Daniela Aschenbach | Die Turbo-Telefoniererin vom DSF | Freier Journalist - Berlin - Rüdiger Voßberg

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Redaktion: Kultur

Die Turbo-Telefoniererin
Ruf mich an: Ein Gespräch zur Aufklärung

Daniela Aschenbach (26) animiert die Anruf-Antwort-Sendung "Sportquiz" auf DSF. 150 Minuten Dauergebrabbel von halb neun bis um elf Uhr. Ihr kontinuierlicher Wortschwall soll die Zuschauer hypnotisieren. Sie ans Telefon locken, um 49 Cents pro Anrufversuch auszugeben. Das Spiel heute heißt: "Zählen Sie alle Karos". Und die vier gezeigten roten Spielkarten haben zusammen offensichtlich den Wert 19. Aber nicht beim DSF. Das wäre ja langweilig. Darum klingelt auch alle 30 Sekunden das Telefon. Das macht 120 Anrufe pro Stunde, wenn wir richtig gezählt haben. Daniela Aschenbach ist eine Turbo-Telefoniererin.
Daniela Aschenbach (26) animiert die Anruf-Antwort-Sendung "Sportquiz" auf DSF

Foto: privat





"Jaaaa ....und liebe Zuschauer, es gibt noch einen letzten Countdown. Jaaa, das ist die letzte Runde."
"Haben Sie die Karos richtig gezählt? Ich hoffe es so seeehhr!"
Das Telefon klingelt.
"Hallo; Ihre Antwort bitte ..."
"19?"
Die Falsche-Antwort Quäcke ertönt.
"Auch das war nicht richtig. Uuuuund ..... es ist gleich 13.45 Uhr, dann löse ich das Spiel auf. Das ist die letzte Runde hier."
Die Uhr läuft.
"Ein Anrufer noch; die letzte Chance mit einer richtigen Antwort die 30.000 Euro zu gewinnen. Das war nur unsere schnelle Aufwärmrunde, und Sie sehen: nur noch zehn Sekunden. Rein in die Leitung: Null, Eins, Drei, Sieben, Neunzig, Sechzig, Fünfhundert. Uuuund ...?"
Ihre Stimme hebt sich.
"Gleich muss ich das Spiel auflösen, wenn Sie es nicht lösen. Zwei, Eins. Und es ist die letzte Runde. Und ich hoffe, Sie haben richtig gezählt!"
Das Telefon klingelt.
Anruferin: "36?"
Die Falsche-Antwort Quäcke ertönt erneut.
"Oh Mensch, das war auch nicht richtig! Die richtige Lösung , liebe Zuschauer: Einhundertsechsunddreissig"
Es wird eingeblendet: 136
"Schauen Sie 'mal, das wäre die Lösung."

Jetzt müssen Sie in der Leitung sein, Frau Aschenbach! Kennen Sie die Nummer wirklich auswendig, die sie während der Sendung ständig propagieren?
Daniela Aschenbach (zögerlich): Jaaaaa... 0137 90 60 500. Wollen Sie auch die von Belgien wissen? Habe ich auf Abruf und ohne nachzudenken.

Nein, danke. Wir glauben es Ihnen....
Die Nummern haben sich bei mir richtig eingebrannt. Und da ich auch noch Shopping- und Reise-Shopping Sendungen bei anderen Stationen präsentiere, muss ich vor meinem Auftritt nochmals in mich gehen. Schließlich darf ich mit den Nummern nicht durcheinander kommen!

Ist das schon einmal passiert?
(zögerlich) Äh, nein .....

Würden Sie selbst als Zuschauerin bei so einer Sendung anrufen?
Kommt darauf an. Eigentlich mache ich bei Gewinnspielen nicht mit, weil ich eh kein Glück habe. Vielleicht bei den schnellen Runden, in denen mindestens drei Anrufer pro Minute ihre Lösungen abliefern dürfen. Hängt vom Spiel ab. Eher beim Zusammenzählen als bei einem Bilderrätsel.

Aber Sie verarschen doch die Zuschauer damit ...
Nein. Es gibt ja auch welche, die die Aufgaben lösen. In meiner Sendung hat ein Anrufer einmal die Karo-Frage richtig beantwortet. Wahrscheinlich erhält man die Lösungen auch von der Zuschauerredaktion des DSF auf Anfrage genannt.

