Jahrtausende.

Zucker besteht aus drei Elementen: Kohlenstoff, Sauerstoff und Wasserstoff. Jede grüne Pflanze bildet mit den Molekülen Wasser und Kohlendioxid den Zucker. Dieser Prozess heißt Photosynthese. Er liefert die notwendige Energie für Wachstum, Blattbildung, Blüten und Früchte. Einige Pflanzen speichern den Zucker, der den Menschen und Tieren als Nahrung dient. Das Chlorophyll (Blattfarbstoff) ist die „Keimzelle” für die Entstehung von Zucker: Wasser wird durch die Wurzeln aufgenommen; Kohlendioxid dringt mit der Außenluft in das Blattinnere. Die Energie des Sonnenlichtes spaltet das Kohlendioxid und das Wasser bei der Photosynthese in Kohlenstoff, Sauerstoff und Wasserstoff. Überschüssigen Sauerstoff scheidet die Pflanze wieder ab. Menschen und Tiere veratmen den Sauerstoff zu Kohlendioxid, das die Pflanze zur Photosynthese benötigt. Der wunderbare Kreislauf ist geschlossen. (Der Vollständigkeit halber angemerkt, dass die allgegenwärtigen Mikroorganismen, mittels Zersetzung toter organischer Substanzen zirka 70 Prozent des Kohlendioxid in der Luft liefern.)

Bevor es den Zucker gab, süßte man mit Honig. „Melanesien”, eine Inselgruppe nordöstlich von Australien gilt als die Heimat des Rohrzuckers. Bereits 15.000 v. Chr. nehmen die Ureinwohner Zuckerrohr als Bestandteil des Proviants mit auf ihre Fahrten in der pazifischen Inselwelt. Das erste Auftreten von Zuckerrohr auf der Inselgruppe von „Neukaledonien” ist für die Zeit vor 10.000 Jahren nachgewiesen. Auf dem Feldzug Alexander d. Gr. nach Indien stoßen seine Truppen auf Zuckerrohr im Industal. Sie berichten nach Europa von einem „Schilf, das Honig ohne Bienen hervorbringt”. Im heutigen Gebiet des Iraks gelingt einer persischen Medizinschule um 600 erstmals die Gewinnung von gereinigtem Zuckerrohr mit Hilfe eines Tongefäßes als Siruptopf. Von dem damaligen kegelförmigen Tongefäß stammt die heutige Form des Zuckerhutes! Die Araber haben die Kunst von den Persern gelernt. In ihren eroberten Gebieten führen sie den Zuckerrohr-Anbau ein. Bei einem Überfall auf eine Karawane erbeuten Kreuzritter verschiedene Kamellasten Zucker. Durch diesen kriminellen Akt bekommen erstmals Menschen des Abendlandes Zucker zu sehen. Das geschah um 1100. Venedig profitiert von den Kreuzfahrern und ist 400 Jahre lang Haupthandelsplatz für Zucker.

Auf seiner zweiten Entdeckungsreise nach Amerika lässt Kolumbus Kanarischen Zuckerrohr auf „Hispaniola” pflanzen und begründet damit für die nächsten drei Jahrhunderte das größte Wirtschaftszentrum der Welt. Der Zuckerrohr verbreitete sich über den gesamten Mittel- und Südamerikanischen Kontinent. Viele Jahrhunderte hindurch wurde die Zuckerrohrkultur auf primitive und nachlässige Art betrieben: Raubbau ohne Düngung. Durch die einseitige Feldkultur wird beim Zuckerrohr die Chance für den Ausbruch spezieller Krankheiten ebenso begünstigt wie für die Ausbreitung von Schädlingen. Der Anbau und die Verarbeitung von Zuckerrohr waren immer mit Sklavenhandel und Sklavenarbeit eng verknüpft. Etwa 20.000.000 Menschen fielen der spanischen Conquistadores durch Mordlust, Not, Hunger, Zwangsarbeit und Seuchen zum Opfer. Zuckerrohrschnitter aus Haiti gelten heute noch heute als „die letzten Sklaven der Karibik”.

Jeden Tag von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang: Zuckerrohr schlagen, bündeln, verladen. Sechs Monate ohne Pause, die ganze Saison. Nur kümmerliche Pesos - vielleicht sieben Mark pro Tag - sind ihr karger Lohn für die Knochenarbeit. Den Kolonien war die Verarbeitung (Raffination) des Rohrzuckers bald verboten oder durch Finanzgesetze erschwert. Rohrzucker kam als gelbe oder braune Rohware in Fässern und Kisten nach Europa. Er musste noch gereinigt und geklärt werden. Dies geschah in zahlreichen Zuckersiedereien, vorzugsweise in den Hafenstädten. Auch Hamburg entwickelte sich zu einem Zentrum der Zuckerraffination. Führende Rollen besaßen Amsterdam und Gent. Weitere Siedereien gab es auch auf dem Insel Königreich in Liverpool, Bristol und London. Gebäude von enormen Ausmaßen: im Inneren alles überzogen mit einer dicken Schicht von klebrigen Zucker. An diesen widerlichen Orten waren die Arbeiter fast unbekleidet. Es war heiß und stickig, abends waren ihre Körper mit Zuckerkrusten übersät. Zuckersiedereien siedelten sich auch in Berlin an! Die Stadt von der eine Revolution ausging.

