Das Hamburger Sielmuseum | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Kultur

Collection de Toilette
Sielmuseum: Kaiser Wilhelm stakte einst durch die Hamburger Kanalisation

Wenn in Eppendorf am Abend die Spülung rauscht, der Klärwerker morgens den Pumpen lauscht. Klare Worte für eine schmutzige Brühe. „Halbe Schweine spießten unsere automatischen Greifer schon auf!” Ronald Rees vom Pumpwerk an den St. Pauli Landungsbrücken setzt seinen gelben Helm ab, zündet sich eine Zigarette an. Er ist Klär-Profi. Seit beinah 40 Jahren im Geschäft und mit allen Wassern gewaschen. Das Pumpwerk gehört zur ersten Reinigungsstufe des Klärwerkes Köhlbrandhöft-Dradenau auf der Südseite der Elbe. Zirka 125.000 Kubikmeter Ab- und Regenwasser strömen täglich durch das Pumpwerk auf dem Nordufer. Aber nicht nur Wasser!

Für Ronald Rees und seine Kollegen sind es Relikte aus 40jähriger Schöpfung. „Wie manches da hineingekommen ist? Man muss sich wirklich wundern!” schüttelt der 57jährige den Kopf. Irgendwann packte jemanden die Sammelleidenschaft, und die skurrilsten Fundsachen stellen die Stadtentwässerer heute im Sielmuseum aus. In einem kleinem Gewölbe gegenüber des Pumpwerkes lagern die anrüchigen Dinge. Was sich in den zwei Räumen häuft, hat eine bewegte Vergangenheit: britische Autokennzeichen von der Englandfähre oder Radkappen einer deutschen Nobelmarke. Ausgetretene Fußbälle vermisst niemand mehr. Mundlose Gebisse, Opfer einer durchzechten Nacht, liegen hinter Glas. Die Prothesen sollen vor diebischen Zugriffen geschützt werden. „Die Leute klauen wie die Raben!” beschwert sich Ronald Rees über den einen oder anderen Besucher. Deshalb mussten die Museumsbetreiber auch das Kinderspielzeug, z.B. Matchboxautos, in eine Vitrine sperren.

Regenschirme, Mäntel, Perücken oder Reizwäsche schwimmen in der Kanalisation. Die Schlüpfer haben den kürzesten Weg: die Reeperbahn ist ja gleich um die Ecke. Vergilbte Brillen, Schlüssel, Banknoten und Münzen, Regenschirme, unzählige Brieftaschen sogar eine Seite der französischen Abendzeitung „Ce Soir” aus dem Jahre 1960 gehören zu den Ausstellungsstücken. Ihre Zahl wird immer größer, und die Stadtentwässerer restaurieren gerade einen zwölf Quadratmeter großen Raum. Dieser soll Ende des Jahres fertiggestellt sein. Mit der Desinfektion der Fundsachen geben sich die Sammler keine besondere Mühe. „Die Stücke werden nur abgewaschen und getrocknet”, erklärt Rees die museale Präparation. Mit dem automatischen Grobrechen finden sie ohnehin nur die großen Sachen. Und bei den Mengen, die hier täglich anfallen, ist es auch nur purer Zufall. Diesem ist es zu verdanken, dass eine englische Geburtsurkunde, ein Strafmandat aus Liverpool sowie ein isländischer Führerschein in die Fänge des Rechens gerieten. Personalausweise oder andere lesbare Dokumente werden zurückgegeben. „Die Leute rufen sogar bei uns an, wenn sie etwas vermissen!” lacht Rees.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es auch gefunden wird, ist sehr gering: Denn Hamburgs Sielnetz erstreckt sich auf knapp 5300 Kilometern im Erdreich. Vom englischen Architekten William Lindley geplant und ab 1842 gebaut, war London Vorbild für das unterirdische Rohrsystem. Hamburg ist die erste Stadt auf dem europäischen Kontinent, die eine Kanalisation erhielt. Die alten, gemauerten Rohre haben einen Durchmesser von bis zu vier Metern. Das umfangreiche Sielnetz sammelte die häuslichen Abwässer und leitete es damals noch ungeklärt in die Elbe. Heute lassen Sanierung bzw. Erneuerung der Rohrleitungen den Haushalt der Hamburger Stadtentwässerung versickern. Rund 200 Millionen Mark gibt die Betreibergesellschaft jährlich für die Instandsetzung aus. Über 70 Sielbaustellen gibt es zur Zeit in der Hansestadt. Korrosion aus dem Abwasserbetrieb führt zu einer Schädigung von innen, während vor allem die erhöhten statischen und dynamischen Belastungen aus dem wachsendem Straßenverkehr die Siele von außen zermürben. Der Fugenmörtel wird weich und fällt schließlich aus. Risse entstehen; aus dem ursprünglichen Oval des Rohrquerschnittes wird ein abgeflachter Kreis oder kurz vor dem Bruch: eine Herzform.

In der Lombardsbrücke hat die Stadtentwässerung im September 1995 ein Siel restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Abschnitt stammt aus der Zeit um 1870 und markiert die Endpunkte eines sogenannten Dükers (Düker ist ein Siel, das ein Gewässer unterquert, in diesem Fall die Alster). Das Abwasser fließt über eine Gefällestrecke vom Dükeroberhaupt zum Dükerunterhaupt. Dort befindet sich auch eine Bootsanlegestelle. Von hier starteten die Stadtentwässerer zu ihren Inspektionsfahrten. Aber auch Kronprinz Wilhelm - später deutscher Kaiser, ließ sich die unterirdische Fahrt Richtung Hafen von dieser Stelle aus nicht nehmen. Eine dreieinhalb kilometerlange Gondelfahrt in der Kanalisation. „Er wunderte sich wiederholt über die verhältnismäßige Reinheit der Luft, welche die Nase kaum beleidigt”, so die Zeitschrift Gartenlaube im Jahre 1877 über seinen Besuch in Hamburgs Sielnetz.

Gekrönte Häupter reisen heute nicht mehr durch die feuchten Gewölbe. Vor den Inspektionsfahrten müssen die Rohre mit Gebläsen belüftet werden. Der giftige Schwefelwasserstoff wabert unsichtbar über der Kloake. Das häusliche Abwasser hat sich in den letzten 30 Jahren um durchschnittlich zehn Grad Celsius erwärmt: paradiesische Zustände für die Fäulnisbakterien. Ratten sind auch Dauergäste in der Kanalisation und ernähren sich von den gesellschaftlichen Abfallprodukten. Ihre Zahl schätzt das Hamburger Hygenieamt auf zirka 400.000 Exemplare. Und tote Artgenossen sind auch die häufigste Fundsache der Stadtentwässerer im Pumpwerk. Diese werden jedoch nicht im Sielmuseum ausgestellt.

Ein Teil der Entsorgungskette (auch im Sielmuseum) (6 kB)

Das Sielmuseum finden Sie:
Bei den Sankt Pauli Landungsbrücken 49, 20359 Hamburg
Der Eintritt ist frei. Besuche im Sielmuseum finden nach telephonischer Anmeldung im Pumpwerk statt. 040/ 38 07 - 33 41
Für den Gang durch den Düker an der Lombardsbrücke meldet man sich unter 040/ 34 913 - 743 an.


Erstveröffentlichung im Trierischer Volksfreund  am 10.11.1999


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