Der Frust mit Gebrauchsanweisungen | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Kultur

„Erst lesen, dann einschalten”
Eine Kulturgeschichte der Gebrauchsanweisung

Kennen Sie das? Sie kommen eben vom Einkauf zurück und reißen in freudiger Erwartung die Verpackung von Ihrer Neuerwerbung. Der Drang, das Ding gleich auszuprobieren, lässt Sie leichtsinnig die Gebrauchsanweisung konsultieren. Ein folgenschwerer Fehler, denn der Text kann Ihnen nicht nur kostbare Spielzeit rauben, sondern obendrein den letzten Nerv kosten!

Die Gebrauchsanweisung aus den 50ern für einen AEG-Herd
Fotos: Katalog






„Die Feuchtigkeit immer schadet der Puff-Unterlage, so muss man achten, ob die Oberfläche und die Unterfläche trocken ist, bevor zur Einlagerung. Wenn die Puff Unterlage etwas kaputt geht, kann man mit den zusätzlichen Nylon Kleiderstoff und Zement reparieren. Wenn das Wetter kalt, wird die Puff Unterlage sich langsam puffen. Entrollen der Puff Unterlage und liegen auf ihr, dann wird sie von der Wärme sich Inflationen bekommen.” Und dabei haben Sie doch nur eine Luftmatratze gekauft.

Erst lesen, dann einschalten. Häufig führt diese Methode eher zum Ziel; angesichts solcher Beschreibungen: „Das ist ein klein, das dünnste MW/UKW stereo HI-FI in der Welt, mit faltbar stereo Kopfphon. Das ist sicher ein, CREDIT CARD MW/ UKW STERO RADIO. Setzen Sie das stereo Kopf phon in Kopfphon Wagenwinde ein, die Macht es an, sonst die Macht ist ab.” Alles klar? Und weiter: „Für UKW Band, die Tafel wird angezündet, nur als den Laut des Radios - wird erhalten. Wenn Sie kleinen Lärm wollen, als die Stereo Wirkung, setzen den Umschalter an ,MONO.” Die Sachprosa der Verfasser kann schon arge Kapriolen schlagen. Wie dem auch sei.

Nicht weniger als diese getextete Gebrauchsanleitung für ein Miniradio verwirren jene Anleitungen aus Skandinavien, die per Skizzen, Zahlen und Pfeilen versprechen, mit ihnen sei der Aufbau eines Bücherregals „kinderleicht”. Die Vorstellungskraft der frustrierten Käufer wird nicht selten überfordert. Und wer hat schon Lust, Muße geschweige denn Energie, die kolossalen Werke der Computerbranche zu studieren: ein Textverarbeitungsprogramm beschrieben auf 912 engbedruckten Seiten. Und das alles nur, um einen Brief zu schreiben? Viel geschmäht und wenig geliebt, die Anleitungen, die zwischen Mensch und Technik vermitteln sollen.

Frau und Gebrauchsanweisungen passen nicht zusammenEine Kulturgeschichte der Gebrauchsanweisung hatte nun zum ersten Mal das Berliner Museum für Post und Kommunikation gemeinsam mit der Technischen Universität zusammengestellt: „Erst lesen, dann einschalten”, lautet der Titel der Ausstellung, die Stilblüten und allerlei Skurrilitäten einer besonderen literarischen Gattung zeigt. Selbstverständlich steht im Postmuseum die Anleitung zum Telefonieren im Mittelpunkt der Ausstellung, zumal sie seit der Einführung des Telefons 1881 in Deutschland beinah lückenlos dokumentiert ist. 1890 wurde zum ersten Mal eine Buchstabiertafel im Berliner Telefonbuch abgedruckt. Sie war notwendig, da die unausgereifte Übertragungstechnik immer wieder Fehler bei der Vermittlung durch das „Fräulein vom Amt” verursachte. Die neue Liste ordnete den Buchstaben Zahlen zu: „a = 1”, „b=2” usw. Bald erwies sich diese Codierung aber als unpraktisch, und 1903 tauschten die Beamten der Kaiserlich Deutschen Reichspost die Zahlen gegen Namen: von „A wie Albert bis Z wie Zacharias”.

Mit der leidvollen Erfahrung, „dass der Fernsprecher viele Laute undeutlich wiedergibt”, empfahl die Oberpostdirektion Ende der 20er Jahre ihren Berliner Fernsprechteilnehmer die Zahlenaussprache: Jetzt wurden nicht nur die Ohren gespitzt sondern auch die Lippen: „109 05 sprach man einshuhndärrtnoihn-nuhlfüneff”. Mag sein, dass die Reformisten der deutschen Rechtschreibung hier ihre Anregungen fanden. Und noch etwas ist aus der Pionierzeit bis heute überliefert: der Hinweis, dass das Telefonieren bei Gewitter auf eigene Gefahr geschieht!