Die Entdeckung des Zuckers in der Rübe durch Andreas Sigismund Marggraf im Jahre 1747. Der Rübenzucker zerbrach das über Jahrhunderte herrschende Monopol des Kolonialzuckers. Der konkurrierende Rübenzucker von gleicher Qualität drückte bald lähmend auf das Investitionsinteresse der Zuckerrohrpflanzer und trug insgesamt dazu bei, die Sklaverei in den Kolonien allmählich zu beenden.

Zwei weitere Ereignisse jener Zeit erschüttern die Zuckerwelt:
die Französische Revolution mit ihren Folgen,
und die Kontinentalsperre für englische Waren, somit auch für die Zuckerimporte

Die Zuckerrübe galt als „Königin der Feldfrüchte”. Keine andere Kulturpflanze hat das öffentliche und staatliche Interesse so schnell und unmittelbar auf sich gezogen wie die Rübe. Gazetten referierten ausgiebig darüber. Am 11. Januar 1799 ließ sich Monarch Friedrich Wilhelm III von der Qualität der Pflanze überzeugen. Die abschirmende Wirkung gegenüber der Marktkonkurrenz des Kolonialzuckers hat die Rübenkultur und die Fabrikation von Rübenzucker auf dem Kontinent sehr gefördert. Napoleon nahm daran persönlich starken Anteil. Aber mit seinem Sturz endete auch die Kolonialsperre, und die seit Jahren angehäuften Zuckerrohrbestände der Karibik überschwemmten nun schlagartig und zu billigen Preisen die Märkte Europas. Die Sache mit dem Rübenzucker schien zu Ende; ein Betrieb nach dem anderen wurde geschlossen. Nur ein einziger Fabrikant machte unbeirrt weiter: Crespel-Dellise in Arras (Frankreich). Er gilt als Vater des französischen Rübenzuckers. Mit der Einführung von hohem Einfuhrzoll für Rohrzucker setzte eine Welle von Neugründung für Rübenzuckerfabrikationen ein.

Als um Mitte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa zunehmend Zuckerrüben angebaut wurden, stieg der Zuckerkonsum, und die Preise fielen. Die Zuckerrübe hatte sich durch gesetzt: der Fortschritt bei den Zuchtmaßnahmen, Anbaumethoden und Fabrikationsverfahren hatte der Zuckerrübe zum Sieg auf dem ganzen Kontinent verholfen und den Kolonialzucker weitgehend verdrängt! Die Weltzuckerproduktion des Jahres 1988 beziffern Fachleute auf ungefähr 116 Millionen Tonnen davon zirka ein Drittel aus Rüben. Nach Beleuchtung der Kulturgeschichte des Zuckers bleibt noch die Frage, wie kommt der Zucker ins Streuglas?

Eine 500 Gramm schwere Zuckerrübe enthält ca. 85 Gramm Zucker. Die Verarbeitung der Rüben beginnt mit der Rübenwäsche. Die gereinigten Rüben gelangen dann zu kreisenden Messern der Schneidemaschinen. Durch die feine Schnitzelung wird jedoch nur ein Teil der Rübenzellen freigelegt. Der Zucker wird durch einen Extraktionsvorgang gewonnen. Das geschieht in der Praxis durch entgegenströmendes heißes Wasser. Die Schnitzelreste werden abgepresst und stellen gutes Viehfutter dar. Der Rohsaft wird nun in verschiedenen Prozessen zum klaren, goldgelben Dünnsaft. Dieser wird in mehreren Stufen eingedampft. Man erhält einen Dicksaft mit 60 Prozent Zuckergehalt. Er wird so lange eingekocht, bis eine bestimmte Übersättigung der Saccharose erreicht ist, und die Kristallisation eingeleitet wird. In Zentrifugen werden die Zuckerkristalle vom Muttersirup abgetrennt und durch Wasser oder Dampf vom Sirupfilm befreit. Nicht die Industrie „macht” den Zucker, sondern sie überführt den im Pflanzensaft bereits vorliegen den Zucker in die Kristallform. Übrigens, den Würfelzucker gibt es bereits seit über 150 Jahren, und wir verdanken ihn Juliane Rad, Ehefrau des Zuckerfabrikanten Jakob Christoph Rad. Er griff die Idee seiner Frau auf und stellte im Herbst 1840 den ersten Würfelzucker her.

Carl Scheibler (1827 - 1899) Kaiserlicher Geheimer Regierungsrat und Professor für Chemie war der Begründer des ersten Zuckerinstituts der Welt mit Sitz in Berlin. Dort befindet sich heute - im Stadtteil Wedding, Amrumer Straße 32 - das Zuckermuseum.
(Quelle: Katalog zur Ausstellung im Berliner Zuckermuseum)

hier eine moderne Methode um den Zucker aus der Rübe zu zwingen.

... und lesen Sie zum Thema
Gewürze


oben    

© 1996-2016

SEO Berlin