Wie würden Sie jemanden, der die Sendung noch nie gesehen hat, beschreiben?
Ich mache ein Call-In-Format; das ist der gängige Begriff. Aber Leute, die nichts mit den Medien zu tun haben, werden ihn so wohl nicht verstehen. Also: Es ist eine Gewinnspielsendung, in der der Zuschauer die Möglichkeit hat, Geld zu gewinnen. Der Anruf kostet 0,49 €, ist also dasselbe, als ob man an einem Gewinnspiel per Postkarte teilnimmt. Das Porto muss ich ja auch bezahlen, und beim Lotto muss ich auch den Lottoschein bezahlen. Der Zuschauer muss eine Aufgabe lösen, zum Beispiel einen Fehler in einem Bild finden, einen Prominenten erkennen oder Spielkarten zusammenzählen.

Aber es sind doch immer dieselben Spielchen: Dem Schumacher fehlt die linke Augenbraue oder das Portrait von Franz Beckenbauer erscheint hinter einer milchigen Glasscheibe ....
Es sind immer dieselben Bilder, weil sie beim Zuschauer gut ankommen. Es werden die Spiele gemacht, die halt gut funktionieren. Meine Aufgabe ist es, die Spieler irgendwie dran zu halten. Es ist auch klar, dass sich das niemand zwei Stunden am Stück anschaut. Deswegen gibt es im Laufe der Sendung auch immer wieder diese Wiederholungen.

Auf die Dramaturgie der Sendungen haben Sie keinen Einfluss?
Nein, darauf habe ich gar keinen Einfluss. Das macht alles der Redakteur. Ich habe auch keinen Einblick darin, wie viel Leute nun anrufen. Die Moderatoren sollen ihren Job machen und gut ist. Und über meinem Knopf im Ohr erfahre ich vom Redakteur, wie es weiter geht und feuert mich auch schon einmal an.

Also eine sachliche Atmosphäre im Studio?
Ja. Das Studio ist größer als es auf dem Bildschirm wirkt. Meine Ecke ist klein. Ich habe meine Theke, an der ich stehe oder auf einem Hocker sitze. Insgesamt sind wir zu dritt im Studio: ein Kameramann sowie ein Tonassistent. Ich gehe relativ entspannt in die Sendung hinein und komme so auch wieder heraus.

Wie bereiten Sie sich denn vor?
Eigentlich gar nicht großartig. Ich kann einfach losplappern, was mir gerade in den Sinn kommt. Beim Teleshopping ist dies anders, da muss ich auch noch zum Produkt recherchieren, zum Beispiel ein Kochtopfset, da muss es Hand und Fuß haben, was ich erzähle. Dafür gibt es auch entsprechende Schulungen.

Wie halten Sie das durch, das Bild von Steffi Graf oder Franz Beckenbauer eine Stunde lang zu verkaufen? In Vorbereitung auf unser Gespräch habe ich Sie mir 90 Minuten auf dem Bildschirm gegönnt. Nehmen Sie Aufputschmittel um das durchzustehen?
(lacht herzlich): Diese Frage stellen mir viele. Aber ich muss nichts nehmen, um das durchzustehen, denn ich wollte schon immer etwas mit Moderation machen. Moderation als Droge sozusagen.

Haben Sie sich schon einmal selber auf Video angeschaut?
Nein. (lacht wieder). Natürlich weiß ich, dass ich dort viel rede und mich dabei ständig wiederhole, aber ich muss die Leute am "Ball" halten.

Anmache?
Ja. Doch.

Ist Ihnen das unangenehm?
Nö, eigentlich nicht. Ich denke eigentlich schon gar nicht mehr darüber nach, was ich spreche, es fließt von alleine. Es wäre der Horror, wenn ich bereits nach fünf Minuten nicht mehr wüsste, was ich erzähle könnte. Das ist genau die Kunst, ohne Scheu einfach drauf los zu reden, und dafür ist diese Sendung eine harte Schule. Dort muss ich aus Nichts etwas machen.