Eine Karte vom 22. März 1933, gerichtet an das Postamt in Rostock, trug die braune Gesinnung in das Telefonbuch ein: „In Anbetracht des nationalen Umschwungs in Deutschland halt ich es für nicht mehr angebracht, die in der Buchstabiertafel des Telefonbuchs aufgeführten jüdischen Namen noch länger beizubehalten. Ich nehme an, dass sich geeignete deutsche Namen finden lassen”. Die Buchstabiertafel „arisierten” die Nationalsozialisten: Aus „D - wie David” wurde nun „D - wie Dora”. Nathan ersetzten sie durch „N - wie Nordpol” und Samuel verschwand; der germanische Siegfried erschien. Dabei blieb es bis heute. Wer weiß schon, dass im Rahmen der Entnazifizierung der Buchstabiertafel 1948 offiziell wieder die jüdischen Vornamen eingeführt wurden?

AEG - Elektroherd

Als Dokument des Geschlechterverhältnisses lesen sich die Gebrauchsanweisungen der 50er Jahre. Trotz aller Bemühungen, die Elektrogeräte an die Frau zu bringen, trauten die Konstrukteure ihren Kundinnen keinen technischen Sachverstand zu. Gemäß der Rollenverteilung gehörten Frauen - als Herrin des Haushaltes- zwar in die Küche, hatten aber dennoch keine Ahnung von technischen, eigens für sie geschaffenen Geräten. Glücklicherweise fühlte sich Herr BOSCH berufen, der Frau den richtigen Umgang mit der Technik beizubringen.

Deswegen dachte er sich eine besonders „praxisnahe” Anleitung aus. Die Bedienungshilfe für die Besitzerinnen des neuen Kühlschranks verpackte er in die Form eines Dialoges zwischen Ehemann und Ehefrau. Der Ehegatte übernahm die Rolle des Fachmanns; die Gattin spielte wie „im richtigen Leben” die unbelehrbare Ignorantin, die keine Einmischung in ihren Bereich duldete. Dadurch sollte die kluge Hausfrau belehrt und an die richtige Behandlung des Kühlschranks hingeleitet werden. Jedoch, von der pädagogischen Wirkung nicht so recht überzeugt, hieß es nach den Rezepten: „Die Kühlmaschine einmal im Jahr zu pflegen, dazu verpflichten Sie am besten Ihren Mann!”

Gebrauchsanweisung als Explosionszeichnung: ein StuhlHemmschwellen sollten auch durch die Namen der Maschinen gesenkt werden. Häufig erhielten die Geräte menschliche Züge: „Niki, die Tonbandbox (Grundig)” zum Beispiel oder „verliebt in meinen Kobold (Vorwerk-Staubsauger)”. Wie nüchtern und funktionell ist doch die Sprache in den heutigen Anleitungen geworden: „Multiquick MR 305 (Mixer-Braun)” oder „der 4 Band Stereo-Radio-Recorder mit Doppelcassetten-System für Netz- und Batteriebetrieb CTR 2267”.

Der quälende Dialog - all zu oft ein Monolog - zwischen Techniker und Laien existiert nicht erst seit Leonardo da Vinci; er hinterließ dem Besucher detaillierte Zeichnungen und präzise technische Erläuterungen seiner Erfindungen. Aus dem 16. Jahrhundert stammt die Doppelkolben-Wasserhaltungspumpe von Georg Agricola; der über das Bergbau- und Hüttenwesen referierte. Ferner zeigt die Ausstellung Kostbarkeiten wie die Gebrauchsanleitung für ein antikes Brettspiel oder ein ägyptisches Rezept gegen Husten - beides vor 5.000 Jahren auf Papyrus geschrieben. Als erste deutsche Gebrauchsanleitung zeigt die Ausstellung das Feuerwerkbuch von 1420: ein Handbuch zum Anrühren von Schießpulver.

Viele Literaten hat diese schreibende Zunft wohl nicht hervorgebracht? Der Schriftsteller Franz Kafka warnte in einer Unfallverhütungsmaßregel vor den Gefahren, die Holzhobelmaschinen anhaften können: „Dieses Emporheben und Zurückschleudern des Holzes war weder vorherzusehen, noch zu verhindern, denn dies geschah schon, wenn das Holz an einzelnen Stellen verwachsen oder ästig war, wenn sich die Messer nicht schnell genug drehten oder sich schlecht stellten oder wenn der Druck der Hände auf das Holz ungleichmäßig verteilt war. Ein solcher Unfall aber ging nicht vorüber, ohne dass mehrere Fingerglieder, ja selbst ganze Finger abgeschnitten wurden”. Eine Strafe, die so mancher, von verwirrenden Gebrauchsanweisungen gepeinigter Leser, ihren Verfassern vielleicht wünschen möchte.

Erschienen am 20.05.1997 in der Coburger Neuen Presse


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