Haben Sie in der Schule auch schon so viel geredet?
Jaaa, eigentlich immer schon. Sei es beim Schultheater oder beim Gedichtevortragen.

Waren Sie ein vorlautes Kind?
Nein, das nicht unbedingt. Ich wollte schon immer Theater spielen oder Schauspielunterricht nehmen. Und der Wunsch, etwas in den Medien im Bereich Moderation etwas zu machen, war schon früh geboren. Nach dem Abitur habe ich verschiedene Praktika in einigen Regionalsendern absolviert. Ich habe auch in Redaktionen gearbeitet und Nachrichten gelesen. Aber ich bin vom Typ kein Frühaufsteher, eher der Gute-Laune-Vermittler.

Sind Sie privat auch so, oder tragen Sie die Sendung im Kopf mit nach Hause?
Würde ich nach zwei Stunden herauskommen und denken, mein Gott, bin ich alle, dann würde ich den Dienst schleunigst quittieren.

Wie lange wollen Sie die Quizsendung noch machen?
Ich mache das jetzt seit Oktober letzten Jahres und moderiere etwa 8 Quizsendungen pro Monat. Das reicht mir völlig. Mein Vertrag als Freie Mitarbeiterin läuft noch bis Ende dieses Jahres. Und dann schauen wir mal. Dann entscheidet sich, ob Blond oder Dunkelhaarig gefragt ist. Wenn die Dunkelhaarigen nicht mehr gewünscht sind, muss ich vom Bildschirm verschwinden. Ich bin jetzt 26 Jahre alt und frage mich, ob ich das mit 30 Jahren noch machen will oder etwas anderes.

Karriereschädlich ist die Sendung nicht?
Nein! Natürlich stehen diese Formate in der Kritik und haben einen schlechten Ruf, aber trotzdem kann man danach noch seriösere Jobs machen.

Ist das ein lukrativer Job?
Ja....

Wollen Sie verraten, wie viel Sie verdienen?
Nein, das darf ich auf Grund meiner Verträge nicht.

Sind Sie am Umsatz beteiligt?
Teilweise, ja. Erst ab einer gewissen Anzahl von Anrufern. Das ist aber auch nicht so üppig, eher ein kleines Zuckerl.

Wenn Sie von Franz Beckenbauer träumen, ist es ein Zeichen, mit der Sendung aufzuhören?
Ja. (lacht). Ja, das wäre ein deutliches Zeichen!

"Und das war unser Spiel zum Aufwärmen, liebe Zuschauer! Weiter geht's gleich mit dem nächsten Spiel. Uii, schauen Sie 'mal hier, liebe Zuschauer. Wer ist denn das? Wen suche ich?"
Ihre Stimme hebt wieder ab.
"Das ist Ihre Aufgabe!"
Steffi Graf natürlich, sieht doch jeder. Und jeder, der anruft, wird natürlich nicht gleich ins Studio durchgestellt, wäre ja auch zu einfach. Und die Kohle für den Sender futsch. Logo.
"Ganz schnell 'rein in die Leitung! Ich weiß, es ist ein wenig unscharf. Aber wenn Sie die Augen zusammenkneifen, dann sehen Sie es etwas deutlicher. Und wenn ich Ihnen sage, sie wird heut 36 Jahre alt und hat mit Sport zu tun, dann finden Sie's doch raus oder? 30.000 Euro, die Mega-Gewinnchance. Bitte, jetzt 'reinkommen in die Leitung. Wir haben eine offene Buzzer-Runde."
Tick, tack. Tick, tack.
"Und jeden Augenblick kann es klingeln, liebe Zuschauer. Sie wissen, in der offenen Buzzer-Runde es ist so, das der Buzzer aktiviert ist. Hören Sie mal, da läuft schon der Wecker. Und wenn der Wecker tickt, dann klingelt es auch gleich." Warten Sie bitte nicht bis es klingelt liebe Zuschauer, denn wenn es klingelt , ist es schon alles entschieden!"
Eben. Und deshalb klingelt es auch nicht in den nächsten 37 Minuten der Sendung. Auch logo!

Das Gespräch fand im Juni 2005 statt. Natürlich per Telefon.



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(update 11.12.2007)


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